5 Fragen an … Hanna Christiansen

Prof. Dr. Hanna ChristiansenProf. Dr. Hanna Christiansen, Uni Marburg

  • seit 2014 Leitung des Ausbildungsinstituts für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapieausbildung in Marburg
  • seit 2013 Professur für Kinder- und Jugendpsychologie in Marburg
  • Forschung zu ADHS-Diagnostik
  • Mutter-Kind-Beziehung und Kinder psychisch kranker Eltern
  • Jugendliche und Minoritätenstress

5 Fragen an …

Hanna Christiansen

 

1. Als Sie sich erstmals an einer Universität einschrieben, was dachten Sie, wohin Ihr Weg Sie führen würde? Was macht die kinder- und jugendpsychologische Forschung für Sie besonders reizvoll und was halten Sie für mögliche Gründe für die teilweise stiefmütterliche Behandlung dieses Themenbereichs im Bachelorstudium?

Als ich mich zum Wintersemester 1994/95 eingeschrieben habe, hatte ich Neuere deutsche Literatur und Medienwissenschaft (NdL-Medien) im Hauptfach belegt, mit den Nebenfächern Psychologie und Philosophie, und sah meinen Weg klar in der Literaturwissenschaft. Schnell wurde mir allerdings klar, dass Psychologie als Nebenfach nicht sinnvoll ist, so dass ich nach zwei Semestern ein Doppelstudium begonnen habe, mit NdL & Medien auf Magister und Psychologie auf Diplom. Beides habe ich dann parallel verfolgt. Nach meinem Diplomabschluss in Psychologie hatte ich ein Promotionsprojekt in der Germanistik und habe eine 50%-Stelle in der Psychologie angetreten, um dieses Projekt zu finanzieren. Rund ein Jahr lang habe ich beides parallel vorangetrieben, aber die Erfahrungen meines Mannes, der promovierter Germanist ist und enorme Schwierigkeiten hatte, eine Stelle zu bekommen, haben mich dann zunehmend auf die Psychologie umschwenken lassen, so dass ich im Rahmen der klinischen Stelle, die ich damals hatte, meine Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und eine Promotion in einem Forschungsprojekt zur Genetik der ADHS begonnen habe. Reizvoll an dem Kinder- und Jugendbereich ist für mich, dass ich es immer mit einem System zu tun habe (Familie mit Eltern und Kindern, Schule, Kindergarten, gelegentlich auch dem Jugendamt und anderen Einrichtungen), d. h. die Arbeit ist sehr vielseitig und interessant. In der Forschung gibt es noch viele offene Fragen, es mangelt immer noch an guten Diagnose- und Therapiestandards für die verschiedenen Störungen und Altersgruppen, so dass man sich in der Forschung dort „austoben“ kann.

Die stiefmütterliche Behandlung des Faches ist für mich auch immer wieder ein Rätsel, da bis zu zwei Drittel der psychischen Störungen ihren Beginn im Kindes- und Jugendalter haben. Erst in den letzten Jahren scheint dies an den psychologischen Fakultäten zunehmend in den Blick zu kommen und neben der Klinischen Psychologie im Erwachsenenbereich wird der Kinder- und Jugendbereich zunehmend ausgebaut, was in der Folge dazu beiträgt, dass sich auch mehr Psychologiestudierende für die klinische Kinder- und Jugendpsychologie und eine Therapieausbildung in diesem Bereich interessieren.

 

2. Welcher Teil Ihrer Arbeit als Psychologe hat Ihnen bisher am meisten Freude gemacht? Gibt es ein Lieblingsprojekt, das Sie am glücklichsten gemacht hat? (Warum?)

Ich habe eigentlich immer nur das gemacht, wozu ich Lust hatte und was mir auch Spaß macht. Insofern habe ich eigentlich kein Lieblingsprojekt. Ich stelle auch fest, dass eigentlich alles, womit ich mich intensiv beschäftige, Spaß macht und interessant ist. Häufig hat sich aus einem Projekt dann eine neue Fragestellung für ein Folgeprojekt ergeben. Im Bereich der ADHS (vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter) haben wir jetzt über mehrere Jahre Forschung zu diagnostischen Verfahren gemacht und den diagnostischen Standard, den wir mittlerweile erreicht haben, finde ich richtig gut und denke, dass wir damit zu einer sehr guten Patientenversorgung beitragen — das ist schon toll, so etwas täglich zu erleben.

 

3. Wenn Sie in der Zeit zurückreisen und Ihrem Studenten-Ich einen Ratschlag geben könnten, welcher wäre das? Würden Sie es tun?

Ich hatte eine tolle Zeit — mit viel Hochschulpolitik, der Möglichkeit, in die unterschiedlichsten Fächer reinzuschnuppern, Praktika im Ausland. Vielleicht würde ich mir raten, noch mehr von den internationalen Angeboten (Erasmus etc.) Gebrauch zu machen.

 

4. Gibt es irgendetwas, das Sie allen Psychologiestudenten gerne sagen würden; einen Ratschlag oder sonst etwas, das wir Ihrer Meinung nach alle wissen sollten?

Ja, kommen Sie zu den Lehrveranstaltungen! Die sind nicht dazu da, Sie zu schikanieren, sondern wir wollen Ihnen wirklich etwas beibringen. Insbesondere Veranstaltungen wie Übungen oder die Fallseminare, in denen Sie gemeinsam mit den Dozenten Patienten behandeln, leben davon, dass Sie aktiv teilnehmen.

 

5. Zum Abschluss: Bitte erzählen Sie uns Ihren liebsten (bevorzugt Psychologie-bezogenen) Witz!

Da bin ich nicht wirklich gut. Ich erinnere mich aber, dass meine AG in der Küche eine Postkarte aufhängte, als ich einen Ruf nach Bielefeld hatte: „Tobias, wir müssen Dir sagen, dass wir als Familie an einen sicheren Ort gehen müssen, den keiner kennt“ — Die Antwort können Sie sich denken.

BONUS-Frage: Haben Sie einen Vorschlag, wer unsere 5 Fragen als nächstes beantworten sollte?

Prof. Dr. Ricarda Steinmayr von der TU-Dortmund.

 

Wir bedanken uns herzlich für das Interview!

Schreibe einen Kommentar