Filmrezension: Wahnsinnig verliebt — Blind durch die rosarote Brille.

Angélique und Loïc, die zwei Hauptfiguren mit wohlklingendem Namen, erzählen dir eine Geschichte. Eine Geschichte, die schicksalhafter nicht sein könnte — heimliche Treffen, verzehrendes Warten und unerfüllte Hoffnung. Die Leben der beiden Protagonisten scheint aus schlaflosen Nächten zu bestehen. Was zu Beginn eine Fortsetzung der „fabelhaften Welt der Amèlie“ sein könnte, wird auf halbem Weg zum Drama und findet ihr Ende als Psychothriller mit Horror-Pointe.

Ein kühler, sehr gut inszenierter Psychothriller, welcher Audrey Tautou mit Pauken und Trompeten vom lieblichen Amélie-Image löst und sich düsterem Stoff zuwendet. Sie spielt neben Samuel Le Bihan in dem französischen Film „Wahnsinnig verliebt“ („À la folie … pas du tout!“) aus dem Jahr 2002 unter der Regie der begabten Laetitia Colombani.

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© Téléma & TF1 Films Production

Handlung

Eine Liebesgeschichte aus zwei Perspektiven — denn die rosarote Brille, die uns alle so verzaubern kann, lässt nur Angélique im siebten Himmel schweben. Für Loïc bedeutet das Schmachten nur Angst — doch warum?

Die leidenschaftliche Kunststudentin Angélique hat Glück: Für ein Jahr darf sie in einem schönen Haus leben, weil die Besitzer im Ausland sind. Als House-Sitterin lernt sie auch ihren neuen Nachbarn Loïc kennen, ein verheirateter Herzchirurg. Angélique verliebt sich Hals über Kopf ihn den erfolgreichen Docteur — sie denkt nur noch an ihn und spricht ständig mit ihrer Freundin Héloise über die Affäre mit dem Kardiologen. Sie fährt zu seinem Ärztekongress, schickt ihm Blumen, Liebesbriefe und Geschenke in seine Praxis. Andere Anwärter haben bei Angélique keine Chance — sie liebt Loïc so sehr, dass sie mehr und mehr Kontakt zu ihm sucht — und dafür keine Kosten scheut.

Doch dann wird die Frau ihres Angebeteten schwanger und Loïc muss sich im Fernsehen gegenüber Vorwürfen eines körperlichen Übergriffes an einer Patientin rechtfertigen. Das Blatt dreht sich und die ZuschauerInnn bangen — besteht Hoffnung für ihre junge Liebe?
Es ändert sich nicht nur ihr Schicksal, auch die Erzählweise des Filmes dreht sich um 180 Grad — denn nun ist Loïc der Erzähler der wahnsinnig spannenden Liebesgeschichte. Nicht im siebten Himmel schwebend kracht er doch eher knallhart auf dem Boden auf. Es gibt Unfälle, Tote und Polizei — und all das nur wegen der jungen Liebe.

Was ist wirklich und welche Rolle spielt die Differenz der Divergenz in dem Leben der beiden Protagonisten? Filmisch ist es eine sehr interessante Herangehensweise, die Geschichte zweimal aus verschiedenen Sichtweisen zu erzählen. Denn beim Schauen bemerkt das Publikum die Wichtigkeit der Subjektivität und erlebt eine Dynamik eben dieser, während sich das Netz aus Unglück und Angst immer enger spannt. An dem Film überzeugt nicht unbedingt die Handlung, aber die Art der Aufbereitung der Geschichte. Die ZuschauerInnen werden immer wieder in die Irre geführt, und bekommen ihre Fehleinschätzungen auf dem Silbertablett serviert. Ein spannender Psychothriller, der sich bis zur letzten Minute immer wieder dreht und wendet!

Spoiler-Warnung:
Wer noch nicht wissen will, was in dem Film passiert, sollte lieber nicht weiterlesen und erstmal den Film ausleihen.

Abgehandelte psychologische Themen

  • F20.1

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    © Téléma & TF1 Films Production

Bewertung aus psychologischer Sicht

Die Darstellung der Psychose ist den Machern von „Wahnsinnig verliebt“ recht gut gelungen. Das Leiden der Protagonistin ist bekannt als Schizophrenie und im ICD 10 unter F20 mit vier Unterformen codiert. Die Schizophrenie ist jene Störung, die besonders dadurch charakterisiert ist, dass eine grundlegende Störung des Denkens und inadäquate Affekte im Verhalten der Betroffenen zu finden sind. Angélique hat eindeutig einen gestörten Bezug zu sich selbst und ihrer Umwelt! Als BetrachterIn kann man auch ausschließen, dass Angélique an einer Intoxikation oder einer Hirnerkrankung leidet. Zu Beginn ihrer vermeintlichen Affäre scheint die Mademoiselle noch absolut bewusstseinsklar und in völliger Kontrolle über ihre intellektuellen Fähigkeiten, so bereitet sie sich doch auf das begehrte Angebot vor, ihre Kunst ausstellen zu dürfen. Doch mit den voranschreitenden Minuten im Leben der Protagonistin und des Filmes wird klar, dass die kognitiven Defizite immer stärker werden und sie es zum Beispiel nicht mehr schafft, das von ihr bewohnte Haus ordentlich zu halten.

Näheres zur Diagnose

Im klaren Zentrum des Filmes stehen die Gefühle von Angélique für ihren Nachbarn, den Kardiologen. Die affektiven Veränderungen, die bei ihr immer stärker für Desorganisation und soziale Isolation führen, sind außerordentlich und sprechen für die Diagnose der hebephrenen Schizophrenie. Man könnte meinen, die Autoren hätten immer ein Auge auf das ICD 10 Kapitel geheftet — Angéliques Symptomatik scheint wie aus einem Fallbeispiel. So erlebt sie einen Wahn, welcher vom Zuschauerrang durchaus bizarr ist: In Werbeprospekten sieht sie eine persönliche Einladung für eine gemeinsame Reise, der verloren und liegengelassene Schal gilt als Geschenk an die Protagonistin persönlich. Ihr Verhalten ist mehr als unverantwortlich, so stiftet sie ihren Freund David an, ein menschliches Herz aus der Anatomie zu stehlen, um es an Loïc zu senden oder geht so weit und erschreckt eine Madame zu Tode. Die Unvorhersehbarkeit ihrer Figur macht eine Menge der Spannung des Filmes aus und passt sehr gut zur Diagnose F20.1. Wie wirklichkeitsfern ihr Wahnthema ist, wird dem Publikum erst im letzten Drittel des Filmes klar. So stellt Angélique gegenüber ihrer Freundin fest, das mit Loïc sei „keine kleine Affäre. Das zwischen uns ist mehr“. Jedoch kann sich ihr Angebeteter kaum an sie erinnern und erklärt, die junge Frau nicht wirklich zu kennen.

Stutzig werden geschulte ZuschauerInnen schon zu Beginn des Filmes: Während Angélique versucht einzuschlafen, sieht sie sich in dem Zimmer um und entdeckt einen Garderobenständer. Dieser verwandelt sich in die schwangere Frau von Loïc und lächelt die schlaflose Studentin an. Laut ICD 10 sind Wahnvorstellungen für Schizophrenie sehr typischen Symptome, so stützt diese flüchtige visuelle Halluzination den Verdacht auf eine Schizophrenie. Die Diagnose der hebephrenen Schizophrenie soll generell nur bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen gegeben werden, auch dieser Punkt reiht sich in die Bestätigungsliste ein.

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© Téléma & TF1 Films Production

Ein Schicksal, zwei Diagnosen

Es ist eine tragische Geschichte, die Angélique erzählt — so wird sie im Laufe derer immer verzweifelter und hoffnungsloser. Als sie erkennt, dass ihr heißgeliebter Nachbar bei seiner Frau bleibt und es keine Lösung gibt, die Angélique zufriedenstellt, bricht sie zusammen. Sie verbringt Tage und Nächte auf einem Sofa, lässt das Haus verkommen und kümmert sich auch nicht mehr um sich selbst. Sie isst nichts, tut nichts, schläft nur und hat Interessen, Antrieb und Freude verloren. Dann kommt es zu einem letzten Tritt nach ihrer gepeinigten Seele und sie gibt auf: Der erste Erzählstrang der Protagonistin endet damit, wie sie versucht, sich selbst zu suizidieren. Diese klaren Anzeichen für eine schwere Depression fügen sich nicht nur gut in die Diagnose der hebephrenen Schizophrenie, wo mit zunehmender Entwicklung der Minussymptomatik von Affektverflachung und Antriebsverlust die Rede ist. Sie leitet mich zu dem Verdacht auf eine postschizophrene Depression, beschrieben mit F20.4. Es wird eine länger anhaltende depressive Episode als Anschluss an eine Schizophrenie umschrieben. Auch ein erhöhtes Suizidrisiko wird aufgezählt, was die Diagnose weiter stützt. Wie wir vom Ende wissen, ist es durchaus möglich, dass ein schizophrener Residualzustand bestehen bleiben kann (Szene: Porträt von Loïc an Krankenhauswand, die Patientin ist offensichtlich nicht erfolgreich austherapiert).

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© Téléma & TF1 Films Production

Schwierig an der Umsetzung des Themas der Schizophrenie finde ich die teilweise knifflige Abgrenzung zur langanhaltenden wahnhaften Störung. Normalerweise sind die blühenden Wahnvorstellungen und ihr außerordentliches Verhalten spätestens nach einiger Zeit für Freunde und Familie erkennbar — die floride Symptomatik wird oft sogar als beängstigend erlebt. Ja, gegen Ende bekommen auch Héloise und David ein ungutes Gefühl bei den Aktionen der Hauptfigur, so beschließt zum Beispiel Héloise, sie nicht mehr zu besuchen. Was jedoch für eine anhaltende wahnhafte Störung spricht: Die langanhaltende wahnhafte Störung der weiblichen Hauptfigur wird — typisch für die Diagnose — von ihrem Umfeld nicht erkannt und erst vom Ziel des Wahnes, Loïc erkannt, als Angélique einen Suizidversuch überlebte. Ihre beste Freundin und auch der junge David, der verliebt in Angélique ist, bemerkten nicht, wie es um die junge Frau steht und empfinden ihr Verhalten als relativ nachvollziehbar. So wie auch das Publikum in der ersten Hälfte des Filmes! In den ersten 30 Minuten sympathisieren die BetrachterInnen mit der Hauptfigur, es wird sich mit der jungen Kunststudentin gefreut und die Frau des Kardiologen verflucht. Erst mit Aufklärung rückt sich das Weltbild etwas zurecht.

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