Filmrezension „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“

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Liebe und Finsternis
Eine Geschichte von Liebe und Finsternis
Quelle: www.moviepilot.de

Das Regie-Debüt von Natalie Portman (bekannt z. B. aus dem ebenfalls psychologisch interessanten Film „Black Swan“) ist die Verfilmung des autobiografischen Romans gleichen Titels von Amos Oz. Beide, Portman und Oz, kamen in Jerusalem als Kinder jüdischer Eltern zur Welt — vielleicht hat Portman darum ausgerechnet diesen schwer verdaulichen Stoff für ihren ersten eigenen Film gewählt.

Handlung

Der Film zeigt die Beziehung zwischen dem Schuljungen Amos und seiner Mutter in den Erinnerungen des alt gewordenen Amos Oz. Zu Beginn des Films erscheint die Mutter als lebensmutige, fantasievolle Frau, die ihrem Sohn ständig Geschichten erzählt, die mal ganz erfunden scheinen und mal aus ihrer eigenen Biografie stammen. Immer sind sie etwas gruselig, aber doch noch so kindgerecht, dass der kleine Junge nicht verängstigt wird, sondern teilweise ins Fantasieren mit einsteigt und die Geschichte seiner Mutter weiterspinnt. Zwischen den Erzählungen der Mutter wird deren Biografie angedeutet — der Holocaust an den Juden, der Zweite Weltkrieg, die Flucht nach Jerusalem. Wer dank ständiger Wiederholungen dieser Themen im Schulunterricht bei diesen Stichworten sofort reflexartig gähnt, kann wieder aufwachen: Der Film bleibt sehr nah an den Hauptfiguren, Holocaust und Krieg sind eher historischer Hintergrund für die ganz persönliche Katastrophe, die sich auf der Leinwand ereignet.

Die Mutter träumt davon, mit einem intellektuellen, aber doch auch erdgebundenen, praktisch begabten Mann in ein jüdisches Kibbuz zu ziehen. Doch Fehlanzeige: Als Ehemann hat sie sich einen hoffnungslosen Geisteswissenschaftler angelacht, der zwar philosophisch höchst interessante etymologische Phänomene zum Besten geben kann, aber in dessen Hinterhofgarten nicht mal einfaches Gemüse keimt. Als dann der Nahostkonflikt beginnt, den Alltag der kleinen Familie zu bestimmen, versinkt die Mutter zunehmend in einer Depression. Die Schwiegermutter meint, sie solle sich zusammenreißen, die Mutter wirft der Tochter vor, ihr nur Unglück gebracht zu haben und der Mann kann mit dem Unglück seiner Frau offensichtlich gar nichts anfangen. So wird der kleine Amos zum dringend benötigten Partnerersatz und zu einer umsorgenden Elternfigur für die schwer depressive Mutter und zeitweise auch für den weltfremden Vater. Mutter und Vater verstärken dies in einer Selbstverständlichkeit, bei der sich den psychologisch geschulten ZuschauerInnen die Mägen umdrehen.

Abgehandelte psychologische Themen

Bewertung aus psychologischer Sicht

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ ist sicher kein Popcorn-Kino, aber der Film gleicht einer realistisch gehaltenen Falldarstellung einer schweren depressiven Störung mit zeitweisem Stupor. Sehr deutlich wird aber auch, warum es in solchen Fällen so wichtig wäre, nicht nur den Betroffenen, sondern auch den Angehörigen psychotherapeutische Hilfe zukommen zu lassen, besonders minderjährigen Kindern der Erkrankten. Traurig genug, dass die Mutter wie damals üblich weder passende Medikamente noch Psychotherapie bekommt, auch dem jungen Amos erklärt niemand, was los ist. Der arrangiert sich mit den Gegebenheiten, kuschelt die Mutter in den Schlaf, bringt ihr Tabletten, klebt dem Vater wortlos ein Pflaster auf den blutenden Finger und wird zum Geheimniswahrer von Szenen, die er gar nicht hätte mitbekommen sollen. Die Mutter schickt den hilflosen Vater zum „Spielen“ mit anderen Frauen und als der sich halbherzig erkundigt, ob sie etwas brauche, antwortet die Mutter, der Sohn sei ja da. Später kommt der Vater zum Jungen ins Schlafzimmer und erklärt, er wisse, er könne sich auf seinen Sohn verlassen — schöner lässt sich Parentifizierung nicht darstellen.

Insofern ist der Film eine gute Illustration dessen, wie es nicht laufen sollte. Es wird jedoch dem Zuschauer überlassen, seine eigenen Schlüsse aus dem Gesehenen zu ziehen. Der Narrator, der erwachsene und alt gewordene Amos Oz, hält sich sowohl mit Bewertungen als auch mit Schuldzuweisungen sehr zurück. Er unterstreicht nur zum Ende des Filmes seine damals empfundene Hilflosigkeit und seinen unerfüllt bleibenden Wunsch, die Mutter aus der Depression zu retten. Als junger Erwachsener erfüllt er den Traum seiner Mutter und zieht in ein Kibbuz, merkt aber schnell, dass ihm dies gar nicht entspricht, dass er damit nur den delegierten, unbewussten Auftrag der Mutter an ihn erfüllt. Der von ihm geschriebene Roman dürfte sein Versuch gewesen sein, mit der verstrickten Beziehung zur Mutter aufzuräumen. Ob ihm dies gelungen ist, bleibt fraglich. Auf jeden Fall hat Portman es gut geschafft, ohne viel verbale Erläuterungen die Trostlosigkeit und Hilflosigkeit der Charaktere auf die Leinwand zu bringen. Auch wenn von Unschuld die Rede ist, wird keine Schuld verteilt. Zwar kommt der Vater in seiner Weltfremdheit nicht gut weg, dennoch hat auch sein Charakter etwas sehr Liebenswertes, ein Büchernarr und Akademiker, der sich vor der Realität in Papier und Tinte flüchtet.

Ein Lehrstück für angehende PsychologInnen und PsychotherapeutInnen, die sich fragen können, wo in der Handlung man wie hätte eingreifen können, um die Geschichte zum Guten zu wenden. Eine stabile Stimmung sollte man allerdings mitbringen, sonst droht die eigene Depression nach Konsum des Films. Am besten wäre er vermutlich in Ausschnitten in Vorträgen oder Seminaren als Darstellungsmaterial zu verwenden.