Reform der Psychotherapie-Ausbildung – Überblick, Rückblick, Ausblick

psychology-531071_1280Wer sich für die Ausbildung zum/r Psychologischen Psychotherapeuten/in in Deutschland interessiert, hat es vermutlich längst mitbekommen: Die Ausbildung – und damit auch das Psychotherapeutengesetz (PsychThG) soll reformiert werden. Bestrebungen dazu gibt es schon seit vielen Jahren seitens der gerade in Ausbildung befindlichen PiAs, da die aktuellen Bedingungen finanziell wie juristisch eigentlich unhaltbar sind. (Hierzu sei auf die PiA-Proteste der letzten Jahre verwiesen.)

Wer nun verunsichert ist und befürchtet, von den anstehenden Änderungen negativ getroffen zu werden, der sei zunächst einmal beruhigt: Zum jetzigen Zeitpunkt (Dezember 2014) ist alles noch in der Planung und Diskussion, die Mühlen der politischen Veränderung laufen in diesen Dingen sehr, sehr langsam. Vor den nächsten fünf Jahren ist vermutlich nicht mit einer umfassenden Umsetzung der gerade erst gefassten Pläne zu rechnen – und auch dann wird es unter Garantie Übergangsregelungen geben, die den aktuell in Studium oder Ausbildung befindlichen PsychologInnen einen Abschluss des alten Ausbildungsweges garantieren.

Historischer Rückblick

Um die jetzigen Forderungen der ReformerInnen zu verstehen, sei ein kurzer historischer Rückblick auf die ambulante psychotherapeutische Versorgung eingeschoben.

Vor 1999 war der Titel „PsychotherapeutIn“ nicht geschützt und die Ausbildung nicht staatlich geregelt. Psychotherapie war fest in ärztlicher Hand oder wurde von ÄrztInnen bei Diplom-PsychologInnen in Auftrag gegeben, im sogenannten Delegationsverfahren. Das hieß auch, dass die Leistungen, selbst, wenn sie komplett von den beauftragten PsychologInnen erbracht wurden, von den ÄrztInnen abgerechnet wurden und die beauftragten PsychologInnen an diesen Einnahmen nur beteiligt wurde. Dafür lag die Verantwortung für die Behandlung voll bei den ÄrztInnen. Viele der heutigen PsychotherapeutInnen stammen noch aus dieser Zeit, sie starteten direkt nach dem Psychologie-Studium und einer – je nach Bundesland sehr unterschiedlich streng ausfallenden – Zulassung als HeilpraktikerInnen in die therapeutische Arbeit.

Das war natürlich nicht unproblematisch – wer während oder direkt nach dem Studium mit einer klinischer Tätigkeit begann, weiß, wie hilflos und unvorbereitet man sich ohne eine geregelte postgraduale Ausbildung fühlen kann. Mit etwas Pech bekam man im Studium lediglich theoretisches Wissen über psychische Störungen vermittelt, nach einer kurzen theoretischen Prüfung die Zulassung nach dem Heilpraktikergesetz und war dann reichlich verstört, wenn man das erste Mal einem schwer psychotischen oder persönlichkeitsgestörten Patienten gegenübersaß. Wer von den damaligen PsychologInnen also seinen Beruf ernst nahm, nahm die Ausbildung in die eigene Hand, organisierte sich Supervision, Intervision und besuchte Fortbildungsseminare – das alles unterlag jedoch der Selbstverwaltung, es gab dazu keine Vorschriften und so gut wie keine Qualitätskontrolle.

Mit dem Erlass des PsychThG 1999 kamen also zwei dramatische Verbesserungen: Zum einen wurde Psychotherapie zu einem eigenständigen Berufsbild mit definiertem Werdegang und damit auch bundeinheitlichen Qualitätsstandards. Zum anderen wurde den nicht-ärztlichen PsychotherapeutInnen ihre eigenständige Rolle im gesundheitlichen Versorgungssystem explizit zugeschrieben. Seitdem können PatientInnen direkt zu PsychotherapeutInnen gehen und brauchen nicht mehr zwingend die Überweisung von ÄrztInnen. Die Rolle der von den „echten MedizinerInnen“ abhängigen „ZuarbeiterInnen“ war damit für die Psychologischen PsychotherapeutInnen endgültig Geschichte. Insofern war das PsychThG ein voller Erfolg – die negativen Folgen zeichneten sich erst in den Folgejahren ab.

Schwächen des bisherigen Ausbildungswegs

Ein großes Problem der bisherigen Formulierung des PsychThG liegt in der Bezeichnung der Psychotherapie-Ausbildung als „Ausbildung“, nicht als Fort- oder Weiterbildung. Das mag manchen als juristische Haarspalterei erscheinen, hat in der Bürokratie-Republik Deutschland allerdings sehr praktische Konsequenzen. Denn während ÄrztInnen direkt mit Abschluss des Medizin-Studiums die Approbation und damit eine heilkundliche Erlaubnis ausgestellt wird, ist den Diplom-PsychologInnen außer Diagnostik und Beratung so gut wie keine klinische Tätigkeit erlaubt. Dies steht im klaren Widerspruch zu den anderen Bestimmungen des PsychThGs, wonach angehende PsychotherapeutInnen auch praktische Erfahrungen sammeln müssen, bevor sie zur Approbationsprüfung zugelassen werden.

Diesen juristischen Widerspruch hat man mit zwei „Tricks“ gelöst: Die imsafe_image.php PsychThG genannte „praktische Tätigkeit“, den meisten auch als Klinikjahr bekannt, wurde in ein Praktikum umgedeutet, bei dem AusbildungskandidatInnen idealerweise erfahrenen KollegInnen bei der Arbeit zuschauen sollen. Wie dieser Ausbildungsauftrag von den meisten Kliniken in der Praxis ausgelegt wird, dürfte durch die PiA-Proteste hinlänglich bekannt geworden sein. Und die ebenfalls genannte „praktische Ausbildung“ wird unter engmaschiger Supervision durchgeführt, das heißt, die SupervisorInnen halten ihre Köpfe stellvertretend für alle Fehler der Auszubildenden hin. So wird der Spagat zwischen fehlender Heilerlaubnis einerseits und zu erbringender heilkundlicher Tätigkeit andererseits zumindest theoretisch grenzwertig bewältigt.

Leider hat der mäßig bewältigte juristische Widerspruch aber auch ein irritiertes Berufsverständnis der PiAs mit sich gebracht. Dies wird deutlich, wenn man sich erneut die historische Perspektive ins Gedächtnis ruft. Vor dem PsychThG waren PsychologInnen nach dem Studium „fertig“ – natürlich durften sie sich selbstständig fortbilden, aber es gab keine zu erbringenden Pflichtleistungen mehr und sie wurden im Angestelltenverhältnis als fertige AkademikerInnen und Heilberufler wahrgenommen und entlohnt. Seit dem Inkrafttreten des PsychThG sind Diplom- oder Master-PsychologInnen, die klinisch tätig werden wollen, nach dem Studium nur noch halb fertig. Sie haben noch eine mindestens dreijährige Berufsausbildung vor sich, in der sie explizit als „PraktikantInnen“ geführt werden und nur unter Aufsicht mit juristisch eingeschränkter Verantwortlichkeit praktizieren dürfen. Natürlich ging dieses veränderte Berufsbild auch nicht an den klinischen ArbeitgeberInnen spurlos vorbei. So ist auch zu verstehen, dass 1990 PsychologInnen nach dem Studium volles Gehalt nach TVöD bezogen, heutige PiAs in Ballungsgebieten für als „Praktika“ bezeichnete volle Stellen aber nur Praktikumsentschädigungen von teilweise unter 400€ im Monat bekommen.

Hier wird dann auch ein weiteres Versäumnis des PsychThG deutlich: die mangelnde Regelung der Ausbildungskosten. Vor dem PsychThG lagen die Kosten für psychotherapeutische Fortbildung folgerichtig, da freiwillig, bei den fortbildungswilligen PsychologInnen selbst. Bei Pflichtausbildungen zahlen normalerweise Ausbildungsstellen anbietende Betriebe die Kosten und werden dafür staatlich bezuschusst. Im Gegenzug bekommen Auszubildende nicht das volle Gehalt, das ihnen nach Abschluss der Ausbildung psychotherapy-466987_1280zustände. Da sich um diesen Punkt bei Erlass des PsychThG niemand so richtig gekümmert hat, liegen die Ausbildungskosten heute bei den Auszubildenden. Verwaltungskosten, Prüfungsgebühren, Supervision, Selbsterfahrung, Theorieseminare – das alles trägt voll der/die AusbildungskandidatIn. Das macht die Psychotherapie-Ausbildung zu einer der teuersten, die man sich in Deutschland antun kann. Durch den PraktikantInnen- und Ausbildungsstatus kriegen PiAs aber in aller Regel nicht das Gehalt, mit dem sie diese Ausbildungskosten stemmen könnten. Um es noch schöner zu machen, fallen PiAs auch durch fast alle sozialstaatlichen Netze – sie sind bereits fertige PsychologInnen, darum steht ihnen nur noch unter besonderen Bedingungen BAföG zu, und sie sind nicht arbeitssuchend, kriegen also kein Hartz IV und müssen ihre Miete selbst zahlen. Vielen bleiben da nur Kredite oder Nebenjobs nach Feierabend, wodurch sich die eigentlich auf Vollzeit geplante Ausbildung gerne mal deutlich länger als drei Jahre hinzieht.

Leider ist es auch nicht so, dass die finanzielle Diskriminierung mit Abschluss der Ausbildung aufhören würde. Da das PsychThG in seiner aktuellen Ausführung das Berufsbild von PsychotherapeutInnen schwerpunktmäßig in der selbstständigen, ambulanten Gesundheitsversorgung definiert und keine Anpassung der Leitlinien für Kliniken stattfand, ist die Rolle der PsychotherapeutInnen im stationären und teilstationären Setting Auslegungssache. Bis heute ist in Kostenberechnungen und Personalschlüsseln für Kliniken immer nur von Diplom-PsychologInnen, nie von Psychologischen PsychotherapeutInnen oder gar Kinder-Jugend-PsychotherapeutInnen die Rede. Das führt dazu, dass eine Klinik zwar eine bestimmte Anzahl ÄrztInnen pro PatientIn einstellen und ihnen leitende Verantwortung übertragen muss, eine leitende Stelle aber nicht (allein) von einem/r Psychotherapeuten/in besetzt werden darf. Es gibt nur OberärztInnen, keine OberpsychologInnen. Und auch in Tariftabellen wie dem TVöD tauchen nur Diplom-PsychologInnen auf, keine PsychotherapeutInnen. Während also im ambulanten Setting Psychologische PsychotherapeutInnnen den FachärztInnen weitestgehend gleichgestellt sind, werden sie im Klinikkontext trotz Höherqualifizierung oft weder in Anerkennung noch in Bezahlung von PsychologInnen unterschieden.

Ziele der Ausbildungsreform

Die Vorantreiber der aktuellen Ausbildungsreform wollen genau diese Missstände beheben. Darüber hinaus soll ein reformiertes PsychThG auch den geänderten Studienbedingungen Rechnung tragen. Das bisherige PsychThG spricht von Diplom- oder „gleichwertigen“ Studiengängen als Zulassungsvoraussetzung zur Psychotherapie-Ausbildung. Die unklare und uneinheitliche Gegenüberstellung alter Diplom- mit neuen Bachelor- und Master-Studiengängen hat dafür gesorgt, dass mancherorts auch Bachelor-Absolventen zur Ausbildung zugelassen werden, was indirekt eine Herabwürdigung der Qualifikation fertiger PsychotherapeutInnen bedeutet. Demzufolge sprechen sich die meisten Reformer für den Master-Abschluss als Zugangsvoraussetzung aus.

Dann wäre da noch die Ungleichbehandlung von Psychologischen PsychotherapeutInnen (PP) und Kinder- und Jugendlichen-PsychotherapeutInnen (KJP). PP können mit wenig Mehraufwand eine zusätzliche Fachkunde für Kinder und Jugendliche erwerben, KJP haben andersrum keine Möglichkeit eine Fachkunde für Erwachsene zu erwerben. Dies wird mit den unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen begründet: Für eine PP-Ausbildung ist ein Psychologie- oder Medizin-Studium Voraussetzung, für eine KJP-Ausbildung „reicht“ auch ein Pädagogik- oder Sozialpädagogik-Studium – nach dieser Argumentation ist den KJP eine leitliniengerechte Behandlung Erwachsener also nicht zuzutrauen. Ein Anliegen der Ausbildungsreform war daher auch, eine Ausbildung für alle zu schaffen, um die KJP nicht mehr lebenslang von der Behandlung erwachsender Patienten auszuschließen. Einige KJP verstanden dies leider falsch und veröffentlichten eine Petition gegen die angeblich geplante Abschaffung ihres Berufsstandes – mehrere psychotherapeutische Vereinigungen reagierten sofort mit Klarstellung und Distanzierung.

Ein Nebenkriegsschauplatz in den Reformvorschlägen ist auch die Diskussion um die Kostenübernahme für Gesprächs- und systemische Psychinkblot-158309_1280otherapie. Obwohl beide mittlerweile in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich anerkannt sind, werden sie nur im Rahmen stationärer Tagespauschalen von den Versicherungen übernommen. Im ambulanten Rahmen stehen sie lediglich SelbstzahlerInnen und manchen Privatversicherten zur Verfügung, wodurch sie in Deutschland ein unsicheres Nischendasein führen. Daher gibt es auch hier Bemühungen, zumindest theoretische Inhalte stärker in eine reformierte Psychotherapie-Ausbildung zu integrieren. Am anderen Ende der Diskussion fürchten TP- und AP-AnhängerInnen, aus einer reformierten Ausbildung zu verschwinden, sollte diese von externen Ausbildungsinstituten an die Universitäten verlagert werden, da an letzteren die VT einen deutlich besseren Stand hat. (Was ganz nebenbei nicht an einer Verschwörung der VT-VertreterInnen mit den Universitäten liegt, sondern daran, dass Universitäten nur Dozenten anstellen, die viel Forschungsstudien veröffentlichen, und es in den letzten Jahren viel mehr Forschung zur VT als zur TP/AP gab.)

Und zuletzt bedarf die europäische Zukunftsperspektive einiger Aufmerksamkeit. Die durch das 1999 erlassene PsychThG erreichte Integration der PsychotherapeutInnen in das deutsche Versorgungssystem ist europaweit relativ einzigartig. Selbst in den Ländern, in denen Psychotherapie als eigenständiges Berufsbild juristisch definiert ist, wird die ambulante Psychotherapie in der Regel nicht von den Krankenkassen bezahlt, PatientInnen sind hier Selbstzahler oder kriegen nur anteilige Zuschüsse. Mit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System und der zunehmenden europaweiten Vereinheitlichung von Berufsbezeichnungen könnten PsychotherapeutInnen darum zukünftig ein Problem bekommen. Wenn es jetzt nicht gelingt, den Psychotherapie-Beruf juristisch präzise als den MedizinerInnen gleichwertigen Heilberuf zu verankern, könnte es langfristig geschehen, dass PsychotherapeutInnen wieder zu dem werden, was sie lange vor dem PsychThG waren: ZuarbeiterInnen und Hilfs-MedizinerInnen.

Reformmodelle

Die von verschiedenen Seiten unterbreiteten Vorschläge zur Reform der Psychotherapie-Ausbildung reichten von der „kleinen Lösung“ bis hin zur kompletten Umstrukturierung in einer basalen Direktausbildung. Im Folgenden seien die einzelnen Modelle ganz kurz vorgestellt, bevor darauf eingegangen wird, worauf sich der Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) im November 2014 geeinigt hat.

Postgraduale Ausbildung

Die „kleine Lösung“ wäre die Fortführung einer postgradualen Ausbildung mit einigen kleineren Anpassungen. Im Gespräch hierfür standen besonders die Verankerung einer leistungsgemäßen Entlohnung während der praktischen Tätigkeit und der Master als einheitliche Zugangsvoraussetzung. Außerdem gab es den Vorschlag, bei ansonsten gleichbleibenden Rahmenbedingungen PP und KJP zu einem Beruf mit zwei wählbaren Schwerpunkten zusammenzuführen, wobei dann die Zugangsvoraussetzungen unklar wären. Ansonsten würde alles bleiben, wie es wäre.

postgraduale Ausbildung

Duale Direktaubildung

Die „duale Direktausbildung“ beruht auf dem Vorschlag, die Psychotherapie-Ausbildung in ein erstes und zweites Staatsexamen zu gliedern. Das Psychologie-Studium würde demnach mit dem ersten Staatsexamen abschließen. Mit dem zweiten Staatsexamen könnte dann die Approbation und Fachkunden (VT, TP, AP; eventuell auch Gesprächstherapie oder systemische Therapie) erworben werden, dies dann aber nicht mehr in Form eines Studiums, sondern wie bisher an externen Ausbildungsinstituten.

Die praktische Tätigkeit würde als „praktisches Jahr“ in das Studium vorgezogen, dafür könnte der zweite Abschnitt komplett aus bezahlter praktischer Ausbildung in ambulantem Rahmen bestehen. Zur Finanzierung wird eine „Unterhaltsbeihilfe“ analog zu der von ReferendarInnen vorgeschlagen – diese beträgt aktuell je nach Bundesland zwischen 800€ und 1.200€. Die Kosten an den Ausbildungsinstituten müssten aller Wahrscheinlichkeit nach aber weiterhin von den Auszubildenden getragen werden.

Da auch bei diesem Modell bis zum 2. Staatsexamen keine heilkundliche Erlaubnis besteht, wären wie bisher die Supervidierenden für die praktische Arbeit der Auszubildenden juristisch verantwortlich. Bei diesem Modell ist sowohl eine bestehen bleibende Trennung von PP und KJP denkbar als auch eine Zusammenführung der beiden Berufsbilder. Der Status approbierter PsychotherapeutInnen wäre dem von FachärztInnen vergleichbar oder (aufgrund kürzerer Ausbildungsdauer) geringer.

duale Direktausbildung

Basale Direktausbildung

Die „basale Direktausbildung“ schließlich sieht vor, dass die Approbation bereits mit dem Abschluss eines Psychotherapie-Studiums verliehen, die Fachkunden jedoch erst in einer fünfjährigen Weiterbildung an externen Instituten erworben werden. Dies wäre analog zum Bildungsgang von MedizinerInnen, die direkt nach dem Studium eine heilkundliche Zulassung und in einer fünfjährigen Weiterbildung ihren Facharzttitel erhalten. Somit befänden sich weiterzubildende PsychotherapeutInnen auf Augenhöhe mit AssistenzärztInnen und fertige PsychotherapeutInnen auf Augenhöhe mit FachärztInnen, was Grundlage jeder tariflichen Gleichbehandlung wäre (mit TVöD-EG 13 als Minimum). Dieses Modell würde zudem das Ausbildungsmodell an die Lebensrealität der meisten PiAs anpassen, von denen aktuell die wenigsten aufgrund der schwierigen Finanzierungsbedingungen die Vollzeitausbildung in den vorgesehenen drei Jahren schaffen, sondern sowieso erst berufsbegleitend nach fünf Jahren. Mit Blick auf das Selbstverständnis der PiAs wäre hier auch positiv zu vermerken, dass nach dem Studium tätige PsychotherapeutInnen nun als „Weiterzubildende“ statt als „Auszubildende“ gehandelt würden.

Da es bei diesem Modell einen eigenen Studiengang gäbe, der weitestgehend dem bisherigen Psychologie-Studium mit vertieften Kenntnissen zu klinischer Psychologie und medizinischen Grundkenntnissen entspräche, hätten sich sowohl die Fragen der Zugangsvoraussetzungen als auch der Frage nach einer Trennung in PP und KJP erledigt – alle mit dem Berufswunsch Psychotherapie müssten durch das selbe Studium durch, mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung in der anschließenden Weiterbildung. Auch der leidige Flaschenhals zwischen Bachelor und Master, der durch die Bologna-Reform entstand, könnte im Rahmen einer auf die Approbation ausgerichteten Studienordnung der Vergangenheit angehören. (Denkbar ist allerdings auch eine Version, bei dem ein Psychotherapie-Master auf einem Psychologie-Bachelor aufbaut.) Für die bisher nicht so gut an den Hochschulen vertretenen Psychotherapierichtungen (alle außer VT) ergäbe sich eine neue Chance, sich in die universitäre Lehre einzubringen.

Die praktische Tätigkeit könnte wie bei der dualen Direktausbildung entweder ins Studium vorverlagert und verkürzt oder vollständig durch praxisorientierte Seminare ersetzt werden. Die Weiterbildungskosten müssten entweder weiter von den – nun angemessen bezahlten – Weiterzubildenden selbst oder aber wie bei den meisten MedizinerInnen von der Weiterbildungsstätte bei staatlicher Bezuschussung übernommen werden. Die mit dem Studium approbierten PsychotherapeutInnen hätten bei diesem Modell schon während des Erwerbs der Fachkunde die heilkundliche Behandlungserlaubnis, dürften sich aber wie bisher erst mit erworbener Fachkunde ambulant niederlassen und bis dahin nur unter Aufsicht therapieren.

basale Direktausbildung

Zukunftsausblick und Cave

Seit der Abstimmung des 25. Deutschen Psychotherapeutentags (DPT) am 15. November 2014 in München dürfte feststehen: Die basale Direktausbildung wird kommen. Eine zwei-Drittel-Mehrheit der anwesenden Delegierten stimmte für dieses Reformmodell. Dies geschah auch vor dem Hintergrund politischer Machbarkeit: Das Kultusministerium hatte im Vorfeld offenbar recht deutlich signalisiert, dass es eine duale Direktausbildung nicht unterstützen würde. Eine Anpassung der postgradualen Ausbildung griff den meisten zu kurz – so einigte man sich hier mit Jubel, dort mit Bauchschmerzen auf die Approbation nach einem Psychotherapie-Studium. Nachdem der Berufsstand der PsychotherapeutInnen sich nun zu diesem Modell bekannt hat, liegt der Ball metaphorisch im Feld der Politik. Wie eingangs erwähnt wird eine Novellierung des PsychThG und die Schaffung eines Psychotherapie-Studiums wohl noch eine ganze Zeit in Anspruch nehmen, doch der erste Schritt ist getan.

Bei aller Euphorie bei den Befürwortern des Modells sind natürlich die Bedenken der KritikerInnen zu beachten. Eine, wenn nicht die große Stellschraube bei der Reform wird ihre Finanzierung sein. Die Schaffung eines neuen Studiengangs verbraucht Ressourcen, noch bevor der erste Jahrgang von Studierenden immatrikuliert ist. Es werden neue DozentInnen gebraucht werden, neue universitäre Strukturen, neue Arbeitsmittel. Völlig ungeklärtap5123d4f3ea175_365px_wm sind die Kapazitäten dieses neuen Studiengangs und die zukünftige Nachfrage. Wie groß wird der Anteil der Studierenden sein, die von einem Psychologie-Studium auf ein neues Psychotherapie-Studium umschwenken werden? Wie vielen würde der Zugang durch mangelnde Kapazitäten verwehrt bleiben? Auch, auf wessen Schultern die Kosten des anschließenden Erwerbs der Fachkunde zukünftig lasten werden, ist noch völlig unklar. Bisher wurden die in der praktischen Ausbildung durchgeführten ambulanten Behandlungen von den Krankenkassen entlohnt, wodurch dieser letzte Teil der Psychotherapie-Ausbildung vielen PiAs die Chance bot, ihre Schulden aus der ersten Ausbildungshälfte teilweise oder vollständig auszugleichen. Ob diese Form der Gegenfinanzierung auch bei einem basalen Direktstudium bestehen bliebe, ist fraglich.

Andere ReformkritikerInnen betrauern schon jetzt den Verlust des breitgefächerten Berufsbilds Psychologie. So, wie es kein Studium der Physiologie gibt, das für viele verschiedene Berufe in Heilkunde, Wirtschaft und Pädagogik grundqualifiziert, sondern „nur“ ein auf die Heilkunde ausgerichtetes Medizin-Studium, steht zu befürchten, dass durch die Angleichung des psychotherapeutischen Bildungsganges an den ärztlichen auch die Psychologie in Zukunft im Vergleich zur Psychotherapie an Bedeutung verlieren wird. Zweifelsohne wird ein erhöhter Anteil klinisch-praktischer Anteile und medizinische Grundbildung im zu schaffenden Psychotherapie-Studium mit dem Verlust z. B. der Arbeits- und Organisationspsychologie einhergehen, vielleicht auch mit einem sinkenden Niveau der gelehrten und angewandten Forschungsmethoden. Ein begründeter Verdacht besteht, dass die Ressourcen, die für die Schaffung des neuen Studienganges gebraucht werden, aus dem bestehenden Psychologie-Studium abgezogen werden und sich psychologische Grundlagenforschung und praktische Anwendungsfelder weiter voneinander entfernen als es aktuell der Fall ist. Inwiefern vor allem letzteres verhindert werden kann, hängt maßgeblich davon ab, ob und in welchem Maß es dem psychologischen Berufsstand erlaubt wird, an den bildungspolitischen Entscheidungsgängen mitzuwirken.

Links zur weiteren Vertiefung

Schwerpunktausgabe des Psychotherapeutenjournals

Pressemitteilung der BPtK zum Ergebnis der Abstimmung des DPT

Informationsseite mit FAQs zur basalen Direktausbildung