Filmrezension „Her“

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Her
Quelle: Homepage des Downtown-Kinos in Athen
Praktikum

Mit Romanzen werden meist glückliche Paare verbunden, seltener einzelne Menschen und ihre Betriebssysteme. „Her“ widmet sich dieser ungewöhnlichen Kombination und beleuchtet das Thema Beziehung aus einer völlig neuen Sichtweise.

Handlung

Los Angeles der nahen Zukunft. Der introvertierte und schüchterne Theodore Twombly, ein Mann der genauso aussieht wie er heißt, hat es schwer. Bei der Arbeit schreibt er emotional tiefgründige und individualisierte Liebesbriefe für unpoetische Auftraggeber, im Privaten liegt sein Sozialleben in Trümmern. Seit der Trennung von seiner Jugendliebe — die Scheidung nach langjähriger Ehe steht kurz bevor — vereinsamt er zusehends, was sich in einer sehr übersichtlichen Anzahl an Bekanntschaften und Hobbies (Computerspiele und Internetpornos) niederschlägt.

Als das neue KI-gestützte Betriebssystems OS1 eingeführt wird, entschließt er sich, es auszuprobieren. Besonders an diesem System ist die Art der Kommunikation mit dem Nutzer. Diese erfolgt komplett verbal und in Alltagssprache anstelle vorgegebener Befehle. So wird sein sympathisches und humorvolles Betriebssystem, genannt Samantha, bald zum ständigen Begleiter und Ansprechpartner für sämtliche Probleme. Es entwickelt sich eine freundliche und zunehmend innige Beziehung zwischen den beiden, die ihn vor einige emotionale Zwickmühlen stellt und mit sozialen Konventionen konfligiert.

Bewertung aus psychologischer Sicht

„Her“ ist ein spannendes Gedankenspiel im Bereich der Mensch-Maschine-Interaktion und des Einflusses von immer weiter voranschreitender Technik auf unser Sozial- und Alltagsleben. Wir möchten das klinische Bild Theodores sowie den Realitätsgehalt der Gesamtsituation aus Sicht der Mensch-Maschine-Interaktion betrachten. Ferndiagnosen sind natürlich ungültig, deswegen stellen die hier vorgenommenen Überlegungen vielmehr fachliche Gedankenspiele dar.

Klinische Inhalte

Theodore wird nie als explizit psychisch gestört bezeichnet und der Schwerpunkt des Films liegt auch nicht in diesem Themenbereich – dennoch stehen einige Diagnosen im Raum. Und es ist einfach spannend. Theodores Stimmung scheint vor allem zu Beginn des Films gedrückt und er zeigt geringes Selbstwertgefühl. Sein Sozialleben ist quasi nicht vorhanden und seine Aktivitäten sind relativ eingeschränkt.

Am naheliegendsten erscheinen auf dieser Grundlage eine Diagnose aus dem Spektrum der depressiven Episode (F32.) oder eine Anpassungsstörung (F43.2).

Da er weiterhin regelmäßig seiner Arbeit nachgeht und seinen Alltag regelt, ist im depressiven Bereich alles ab mittelschwerer Depression unwahrscheinlich. In Betracht kommt also maximal eine leichte depressive Episode, F32.0.

Die Diagnose F43.2 ist zu vergeben, wenn Symptome wie depressive Verstimmung, Angst oder Sorge in Folge eines Ereignisses auftreten und davon auszugehen ist, dass sie ohne das Ereignis nicht aufgetreten wären. Störungen des Sozialverhaltens können hierbei ein Zusatzsymptom sein.

Dass die Trennung eine Schlüsselrolle in Theodores Leben spielt steht außer Frage. Der negative Einfluss auf sein Verhalten wird sowohl durch die Aussage seiner Schwester gestützt, dass sie „den alten Theodore sehen [wolle], nicht den neuen“, als auch durch die Rückblenden impliziert, in denen Theodore glücklich mit seiner Frau zu sehen ist.

Theodore zeigt insbesondere depressive Verstimmung und Störungen des Sozialverhaltens, beides lässt sich auf die Trennung zurückführen. Daher erscheint die Diagnose F43.2 passender.

Störungen des Sozialverhaltens

Diese werden häufiger dargestellt. So etwa, als eine alte Freundin ihm vorwirft, sich lange nicht mehr mit ihm getroffen zu haben. Darauf erklärt er, er habe keine Zeit, da er momentan nicht einmal in der Lage sei, zwischen Computerspielen und Online-Pornos zu priorisieren.

Seine Unbeholfenheit wird auch exemplarisch während des Dates dargestellt — er ist zunächst übermäßig nervös und möchte gar nicht hingehen, lässt sich aber von Samantha überreden. Am Abend wird viel Alkohol konsumiert, was die Interaktion etwas auflockert, doch das Date nimmt ein schlechtes Ende, als es um die Frage des Wiedersehens geht, die Frau klare Anforderungen stellt und Theodore nicht in der Lage ist, souverän darauf zu reagieren.

Allgemein interagiert er in der ersten Hälfte des Films eher wenig mit seinen Mitmenschen und wirkt dabei recht unbeholfen. Sein Sozialverhalten scheint sich allgemein etwas zu bessern, als sich seine Beziehung zu Samantha entwickelt. So zeigt er in der zweiten Hälfte des Filmes ein aktives und abwechslungsreiches Freizeitleben, ein aktives Suchen von Anschluss an Kollegen und ein unbeschwertes Verhalten gegenüber anderen Menschen.

Partnerschaft

Einen besonderen Stellenwert hat im Film die Frage, was eine Partnerschaft ausmacht. Theodore und sein Betriebssystem bezweifeln mehrfach, ob sie eine richtige Beziehung führen und ihre Liebe echt sei. Eine Freundin Theodores bestärkt, dass die Beziehung durchaus real sei, eine Ansicht, welche er für sich selbst ebenfalls übernimmt. So dient Samantha ihm letzten Endes als Surrogat eines menschlichen Partners und ihre Dyade entwickelt sich entlang gebräuchlicher sozialer Verhaltensnormen. Sie gehen auf Dates, veranstalten gemeinsame Ausflüge und haben Gespräche über ihre Gefühle. Theodore stellt Samantha dabei zum Beziehungshöhepunkt Bekannten und Freunden als seine Partnerin vor und nimmt sie auf Doppeldates mit.

An dieser Stelle sollte erklärt werden, dass der Zugriff des Betriebssystems sich bis auf sein Smartphone erstreckt. Mit dessen Hilfe stehen die beiden dauerhaft in Kontakt, sowohl über Sprache als auch über die eingebaute Kamera. Dadurch trägt die Interaktion der beiden viel von einer intensiven Fernbeziehung.

Zur Entwicklung dieser Partnerschaft gehört ebenfalls Sex, welcher zu Beginn gleichsam wie Telefonsex ausgeübt wird. Doch im Laufe der Zeit hadert Samantha zunehmend damit, dass sie keinen Körper hat, und fühlt sich realen Frauen gegenüber unterlegen. Dies gipfelt darin, dass sie einen „Surrogate Body“ engagiert — eine Frau, die als Ersatzkörper für sexuelle Handlungen Bestandteil einer Mensch-Betriebssystem-Beziehung werden möchte.

Auch Konflikte und hochkochende Emotionen sind in dieser Beziehung nicht ungewöhnlich. Auslöser gibt es dabei viele, sei es das Gefühl der Unzulänglichkeit von Seiten des Samanthas, die Eifersucht Theodores als sie zugibt, sich in 641 weitere User verliebt zu haben oder seine Trauer, als sie ihn einige Tage lang ignoriert und schließlich verlässt.

In Theodores Augen ist ihre Beziehung eine richtige und erfüllende Beziehung, auch ohne Körperlichkeiten. Er ist emotional involviert und behandelt Samantha als voll- bzw. gleichwertige Person. Sein Umfeld reagiert darauf zwar zum Großteil positiv, wie z. B. sein Arbeitskollege, doch es gibt auch offen abwertendes Verhalten von seiner Exfrau, die Samantha als „Stück Software“ abwertet.

Realismus und Anwendbarkeit

Benutzerschnittstellen mit menschlichen Kommunikationsmustern einzusetzen ist in der Filmwelt keine Neuheit. Einige etwas bekanntere Beispiele dafür sind der Raumschiffcomputer HAL 9000 aus „2001“ (1968), der Protokolldroide C-3PO aus „Star Wars – Eine neue Hoffnung“ (1977), der Androide Andrew aus „Der 200 Jahre Mann“ (1999), der Mecha David aus „A.I. – künstliche Intelligenz“ (2001), der Mondstationscomputer GERTY aus „Moon“ (2009) oder die Roboter TARS und CASE aus „Interstellar“ (2014).

Sie alle haben mit OS1, oder Samantha, etwas gemeinsam: Sie kommunizieren per Sprachein- und -ausgabe. Dabei sind sie in der Lage, natürliche Sprache korrekt zu interpretieren, aber auch flexibel und kontextangemessen in verständlichen Begriffen zu antworten. Diese doch sehr naturnahe Form der Kommunikation erleichtert einen Umgang mit komplexen Gebilden wie diesen Maschinen sehr und fördert dabei eine positive User Experience. Dies wird im Film vor allem am Unterschied zwischen der zu Beginn verwendeten Sprachsteuerung und OS1 deutlich. Erstere bestand ausschließlich aus eindeutig vorgegebenen Befehlen wie „Weiter“ oder „Löschen“. Die Kommunikation mit Samantha erfolgte dagegen über Sätze wie „Lies mir bitte meine aktuellen Mails vor“.

Die Verwendung dieser Art von Steuerung ist bereits heute mit Blick auf Windows‘ Cortana und Apples Siri, wenn noch nicht ganz auf dem Stand von OS1, so doch auf dem besten Weg dahin. Somit kann die technische Machbarkeit mit nur ein wenig Fiktion angenommen werden.

Das Alleinstellungsmerkmal von OS1 ist dabei klar die Anpassung an den Nutzer und die Weiterentwicklung der eigenen Kommunikationsmuster auf Grundlage eigener Erfahrungen in Kombination mit einer äußerst angenehmen menschlichen Stimme. Durch diesen Lernprozess, die Herausbildung von Kommunikationsmustern sowie die Stimme ist es nachvollziehbar, dass dem Programm eine gewisse Menschlichkeit unterstellt wird. Doch ist es auch realistisch, dass sich Menschen mit ihrem Betriebssystem anfreunden oder, wie in diesem Fall, sich sogar verlieben und eine Beziehung aufbauen?

Im Zuge der stärker werdenden Berücksichtigung der User Experience beim industriellen Produkt- und Interaktionsdesign werden mittlerweile neben rein ästhetischen verstärkt emotionale Aspekte berücksichtigt. Dies betrifft vor allem Hilfsmittel, welche sich an Aufgaben in der realen Welt anpassen, in denen Emotionen und nicht nur Kognitionen eine wichtige Rolle spielen. Daher wird beispielsweise an emotional intelligenten Maschinen geforscht, die abhängig vom Kontext sozial und emotional angemessen reagieren können. Teils wurde die Entwicklung von emotionalen Robotern und Maschinen als notwendig beschrieben, da nur so komplexe Aufgaben und Zielhierarchien erreicht werden könnten.

Es wird also eine Menge Aufwand betrieben, Maschinen und ihre Benutzerschnittstellen emotional so ansprechend wie möglich zu gestalten. Dies würde zwar positive Emotionen ihnen gegenüber hervorrufen, aber hinreichend für eine tatsächliche Beziehung ist dies natürlich nicht. Doch undenkbar ist es keinesfalls. Bereits heute kommt es regelmäßig vor, dass sich Menschen im Internet kennenlernen und sich dabei während des Messagings ineinander verlieben. Sollte es möglich werden, ein Programm zu entwickeln, welches die Kommunikationsmuster eines Menschen realistisch nachempfindet und zudem noch auf individuelle Bedürfnisse und Vorlieben einzugehen in der Lage ist, spricht prinzipiell nichts gegen ähnliche Tendenzen. So lässt Forschung eine gewisse Empathie für Roboter erahnen, auch wenn die mit Empathie verknüpften Eventpotenziale bei Robotern teils etwas geringer ausgeprägt waren als bei Menschen, eine grundlegende Empathiefähigkeit mit unbelebten Gegenständen ist jedoch vorhanden.

Fazit

„Her“ ist eine moderne und technologisch annähernd realistische Romanze, welche durch die angesprochenen Themen einen breiten Raum für Diskussion und unterschiedliche Betrachtungsweisen bietet. Klinische Fragestellungen finden ebenso Platz wie Probleme der Sozial- oder der Ingenieurpsychologie. Doch auch im Bereich der eher philosophischen Probleme lädt dieser Film zum Denken ein. Kann eine Maschine ein Bewusstsein entwickeln? Kann sie tatsächlich Emotionen spüren? Wo ist der Unterschied zwischen Menschen und Maschinen? Und wie hat der Akku von Theodores Smartphone stundenlanges Videoaufnehmen und gleichzeitiges Telefonieren überstanden?