Einheit der Psychologie? – Interview mit Erich H. Witte

0
531

[highlight style=”pear-green”]Wie steht es um die Einheit der Psychologie?[/highlight]

[highlight style=”pear-green”]Ein Interview mit Erich H. Witte[/highlight]

Praktikum

https://i1.rgstatic.net/ii/profile.image/AS%3A272194529919003@1441907641712_l/Erich_H_Witte.png

Prof. Dr. Erich H. Witte hat an der Universität Hamburg den Arbeitsbereich Sozialpsychologie bis zum 30.09.2011 geleitet. Inzwischen ist er im Ruhestand, ist jedoch weiter vielfältig aktiv, u. a. in der DGPs und bei www.wissenswert-journal.de — einem Online-Journal, das Psychologie-Professoren die Gelegenheit gibt, in gesellschaftlichen Belangen mitzumischen.

Innerhalb der DGPs wurde und wird in letzter Zeit über sehr grundsätzliche Problemkreise der Psychologie und damit verbunden auch des Psychologiestudiums diskutiert — wovon Studierende, sofern sie nicht studentische Mitglieder sind, allerdings kaum etwas mitbekommen. Darum möchten wir hier die Gelegenheit nutzen, den aktuellen Stand der Debatte zusammenzufassen, mit Ihnen über Ihre Sicht der Dinge zu sprechen und diese Informationen für die Studierenden nach außen zu tragen.

 

Auslöser der aktuellen Diskussion war das viel diskutierte Positionspapier zur Lage der Allgemeinen Psychologie (Bermeitinger et al., 2016) — eine Stellungnahme der DGPs-Fachgruppe “Allgemeine Psychologie” zu ihrem Verhältnis zu Forschung und Lehre. Die Gruppe bemängelt, dass aus einer zunehmenden Betonung von Anwendung im Studium unweigerlich eine Vernachlässigung von Grundlagen- und Methodenwissen resultiere, was jedoch für jede sinnvolle Anwendung und für jede Weiterentwicklung unverzichtbar sei. Sie sieht effektiv die Einheit der Psychologie, insbesondere der Grundlagen- und Methodenfächer, durch solche Entwicklungen — konkret durch das geplante Direktstudium Psychotherapie sowie durch spezifische Master (z. B. Wirtschaftspsychologie) — gefährdet. Eine Vernachlässigung der breiten Grundlagen- und Methodenausbildung werte die Abschlüsse ab und schmälere die derzeit noch sehr breiten Berufsperspektiven. Abschließend macht die Gruppe zwei Vorschläge zur Wahrung der Einheit der Psychologie:

  1. Der B. Sc. soll eine solide, polyvalente Grundlagenausbildung bieten — Stärkung der Grundlagen und Methoden, Reduktion der Anwendungsfächer im B. Sc., Spezialisierung auf Psychotherapie frühestens nach dem B. Sc.
  2. “Einheit des Faches heißt Einheit des Abschlusses: Master in Psychologie” — zu starke Spezialisierung von M.-Sc.-Studiengängen vermeiden.

Es folgten eine Vielzahl von Stellungnahmen und Diskussionsbeiträgen aus anderen Fachgruppen, die an dieser Stelle nicht alle wiedergegeben werden können — nachzulesen in der Psychologischen Rundschau (2016), 67 (3), 175 – 207. Auf einige soll hier aber kurz eingegangen werden. Was den Diskussionsbeiträgen gemein ist und uns darum heute beschäftigt, ist die Frage: Wie steht es um die Einheit der Psychologie?

 
 

[highlight style=”pear-green”]Zum Einstieg für uns Studierende, die die Diskussion nicht von Anfang an mitverfolgt haben: Warum ist es wichtig, dass diese Diskussion geführt wird?[/highlight]

Es gibt seit dem Anfang der modernen Psychologie schon immer eine Krisendiskussion. Sie hat viel damit zu tun, dass die Zugänge zu den psychischen Phänomenen sehr unterschiedlich sind, z. B. Befragung, Beobachtung, Introspektion, Experimente, Messung körperlicher Reaktionen, Reaktionszeiten, genetische Ausstattung, Aktivierung von Hirnaktivitäten etc. Was ist das Gemeinsame an diesen Zugängen? Nur wenn ein gemeinsamer Kern existiert, der über unterschiedliche Zugänge (Datenquellen) erfasst werden kann, haben wir eine Wissenschaftsdisziplin Psychologie. Die Psychologie, so wie sie heute betrieben wird, ist ferner in unterschiedlichen Bereichen tätig und wird dort ohne einen gemeinsamen inhaltlichen Kern in diesen Tätigkeitsfeldern als Hilfswissenschaft aufgehen, wenn ihre Einheit nicht deutlich gemacht wird. Wenn der Psychotherapeut aus den Bereichen Medizin und Psychologie als Ausbildungshintergrund seine Approbation erhalten kann, was daran ist jetzt Psychologie und was Medizin? Wenn man sich im juristischen Bereich als Mediator ausbilden lassen kann, der als Hintergrund eine juristische oder eine psychologische Ausbildung mitbringen kann, was daran ist dann noch Psychologie? Wenn man Organisationsentwicklung betreibt, dann kann man Betriebswirt oder Psychologe sein. Was daran ist Psychologie? Wenn man Erziehungsberatung betreibt in Beratungsstellen, dann kann man Sozialpädagoge oder Psychologe sein. Was daran ist noch Psychologie? Diese zentrifugalen Kräfte durch die enge Bindung an Praxisfelder könnten die Psychologie als Fach obsolet werden lassen. Manche Kollegen vertreten die These, dass die Psychologie als Einheit nicht erhalten bleiben kann, weil die inneren Widersprüche (Themen und Zugangsquellen) zu groß sind. Ich persönlich halte die Psychologie für die zentrale Disziplin im Sinne der Aufklärung. Sie sollte uns Erkenntnisse über den „Menschen“ und die individuellen Mitglieder der Art liefern, gezielter Schwierigkeiten auf unserer Erde beherrschen zu können, positive Entwicklungen zu fördern und individuelle Lebensläufe gestalten zu helfen. Dafür braucht es eine Psychologie als Einheit.

 

[highlight style=”pear-green”]Überfliegt man die Diskussion des Positionspapiers in der Psychologischen Rundschau, kann man den Eindruck gewinnen, dass jede Subdisziplin ihre Chance nutzt, an ihren zentralen Stellenwert zu erinnern, anstatt eine Einordnung in ein einheitliches Gesamtsystem vorzunehmen. Woran mag das liegen?[/highlight]

Diese Stellungnahmen kann man sich auch  ohne Sekundärmotivation beim Kampf um wichtige Ressourcen  wie folgt erklären: Nehmen Sie an, dass die Psychologie inhaltlich ein System aus Subdisziplinen darstellt, dann wird immer die eigene Position, von der aus man das System betrachtet, im Zentrum stehen. Man muss eine Außenperspektive einnehmen, um diese systemischen Zusammenhänge zu erkennen. Eine Außenperspektive kann man aber nur einnehmen, wenn man das System Psychologie und ihren Gegenstand als Einheit betrachtet, aus dem Blickwinkel einer generellen Theoretischen Psychologie.

 

[highlight style=”pear-green”]In einem Diskussionsbeitrag aus der FG Geschichte der Psychologie (Allesch et al., 2016) wird darauf verwiesen, dass im Zuge der Diversifizierung unserer Disziplin regelmäßig “Krisen der Psychologie” ausgerufen werden (so bereits 1927 in Karl Bühlers “Krise der Psychologie”); sind das einzelne, neu auftretende Probleme, oder handelt es sich gewissermaßen um eine “verschleppte Krise”, die sich immer wieder zeigt, weil sie immer nur oberflächlich behandelt wurde?[/highlight]

Ich neige sehr stark dazu, dass die Psychologie wegen der höchst unterschiedlichen Fragestellungen und Zugänge sich vor der Herausarbeitung des gemeinsamen Kerns gedrückt hat. Man hat es bei einer unverbindlichen Beschreibung belassen: „Die Psychologie ist eine empirische Wissenschaft und vereint Elemente der Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften.“

 

[highlight style=”pear-green”]“Raum für alle hat das große Haus der Psychologie”, zitieren Allesch und Kollegen Bühler weiter und erkennen darin “eine Vorstellung der Einheit der Psychologie, die nicht normativ, sondern differenziell und dynamisch gedacht werden muss” (Allesch et al., 2016, S. 187). Welche konkreten Handlungsimplikationen beinhaltet das?[/highlight]

Offensichtlich sollte jedem klar sein, dass nicht das Handeln (Psychologie ist, was Psychologen machen, lehren, in Prüfungsordnungen schreiben etc.) die Inhalte erfassen kann, sondern nur die Inhalte mit ihren Beziehungen zueinander für eine Definition geeignet sind. Das hat zur Folge, dass wir dringend eine Theoretische Psychologie brauchen, die die internen Probleme der Psychologie aufgreift (siehe hierzu J. Fahrenberg (2015). Theoretische Psychologie. Lengerich: Pabst). Ich teile nicht seine Schlussfolgerung, dass die “Schlüsselkontroversen der Psychologie eine Vereinheitlichung oder Meta-Theorie unmöglich machen” (S.765). Aber man muss diese Kontroversen neu führen, insbesondere auch auf dem Hintergrund einer Evolutionären Psychologie, die ja (dynamisch) eine wichtige Perspektive als Grundlage in die Psychologie hineingebracht hat. Für die Sozialpsychologie, in der ich mich besser auskenne, ist das erst ca. 20 Jahre her.

 

[highlight style=”pear-green”]Sehr deutliche Worte findet in seinem Diskussionsbeitrag Knauff (2016), der die Rettung der Psychologie darin sieht, sich der Neurowissenschaft und der Klinischen Psychologie und Psychotherapie zu entledigen  beides sei bei den Medizinern besser aufgehoben. Auch viele andere Beiträge nutzten die Gelegenheit, um sich zum Verhältnis von Psychologie und Neurowissenschaft zu äußern  manche warnen vor internen Abgrenzungstendenzen und fordern zu gemeinsamem Wachsen auf, andere sehen in ihr eine fremde Subdisziplin, die die Allgemeine Psychologie bedroht. Sind solche Nachbarschaftsstreitigkeiten innerhalb einer Wissenschaft normal oder ein Spezifikum der Psychologie? Wie kann so etwas produktiv für das Wachstum unserer Disziplin genutzt werden?[/highlight]

Alle Rahmendisziplinen, die sich mit dem Menschen beschäftigen, haben eine enge Beziehung zur Psychologie. Genau hieran erkennt man die zwei Tendenzen, die an der Psychologie als Wissenschaft zerren. Man kann inhaltlich Teile der Psychologie als Elemente der Rahmendisziplinen ansehen, oder aber man sieht die Psychologie als übergeordnete Wissenschaft an, die an den Schnittstellen ihr Wissen in Anwendungsbereiche hineinträgt oder gemeinsam (auf Augenhöhe) mit anderen Wissenschaften kooperiert. Es bleibt aber Psychologie.

Ist z. B. Psychotherapie nicht eine intensive Einstellungsänderung (Sozialpsychologie) unter besonders wirksamen Bedingungen? Findet man nicht ähnliche Einflüsse in der Sozialisation, der Pädagogik, der Organisationsentwicklung etc. ebenfalls? Dann ist Psychotherapie nicht Medizin, sondern Psychologie.

Was an der Neurowissenschaft ist das Neue, abgesehen von der tieferen Beobachtung des Geschehens, wenn man von der Phrenologie über die EEG-Forschung zu den Bildgebenden Verfahren geht? Es geht ja nicht um die Diagnose von Krankheiten, sondern um die Verbindung zwischen dem menschlichen Mikrosystem und seinen neurologischen Strukturen. Zu diesen Grundlagen gehören dann auch Physiologie und Endokrinologie (z. B. Oxytocin, Dopamin, Serotonin) als biologische Ausstattung des Homo sapiens. Wir sollten diese biologischen Grundlagen als Rahmen für psychologische Gesetze und Theorien nehmen, aber nicht den Menschen auf seine Biologie beschränken. Der Homo sapiens und das individuelle Mikrosystem Persönlichkeit ist nicht auf seine DNA [ehem. “DANN”, Tippfehler korrigiert am 6.9. / Anm. Red.] zu reduzieren. Das ist eine Form von unangemessenem Reduktionismus. Es stehen immer die menschlichen Verarbeitungsprozesse höherer Ordnung im Zentrum der Psychologie und nicht die genetischen, neurologischen, physiologischen oder endokrinologischen Vorgänge selber. Diese biologischen Vorgänge beschränken menschliche Reaktionsmöglichkeiten (z. B. beim Hören und Sehen), sie können menschliche Verarbeitungen beeinflussen (z. B. Testosteron), aber sie determinieren diese menschlichen Verarbeitungsprozesse nicht.

 

[highlight style=”pear-green”]Renner et al. (2016) definieren die Einheit der Psychologie als Einheit der Grundlagen-, Anwendungsfächer und Forschungsmethoden und sind der Ansicht, den Forschungsmethoden inklusive der Diagnostik käme dabei die entscheidende einheitsstiftende Rolle zu  so ließe sich Einheit auch gerade durch Schwerpunktsetzungen im Master-Studium fördern. Was halten Sie davon  ist die Vermittlung umfassender inhaltlicher Grundlagen für die Einheit der Disziplin unverzichtbar, oder liegt der Schlüssel in der Vermittlung solider Methodenkenntnisse und einer Kompetenz, zu erkennen, wann es an inhaltlichen Grundlagen fehlt und sich diese nach Bedarf anzueignen?[/highlight]

Die Methodenkenntnisse liefern zum einen die wissenschaftliche Grundlage zur Beurteilung von Ergebnissen oder zur eigenen Forschung, zum anderen kann die Ausbildung in diagnostischen Methoden den notwendigen Zugang zu psychologischen Inhalten liefern, den man sonst nicht erhalten würde. Das ist Handwerkszeug für die psychologische Tätigkeit und notwendig, aber nicht hinreichend. Entscheidend ist das Wissen um Gesetzmäßigkeiten und Theorien. Nur wer inhaltlich differenziert sich mit dem menschlichen Individualsystem beschäftigt, kann komplexe Sachverhalte erkennen und manche alltagspsychologische Vereinfachung vermeiden.

 

[highlight style=”pear-green”]Sie haben in einer DGPs-Rundmail angemerkt, ein inhaltlicher Kern der Disziplin sei zwar intuitiv vorhanden, jedoch nirgendwo so expliziert, dass sich daraus die eigene innere Zusammengehörigkeit und klare Abgrenzungen zu anderen Fächern ergeben würden. Mein Eindruck ist, dass eine zunehmende interdisziplinäre Verquickung aller Disziplinen stattfindet  ist angesichts dessen eine innere Zusammengehörigkeit, die Definition einer kohärenten Identität für die Einheit der Psychologie nicht wichtiger als die Abgrenzung zu anderen Fächern? Und schließlich: kein inhaltlicher Kern = keine Zukunft?[/highlight]

Einheit und Abgrenzung sind nur zwei Seiten derselben Medaille. Wenn es keine Einheit gibt, dann kann es keine Abgrenzung geben. Viel wichtiger ist aber, dass durch die Einheit erst die Zusammenarbeit gefördert wird, weil man weiß, was eine einheitliche Psychologie für Wissen zur Verfügung stellen kann. Ansonsten bleibt die Psychologie eine Hilfswissenschaft, die in jedem Feld ihre eigene Anwendung mit eigenem Vokabular und eigenen theoretischen Konstruktionen mit fraglichen Qualitäten erzeugt.

 

[highlight style=”pear-green”]Was sehen Sie als mögliche Gründe für das Fehlen des inhaltlichen Kerns?[/highlight]
Das habe ich oben schon erläutert.

 

[highlight style=”pear-green”]Wolfradt & Lüdmann (2016, S. 189) ziehen in ihrer Stellungnahme zum Positionspapier aus fachhistorischer und erkenntnistheoretischer Perspektive den Schluss, dass nunmehr die Etablierung einer Theoretischen Psychologie als Gegenstück zur empirischen Psychologie notwendig ist. Zur Gründung einer solchen Arbeitsgruppe hatten Sie die FG Geschichte der Psychologie ebenfalls aufgerufen. Können Sie für uns Studierende erklären, (1) was das erste Arbeitsziel der neu zu schaffenden Arbeitsgruppe sein wird (jedenfalls aus Ihrer Sicht), (2) wie diese die zunehmende Spaltung zwischen Grundlagen- und Anwendungsfächern kitten und die Einheit der Psychologie sichern kann und (3) wie sie zur Lösung der Replikationskrise beitragen kann?[/highlight]

Die Fragen sind nett. Die Antwort werde ich wohl in Buchform liefern. Aber kleine Teile davon kann ich schon beantworten. Die Replikationskrise, an deren Überwindung wir gerade methodisch arbeiten, lässt sich nur über einen Ansatz lösen, der auch inferenzstatistisch angegangen werden muss, indem man Forschungsprogramme etabliert, die nicht nur Neues entdecken (Abweichung vom Zufall; Entdeckungszusammenhang), sondern auch theoretische Annahmen überprüfen (relative Bestätigung, Begründungszusammenhang). Die Spaltung von Grundlagen- und Anwendungsfächern ist fatal. (Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie, aber auch nichts ist so theoretisch wertvoll wie eine gute Praxis.) Wissenschaftstheoretisch muss man erkennen, dass es zur Überprüfung der Bewährung von Theorien vier Partialmethodologien gibt, die unabhängig sind. Die eine ist die klassische experimentelle Grundlagenforschung im Labor (Szientismus) und die andere der kontrollierte Einsatz im Feld zur Erreichung eines konkret vorgegebenen Ziels (Aktionsforschung, Praxis). Es gibt auch noch die Hermeneutik mit der (individuellen) Introspektion und die Ideologiekritik mit der Korrelationsforschung. Eine gute Theorie muss sich in den vier Partialmethodologien bewähren. Wenn nun jede Wissenschaft aus „guten“ Theorien besteht, dann gibt es zwar eine Arbeitsteilung im Umgang mit den Theorien, aber selbst methodologisch keine strikte Trennung. Wir haben nur im Rahmen der Aufklärung gelernt, dass man arbeitsteilig an eine Wissenschaft herangehen muss. Das Arbeitsziel einer Theoretischen Psychologie könnte darin bestehen, die von Fahrenberg (2015, S. 71) genannten sechs Kontroversen zu bearbeiten. Ferner kann man konkret einzelne Bereiche beispielhaft theoretisch zu integrieren versuchen. Ich habe das im Bereich der Kleingruppenforschung versucht. Ein elektronisch leicht zugängliches Papier findet sich unter: http://psydok.psycharchives.de/jspui/handle/20.500.11780/485.

Ansonsten habe ich ein Buch über Gruppenmoderationstechniken als Anwendung abgeleitet aus der Kleingruppenforschung publiziert (E. H. Witte (2012). Gruppen aufgabenzentriert moderieren. Theorie und Praxis. Göttingen: Hogrefe.) Das sind Beispiele, wie man konkret beim Verhältnis von Theorie und Praxis vorgehen kann. Eine Theoretische Psychologie würde auf solche Felder aufmerksam machen und diese angehen. Bisher gewinnt man in der Wissenschaftsdisziplin vorwiegend, wenn man etwas “Tolles” entdeckt hat.

 

[highlight style=”pear-green”]Sie erwähnten in besagter Rundmail auch eine Anfrage des Wissenschaftsrates zu den Perspektiven der Psychologie; der Wissenschaftsrat betone die “fragile Einheit” unserer Disziplin und erkenne die Abspaltung einer Psychotherapie-Psychologie. Können Sie uns Inhalt und Konsequenzen dieser Anfrage erklären (d. h. warum hat der Wissenschaftsrat diese Anfrage gestellt, an wen, und welche Folgen hat das)? Wie wurde/wird darauf reagiert?[/highlight]

Das müssen sie die Präsidentin der DGPs fragen. Ich habe das nur aus den Mitteilungen der DGPs entnommen.

 

[highlight style=”pear-green”]Zum Abschluss: Die DGPs hat kürzlich ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das belegen soll, dass ein Masterabschluss zur Ausübung des vollen Berufsbildes des Psychologen unerlässlich ist  Ziel des Gutachtens, sofern es dies überzeugend belegen kann, ist die Schaffung eines aus Art. 12 GG entstehenden Anspruches der Bachelor-Absolventen auf einen Master-Platz. In der Rundmail bemerkten Sie dazu:[/highlight]

[highlight style=”pear-green”]“Die Idee der notwendigen Verbindung zwischen Bachelor und Master könnte auch dazu führen, dass es einfach einen anderen Bachelor geben muss, der dann auch berufsqualifizierend ist, für verschiedene Berufe, aber nicht für Psychologie. Die Notwendigkeit beider Teile für die Psychologie ergibt sich letztlich nur aus der inhaltlichen Einheit des Faches.”[/highlight]

[highlight style=”pear-green”]Könnten Sie näher ausführen, was Sie mit einem Bachelor meinen, der für verschiedene Berufe, nicht aber für die Psychologie berufsqualifizierend ist? Inwiefern ergibt sich die Notwendigkeit beider Teile (des B. Sc. und des M. Sc.) nur aus der inhaltlichen Einheit des Faches?[/highlight]

Das, was der jetzige Bachelor lehrt, nämlich Methoden und Forschung, ist genau das, was die Arbeitgeber nicht als relevant für die Ausübung eines psychologischen Berufes ansehen. Überall, wo der Kontakt mit Menschen im Zentrum steht, könnte man einen Bachelor mit teilweise psychologischem Inhalt ausbilden, im Sport, im Personalwesen, im Rechtswesen, in der Wirtschaft, in der Arbeitsvermittlung, in der Studienberatung, im Umgang mit Migranten, im Lehrerberuf vielleicht sogar mit dem Unterrichtsfach Psychologie etc. Man würde dann die Psychologie für diesen Bereich als Handlungsform und als Wissensinhalt weitergeben. Das ist dann aber kein Psychologe, sondern eine Ausbildung, die auch Psychologie beinhaltet, mit anderen Schwerpunkten. Die Psychologie ist nur Hilfswissenschaft. Dafür gibt es sicherlich einen Bedarf. Ich habe das an anderer Stelle in unserem e-Journal über Werte weiter ausgeführt: http://www.wissenswert-journal.de/wissenswert_2014_03.pdf.

Wenn die Psychologie einen in sich geschlossenen Kernbereich besitzt, der nur gemeinsam gelehrt werden kann, weil das Fach eine systemische Einheit bildet, dann gehören alle notwendigen Inhalte zu einer Ausbildung, die nur über ein gemeinsames Studium von Bachelor und Master geleistet werden kann. Eine Spezialisierung auf Kosten gewisser Inhalte ist dann nicht zulässig, weil alle Kenntnisse und Fähigkeiten sich gegenseitig stützen. Bricht man einen Teil heraus, kann das zu einem Scherbenhaufen führen. Die Sonderstellung der Klinischen Psychologie ist ja nicht nur durch das besondere Interesse der Studierenden begründet, sondern vor allem dem politischen Einfluss und der “Ausbeutung” von Master-Psychologen ohne Approbation im psychotherapeutischen Feld als fast vollwertige Therapeuten in einem Stadium eines Praktikanten. Klinische Psychologie als Heilberuf ist ja nicht nur Psychotherapie im engeren Sinne nach den anerkannten Therapie-Methoden, sondern auch die Behandlung von Demenz, Diabetes, Behinderung, Traumata, Paaren, Familien etc. Meine Befürchtung ist, dass sich Ausbildungen zu sehr nach ökonomischen Effizienzkriterien ausrichten und nicht nach inhaltlichen. Diese inhaltlichen Kriterien gibt es aber nur bei der inhaltlichen Definition von Psychologie. Die Klinische Psychologie und Psychotherapie sind dann nur wichtige Anwendungsfelder nicht der Medizin (es geht nicht primär um die körperliche Ausstattung) sondern der Seite der menschlichen Verarbeitung auf dem Hintergrund der körperlichen Ausstattung.

 

[highlight style=”pear-green”]Daran anschließend: Bei gleichbleibendem Arbeitsmarkt, wie müsste dieser andere Bachelor aussehen, um bei gleichbleibender Studiendauer plötzlich berufsqualifizierend zu sein  und seine Absolventen zu befähigen, sich bei Stellenbewerbungen gegen Mitbewerber mit Master- oder Diplomabschluss durchzusetzen?[/highlight]

Generell kann man nicht erwarten, dass eine kürzere Ausbildung zu gleicher Qualität führt. Man könnte sich aber vorstellen, dass sich in einem berufsqualifizierenden Bachelor vor allem die Anwendungsfächer (ABO, Pädagogische, Klinische, Wirtschafts- Psychologie …) wiederfinden, die Forschungsmethoden dagegen nur am Rande eine Rolle spielen. Man würde sozusagen den jetzigen Bachelor vom Kopf auf die Füße stellen. Wahrscheinlich hätte das didaktisch auch die Konsequenz, dass die Studierenden die wissenschaftlichen Begründungen und Methoden besser festmachen können an den gelehrten Inhalten. Nach meiner Meinung haben wir zu schnell das Diplomstudium mit seinen Inhalten beim Vordiplom und Hauptdiplom übertragen auf das Bachelor-Master-Studium. In der Schule gab es ein vergleichbares Problem. Weil die Mengenlehre sich hervorragend für die Integration der Rechenarten eignet, hat man diese früh gelehrt und dann erst das konkrete Rechnen. Das hat man aber wieder aufgegeben, weil das zu abstrakt war und Kinder sowie Eltern mit dem Rechnen vertraut waren. So ähnlich scheint es mir mit den wissenschaftlichen Methoden im Bachelor-Studium (Methodenlehre, Statistik) zu sein. Diese abstrakten Inhalte sind für alle Teildisziplinen der Psychologie unverzichtbar, aber zu wenig konkret. Die psychologischen Inhalte bleiben außen vor, auf die aber die Methoden angewendet werden sollen oder wurden. Diese Inhalte werden dann auch aus studentischer Sicht eher abgewertet und ihre Bedeutung verkannt, wenn man sie zu früh lehrt. Auf diesen Punkt bin ich auch an anderer Stelle in unserem e-Journal “Wissenswert” eingegangen: http://www.wissenswert-journal.de/wissenswert_2016_01.pdf.

 

[highlight style=”pear-green”]Falls sich die FG Geschichte der Psychologie zur vorgeschlagenen Gründung einer Arbeitsgruppe Theoretische Psychologie entschließt: Gibt es Möglichkeiten für studentische DGPs-Mitglieder (oder außenstehende Studierende), daran mitzuwirken, und allgemein darüber auf dem Laufenden gehalten zu werden?[/highlight]

Wir müssen aktiv um die jungen Studierenden werben, sich in diesem Bereich zu engagieren, weil im Augenblick noch wenig Interesse daran herrscht. Die Fachgruppe Geschichte der Psychologie wäre ein Ansprechpartner. Wenn sie nicht weiter kommen und die Wege noch zu holperig sind, dann können sie sich an mich wenden: witte_e_h@uni-hamburg.de. Sie sind die Zukunft, auch für unsere Fachdisziplin. Irgendwann würde ich mir wünschen, was ich auch meinen Studierenden sage, dass Psychologen wie Mediziner und Juristen es in ihrem Bereich gewohnt sind zu fragen, bei der Betrachtung psychischer Phänomene: Sie sie Psychologe?

 

[highlight style=”pear-green”]Wollen Sie sonst noch etwas zum Thema loswerden?[/highlight]

Ich möchte mich nicht um den Versuch einer Explikation von Psychologie drücken, um die Gemüter und die Köpfe anzuregen, auch zum Widerspruch, aber vor allem um die generelle Vermeidung dieser Thematik zu durchbrechen:

Die wissenschaftliche Psychologie untersucht das menschliche Individualsystem, das auf der Basis biologischer Prozesse mit Hilfe kognitiver, affektiver und konativer (behavioraler) Fähigkeiten seine Fortpflanzungsfähigkeit optimiert.

 
 

[highlight style=”pear-green”]Vielen Dank für das Interview![/highlight]

 

Quellen:

Allesch, C. G., Allolio-Näcke, L. & Morgenroth, O. (2016). Wie viel Einheit braucht die Psychologie? Psychologische Rundschau, 67, 186 – 187.

Bermeitinger, C., Kaup, B., Kiesel, A., Koch, I., Kunde, W., Müsseler, J., Oberfeld-Twistel, D., Strobach, T. & Ulrich, R. (2016). Positionspapier zur Lage der Allgemeinen Psychologie. Psychologische Rundschau, 67, 175 – 179.

Knauff, M. (2016). Es ist noch nicht zu spät für die Rettung der Psychologie. Psychologische Rundschau, 67, 205 – 207.

Renner, K.-H., Rammstedt, B., Rentzsch, K. & Egloff, B. (2016). Wege zur Erhaltung der Einheit der Psychologie. Psychologische Rundschau, 67, 200 – 202.

Wolfradt, U. & Lüdmann, M. (2016). Stellungnahme zum Positionspapier zur Lage der Allgemeinen Psychologie aus fachhistorischer und erkenntnistheoretischer Perspektive. Psychologische Rundschau, 67, 188 – 190.