PiA – Psychotherapie und Ausbildung

Mit einem abgeschlossenen Psychologiestudium – mit Master oder Diplom – ist es (in Deutschland) möglich, das zu erlernen, was die meisten Laien bereits unter „Psychologie“ verstehen: Psychotherapie. Seit 1999 existiert in Deutschland das Psychotherapeutengesetz (PsychThG), dass sowohl den Titel „PsychotherapeutIn“ schützt als auch die Ausbildung zum/r selbigen regelt. In Österreich gibt es zum selben Zweck das Psychotherapiegesetz, in der Schweiz das Psychologieberufegesetz (PsyG). In allen drei Ländern unterscheiden sich die Bedingungen der Ausbildung erheblich, es gibt aber auch große Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel werden in allen drei Ländern für die Anerkennung als PsychotherapeutIn Nachweise sowohl über theoretische als auch über praktische Ausbildungsteile verlangt.

Ausbildungskandidaten werden oft als „Psychotherapeuten in Ausbildung“ oder kurz „PiAs“ bezeichnet. Dies ist nach aktueller deutscher Rechtsprechung jedoch eigentlich nicht erlaubt! Selbst mit dem Zusatz „in Ausbildung“ gilt dies nämlich als Titel-Anmaßung, erst nach erfolgter Approbationsprüfung darf sich der/die AusbildungskandidatIn als PsychotherapeutIn bezeichnen. Die auch häufig gebräuchliche Ausschreibung von „PiAs“ als „Psychologen in Ausbildung“ ist erstens ungenau, denn oft genug sind damit auch Kinder- und-Jugend-PsychotherapeutInnen gemeint, die ja nicht immer ein Psychologie-Studium abgeschlossen haben, und zweitens missverständlich, da PP-AusbildungskandidatInnen per definitionem ja bereits fertige PsychologInnen, demnach nicht in Ausbildung dazu befindlich sind.

Es gibt schon seit geraumer Zeit Bestrebungen, das Psychotherapeutengesetz in Deutschland zu reformieren. Seitens der Ausbildungskandidaten werden mangelnde Tarifvorgaben bei der Bezahlung während der Klinikzeit und rechtliche Grauzonen bemängelt (man darf vor der Approbation eigentlich keine Heilbehandlungen durchführen, muss diese zum Erwerb der Approbation aber nachweisen können). Die Regierung ihrerseits wünscht sich eine verkürzte und stärler genormte Ausbildung. Ein Vorschlag, der sich langsam aber sicher durchzusetzen scheint, ist das Direktstudium Psychotherapie. Das würde bedeuten, zukünftige PsychotherapeutInnen würden wie bisher zunächst fünf Jahre studieren, wobei der Schwerpunkt von Anfang an auf klinischer Psychologie läge, und bekämen mit dem Master auch die Approbation sozusagen auf Probe erteilt. Es würde eine mehrjährige berufsbegleitende Weiterbildung folgen, wie sie auch die medizinischen FachärztInnen absolvieren. Die Vor- und Nachteile dieser Lösung werden auf einer eigenen Homepage der DPtV übersichtlich und ausführlich erläutert.
Im Folgenden soll der (noch) aktuelle Ausbildungsweg in Deutschland geschildert werden.

Psychotherapieausbildung (PP) in Deutschland

Bewerbung

Du hast deinen Master oder dein Diplom in Psychologie in der Tasche? Dann kann’s ja mit der Ausbildung losgehen! Bei vielen Instituten ist die Bewerbung bereits mit einem vorläufigen Abschlusszeugnis (wird von den Prüfungsämtern auf Anfrage ausgestellt) möglich, wenn nur noch ein oder zwei Prüfungsleistungen ausstehen. Manche Institute sind sehr beliebt, bei denen sollte man sich also schon früh bewerben, bei anderen reicht eine Bewerbung wenige Tage vor Ausbildungsstart. Es ist darum nicht schlecht, sich bereits im vorletzten oder letzten Semester ein wenig umzuschauen, wo es einen hinzieht, und dann möglicherweise die Institute direkt anzuschreiben, um zu erfahren, wie sie mit Bewerbungen umgehen. Die PiA-AG von ver.di hat eine Broschüre dazu herausgeben, wonach man sich bei der Auswahl seines Wunsch-Instituts orientieren kann. Außerdem sollte man sich natürlich überlegen, welches Therapieverfahren man erlernen und ob man anschließend Kinder oder Erwachsene behandeln möchte (siehe dazu die FAQs).

Wie schon aus dieser Broschüre deutlich wird, ist die Ausbildung an verschiedenen Instituten teilweise sehr unterschiedlich strukturiert. Zum Beispiel nehmen manche Institute nur an die 12 Bewerber pro Jahrgang auf und diese absolvieren als feste Gruppe alle theoretischen, Selbsterfahrungs- und supervisorischen Einheiten. Andere Institute nehmen deutlich mehr Teilnehmer auf und diese können sich aus dem Veranstaltungskalender des Instituts selbstständig ihre Seminare und Selbsterfahrungsgruppen zusammen suchen. Ersteres hat den Vorteil einer festen Gruppe, mit der man mindestens drei Jahre lang im stetigen Austausch steht, letzteres bietet mehr persönliche Freiheiten, allerdings auf Kosten der Einbindung in eine Gruppe. Jede/r sollte selbst entscheiden, was ihm/ihr mehr liegt.

Bei der Bewerbung sollte zudem beachtet werden, dass manche Institute bei Einladung eine Art Schutzgebühr erheben, die jede/r BewerberIn entrichten muss, um überhaupt zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Damit versuchen die Institute zu verhindern, dass sich zu viele auf einmal bewerben, die dann trotz Zusage seitens des Instituts kurz vorher doch wieder abspringen und lieber woanders hingehen. Mit dieser Gebühr wird also die Ernsthaftigkeit der Bewerbung getestet. Das ist natürlich für die Bewerber ärgerlich, andererseits reduziert sich so automatisch die Zahl der Mitbewerber und in den meisten Fällen wird die Gebühr bei einer Ablehnung seitens des Instituts sowieso zurück gezahlt und bei dem Zustandekommen eines Ausbildungsvertrags mit den anstehenden Ausbildungskosten verrechnet.

Ausbildungsabschnitte (§8 des PsychThG)

Hat man den Ausbildungsvertrag abgeschlossen, geht es bei den meisten auch schon los: Ein Platz für die praktische Tätigkeit (pT) muss her! Diese praktische Tätigkeit ist eigentlich als Praktikum gedacht, bei der man Kaffee kocht und erfahrenen Fachkräften bei der Arbeit zuschaut, die bittere Wahrheit ist jedoch, dass viele Kliniken AusbildungskandidatInnen als billige Arbeitskräfte für Planstellen missbrauchen. Stellt euch also sicherheitshalber schon einmal darauf ein, ab Tag 1 ins kalte Wasser geschubst zu werden und ganz direkt und nur mit minimaler Anleitung mit Patienten zu tun zu haben. Immerhin haben die allermeisten Ausbildungsinstitute laufende Kooperationen mit Kliniken im regionalen Umfeld, die bedingen, dass AusbildungskandidatInnen zumindest einen kleinen Lohn für ihre Mühen bekommen, gerade in großen Ballungsgebieten ist dies jedoch nicht selbstverständlich. Vorsicht: Nicht alle klinischen Arbeitsplätze können als pT anerkannt werden! Bittet euer Ausbildungsinstitut um eine Liste aller vom Landesprüfungsamt als Ausbildungsstätten zugelassenen Kliniken, sonst droht Frustration. Zusätzlich solltet ihr in der Klinik selbst noch einmal nachhaken: Eine Klinik kann zehn PsychologInnen beschäftigen, aber nur eine Ausbildungserlaubnis für fünf PiAs besitzen – dann dürfen die anderen fünf beschäftigten PsychologInnen sich ihre Tätigkeit nicht für die Therapieausbildung anrechnen lassen. Wie viele der Ausbildungsplätze gerade besetzt sind, kann das Ausbildungsinstitut nicht wissen, da ja auch KandidatInnen anderer Institute die Plätze besetzen können, darum muss hier die Klinik Buch führen und Auskunft geben.

Das PsychThG sieht zwei praktische Tätigkeiten vor. Die pT1 umfasst 1.200 Stunden in mindestens einem Jahr und muss in einer klinisch-psychiatrischen Einrichtung abgeleistet werden, außerdem muss die (Beteiligung an der) Behandlung von mindestens 30 PatientInnen in anonymisierter Form nachgewiesen werden können. Die pT2 umfasst 600 Stunden in mindestens 6 Monaten und muss in einer psychosomatischen oder psychotherapeutischen Klinik oder einer psychotherapeutischen Lehrpraxis abgeleistet werden. Einige Kliniken erfüllen auch die Eigenschaften beider Einrichtungen, in diesen können beide Tätigkeiten hintereinander absolviert werden. Es ist aber auch möglich, die Tätigkeiten in Abschnitten von jeweils mindestens drei Monaten an verschiedenen Kliniken anerkennen zu lassen. Eine bestimmte Reihenfolge ist vom PsychThG nicht vorgesehen, man darf demnach die pT2 vor der pT1 zu absolvieren. Es ist unter bestimmten Umständen jedoch erlaubt, schon während der pT2 ambulante Therapien über eine Lehrpraxis oder die Institutsambulanz durchzufühern, was finanziell in der Regel einen deutlichen Vorteil bedeutet, darum empfiehlt sich meist die „korrekte“ Abfolge (siehe hierzu auch die FAQs). Wichtig ist auch, dass Tätigkeiten vor Beginn des Ausbildungsvertrags nicht anerkannt werden können, auch, wenn man zuvor exakt die selbe Tätigkeit ausführte!

Eine Warnung: Für die meisten AusbildungskandidatInnen sind die pT1 und pT2 der anstrengendste Teil der Ausbildung – nicht nur wegen der oft suboptimalen Arbeitsbedingungen, sondern vor allem wegen der meist völlig unzureichenden Bezahlung. (Siehe hierzu auch die PiA-Proteste – da es sich um Pflichtpraktika handelt, sind die Kliniken nicht einmal zur Zahlung des Mindestlohns verpflichtet. Allerdings gab es in letzter Zeit eine Reihe ermutigender Gerichtsurteile zu KollegInnen, die ihren Lohn im Nachhinein erfolgreich eingeklagt haben.) Auch wird Freizeit besonders in den ersten anderthalb Jahren eurer Ausbildung zu einem Fremdwort werden. Je nach Institut werden mindestens jedes vierte, oft aber auch deutlich mehr Wochenenden den Theoriestunden zum Opfer fallen. §8 des PsychThG sieht nämlich auch vor, dass ihr über den Lauf von mindestens drei Jahren mindestens 600 Stunden theoretische Grundkenntnisse sowie vertiefende Kenntnisse in einem ausgewählten Therapieverfahren erwerbt. Je nachdem, ob ihr euch mittels der pT oder aus anderen Quellen ernähren könnt oder auch noch Nebenjobs nachgehen müsst, bleibt also nicht viel Zeit übrig.

Wenn man die pT1 und die pT2 überstanden hat, darf man endlich mit der praktischen Ausbildung (kurz „pA„) mit insgesamt mindestens 600 Stunden beginnen. Diese bedeutet eine Tätigkeit ganz genau so, als wäre man bereits approbiert und hätte seinen eigenen Kassensitz: Man führt ganz reguläre ambulante Psychotherapien an echten PatientInnen durch. (Allerdings in der Regel nur an gesetzlich versicherten Patienten, die allermeisten privaten Krankenkassen wollen nur die Arbeit fertiger Therapeuten finanzieren.) Die Abrechnung dieser Leistungen erfolgt über die Institutsambulanz, je nach Ausbildungsinstitut wird euch das komplett abgenommen oder ihr müsst relativ viel selbst in ein dafür gefertigtes Software-Programm eingeben, dafür lernt ihr das dann auch schon mal. Für viele ist dies der deutlich angenehmere und auch finanziell entlastendere Teil der Ausbildung. Es ist aber auch ein ganz anderes Arbeiten – in der Klinik habt ihr PatientInnen in der Regel nur wenige Wochen am Stück gesehen, nun begleitet ihr einzelne PatientInnen über Monate hinweg und könnt ihre Entwicklung beeinflussen und mitverfolgen. Es ist außerdem eine sehr viel selbstständigere Tätigkeit, denn ihr habt nun keine OberärztInnen mehr über euch, die euch Befehle erteilen oder euch im Fall von Selbst- und Fremdgefährdung die Verantwortung abnehmen.

Während der pT und der pA nehmt ihr Supervisions- und Selbsterfahrungsstunden, um zu lernen, wie ihr eure Arbeit noch besser machen könnt. In der Supervision finden kollegiale Fachgespräche statt, ihr beratet gemeinsam mit dem/r SupervisorIn oder auch der Supervisionsgruppe darüber, was in euren Therapien läuft. Es müssen insgesamt mindestens 150 Stunden Supervision und mindestens 50 Stunden davon in Einzelsupervision (allein mit dem/r SupervisorIn, ohne Ausbildungskollegen) absolviert werden. Die Selbsterfahrung ist in gewissem Sinne eine Psychotherapie mit euch selbst als Patienten, es geht also um eure eigenen Probleme oder auch eure Rolle als Therapeuten. Ob sie allein mit dem/r SelbsterfahrungsleiterIn oder in einer Selbsterfahrungsgruppe abgehalten wird, ist vom PsychThG nicht definiert, dies wird in den Ausbildungsinstituten unterschiedlich gehandhabt. In psychoanalytischen Instituten ist auch die Bezeichnung als „Lehranalyse“ üblich. Angehende VTler und TPler müssen mindestens 130 Stunden erbringen, APler sogar mindestens 240 Stunden. Über die ganze Ausbildungszeit hinweg gilt es außerdem noch die freie Spitze mit insgesamt mindestens 950 Stunden voll zu bekommen. Das hört sich jedoch nach mehr an als es ist, denn hierein kann nahezu alles eingetragen werden: psychologische Tätigkeit über die geforderte pT und pA hinaus, Literaturstudium, zusätzliche Supervisions- und Selbsterfahrungsstunden, zusätzliche Theoriestunden, parallel besuchte Fortbildungsveranstaltungen und Tagungen, Schreibtischarbeit … solange es inhaltlich irgendwas mit eurer Ausbildung zu tun hat (und eurer Ausbildungsinstitut dieser Einschätzung zustimmt), sind eurer Fantasie hier kaum Grenzen gesetzt.

Approbationsprüfung (Prüfungsverordnung)

Wenn ihr alle drei Teile der Ausbildung gemeistert habt, steht auch schon die Approbationsprüfung vor der Tür. Diese kann frühestens nach drei Jahren Ausbildung absolviert werden und es muss absehbar sein, dass man bis zum Zeitpunkt der Prüfung alle geforderten Nachweise zusammen hat. Die Prüfung ist bundesweit einheitlich, die Anmeldung erfolgt jedoch halbjährlich beim jeweiligen Landesprüfungsamt. Dafür müssen neben den Ausbildungsnachweisen auch der Studienabschluss, die Geburts- oder Heiratsurkunde sowie zwei Falldokumentationen eingereicht werden. Eigentlich müssen sogar sechs anonymisierte Dokumentationen über während der pA behandelte PatientInnen angefertigt werden, von denen das Ausbildungsinstitut zwei auswählt und als Prüfungsfälle unterschreibt.

Die Prüfung selbst besteht aus zwei Teilen: einer schriftlichen Multiple-Choice-Prüfung, die zwei Stunden dauert und für alle Prüfungskandidaten eines Bundeslands an einem zentralen Ort abgehalten wird, und zwei mündlichen Prüfungen, die meist direkt im Ausbildungsinstitut stattfinden. Im ersten Teil der mündlichen Prüfung sieht man sich einem Komitee aus vier Prüfern und einem/r SchriftführerIn gegenüber, die einen eine halbe Stunde lang mit Fragen zu einem der eingereichten Prüfungsfälle löchern. Nach einer Pause wird man dann zusammen mit einem bis drei AusbildungskollegInnen in einer Gruppenprüfung abgefragt, die so viele halbe Stunden dauert wie KandidatInnen anwesend sind (also z. B. anderthalb Stunden bei drei PrüfungskandidatInnen). Oft wird hierbei auch der zweite Prüfungsfall angesprochen, genauso oft dreht sich die Gruppenprüfung aber auch um allgemeine Fragen zur Psychotherapie.

Alle drei Prüfungen müssen bestanden werden. Die Abschlussnote berechnet sich aus dem Mittelwert aller drei Noten, wobei alle gleich stark gewertet werden. Der mündliche Teil zählt also in gewissem Sinne doppelt gegenüber dem schriftlichen. Nach Bestehen muss man noch einen Antrag auf Eintragung ins Arztregister stellen (und dafür erneut einen Haufen Nachweise einreichen), erst dann darf man als Psychologische/r PsychotherapeutIn praktizieren. Dieser Eintrag ist Voraussetzung dafür, dass ihr euch auf die Warteliste für einen kassenärztlichen Versorgungsauftrag setzen lassen könnt (um direkt mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechen zu können). Ohne diesen dürft ihr nämlich nur eine Privatpraxis gründen und direkt mit den PatientInnen oder per Kostenerstattungsverfahren abrechnen. Zu diesem Zeitpunkt wird sich freundlicherweise auch die regionale Psychotherapeutenkammer mit euch in Verbindung setzen und euch mitteilen, dass ihr von nun an Zwangsmitglied seid und Beiträge für eure berufspolitische Vertretung zahlen dürft. Wenn ihr hauptberuflich angestellt oder verbeamtet arbeitet, habt ihr nun zudem die Möglichkeit, im berufsständischen Versorgungswerk Mitglied zu werden – wenn ihr selbstständig arbeitet, ist dies sogar Pflicht. Darunter ist eine selbst verwaltete Einrichtung zur Alters-, Berufsunfähigkeits- und Hinterbliebenenversorgung zu verstehen, deren Beiträge sich an denen zur gesetzlichen Rentenversicherung orientieren.