Funktionalität von Depression – Was ist das Gute am Schlechten?

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Praktikum

Artikel über einen provokanten klinisch-psychologischen Forschungsansatz von Katharina Koppe zur Funktionalität von Depression

„Denn nichts auf Erden ist so nutzlos schlecht, dass es der Erd‘ nicht auch sein Gutes brächt.“ – Pater Lorenzo in „Romeo und Julia“ von William Shakespeare

Ich mag kein Schwarz-Weiß-Denken. Es ist eine Art von Denkverzerrungen, die nach Aaron T. Beck Merkmale psychischer Störungen sind. Und doch kommt es mir so vor, als würden wir das häufig in unserem Alltag tun, auch wenn wir nicht mit einer psychischen Störung diagnostiziert sind. Wir bewerten Erfahrungen als entweder gut oder schlecht und machen das vor allem daran fest, wie angenehm oder unangenehm eine Erfahrung für uns ist. So scheint es sich auch mit psychischen Störungen selbst zu verhalten. Sie ergeben sich aus einer Ansammlung derart unangenehmer Erfahrungen, die zu so einem hohen Leidensdruck führen, dass die Betroffenen eine Psychotherapie aufsuchen. Dabei kommen sie meist mit dem Ziel, die (im wahrsten Sinne des Wortes) Störung möglichst schnell wieder loszuwerden und die Symptome „weg zu therapieren“. Doch was, wenn die Störung gar nicht so schlecht und nutzlos ist, wie sie scheint? Was, wenn sie stattdessen eine wichtige Funktion erfüllt?

Diese Frage habe ich mir gestellt, als Prof. Dr. Klaus Rothermund, Professor für Allgemeine Psychologie an der Uni Jena, in seiner Vorlesung zu Motivation und Emotion erklärte, dass die Depression ein Hilfsmittel sein kann, um bestimmte Ziele hinter sich zu lassen. Er stellte uns eine Studie von Seligman, einem US-amerikanischen Psychologen, aus dem Jahr 1975 vor, die belegt, dass Depression entstehen kann, wenn man ein bestimmtes Ziel nicht erreichen kann. Obwohl man dieses Ziel so gern erreichen möchte, macht man die Erfahrung, dass nichts hilft, egal, was man tut. Man hat das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben, und fühlt sich hilflos. Daraus entwickelt sich ein generelles Motivationsdefizit, das sich auch auf andere Lebensbereiche überträgt. Man fühlt sich antriebslos, niedergeschlagen und alles kommt einem sinnlos vor. An diesem Punkt möchte niemand gerne stehen. Doch es könnte genau diese Eigenschaft der Depression sein, die einem hilft, endlich von dem bestimmten unerreichbaren Ziel loszulassen.

Im Jahr 2000 hat Nesse, ein US-amerikanischer Mediziner, der bekannt für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Evolutionären Psychologie ist, einen provokanten Artikel veröffentlicht, in dem er der Depression einen evolutionären Nutzen zuschreibt. Er führt wissenschaftliche Belege dafür an, dass die Depression durch den sie begleitenden Pessimismus und die fehlende Motivation dem Betroffenen dabei helfen könnte, Handlungen der Zielverfolgung einzustellen, die bei einem unerreichbaren Ziel in verschwendeter Anstrengung (oder Schlimmerem) enden würden. Durch die Depression könnte also jemand, der besonders stark an ein unerreichbares Ziel gebunden ist, lernen, davon loszulassen. Aktuelle Längsschnittstudien von Wrosch und Miller (2009) bestärken diesen Ansatz. Sie konnten zeigen, dass depressive Symptome bei jugendlichen Mädchen über die Zeit zu einem Anstieg von Zielablösungsfähigkeiten führten. Dies hatte wiederum eine Reduktion der depressiven Symptome zur Folge. Sollte es also so sein, dass Depressive sich besser von unerreichbaren Zielen ablösen können als Nicht-Depressive? Könnte diese Eigenschaft das Gute am Schlechten der Depression sein?

Um das zu untersuchen, habe ich zusammen mit Prof. Dr. Rothermund eine Studie (Link s. u.) durchgeführt, in der den Teilnehmenden Anagramme vorgelegt wurden. Anagramme sind ursprünglich Wörter, bei denen die Buchstaben in eine falsche Reihenfolge gebracht worden sind, sodass man sie in die richtige Reihenfolge bringen muss, um sie zu lösen (z. B. ergibt sich aus dem Anagramm SESWIN das Wort WISSEN). Die Teilnehmenden sollten innerhalb von 15 Minuten am Computer so viele Anagramme lösen wie möglich. Für jedes gelöste Anagramm erhielten sie Punkte und für jedes ungelöste Anagramm verloren sie einen Punkt. Die Anagramme wurden nacheinander präsentiert. Wenn sie ein Anagramm nicht lösen konnten und zum nächsten übergingen, wussten sie, dass sie zum vorherigen nicht mehr zurückkehren konnten. Allerdings wussten sie nicht, dass manche der Anagramme unlösbar waren, also kein Wort ergaben. Interessant daran war, zu sehen, wie lange jemand sich an einem unlösbaren Anagramm aufhielt und dadurch Zeit verschenkte. Die unlösbaren Anagramme repräsentierten also unerreichbare Ziele, von denen es galt, sich möglichst frühzeitig abzulösen, um die Zeit effektiv zu nutzen. Unter den Teilnehmenden befanden sich einerseits depressive PatientInnen aus einer psychiatrischen Klinik und andererseits eine vergleichbare nicht-depressive Kontrollgruppe. Es zeigte sich, dass die depressiven PatientInnen weniger Zeit für die unlösbaren Anagramme aufwandten als die Kontrollgruppe und trotzdem die gleichen Bearbeitungszeiten für lösbare Anagramme aufwiesen. Sie schafften es also tatsächlich, sich früher von den unerreichbaren Zielen abzulösen, und hatten dadurch einen Vorteil.

Natürlich ist das Lösen von Anagrammen ein begrenzter Aufgabenbereich, der sich nicht so leicht auf die Herausforderungen im alltäglichen Leben übertragen lässt. Doch unser Befund ist ein Indiz dafür, dass die Depression einen Mechanismus auslöst, der dabei hilft, sich von unerreichbaren Zielen abzulösen, und der sich bereits in einfachen Denkaufgaben wie dem Lösen von Anagrammen zeigt. Wann dieser nützliche Mechanismus im Laufe der Depression genau einsetzt, wie er sich über die Zeit entwickelt und was seine Entwicklung eventuell auch behindern könnte, das sind Fragen, die noch offen bleiben. Wenn wir diesen Forschungsansatz weiterverfolgen, könnte das unsere Sichtweise auf die Depression als psychische Störung und auch auf angemessene Therapieformen verändern. Falls die steigenden Zielablösungsfähigkeiten eine hilfreiche Funktion der Depression sind, sollte man sie dann nicht auch in der Therapie nutzen? Könnte eine Strategie in der Therapie sein, unerreichte Ziele zu identifizieren und die Ablösung davon zu fördern? Dazu kann in unserer Studie allerdings keine Aussage getroffen werden.

Festzuhalten bleibt, dass es sich sicherlich lohnt, die funktionale Seite der Depression weiter zu untersuchen. Denn das könnte auch Aufschluss darüber geben, warum sie einsetzt und über längere Zeit bestehen bleibt. Wenn wir aufhören, die Depression als ein Hindernis zu sehen, das beseitigt werden muss, könnten wir die Krise als eine Chance wahrnehmen, unsere Lebensweise zu verbessern.

Unsere Studie kann unter folgendem Link noch bis zum 12. Dezember 2016 kostenlos vollständig eingesehen werden: http://authors.elsevier.com/a/1Twup1KHtEtss. Bei Fragen könnt ihr mich gerne unter katkoppe@gmail.com kontaktieren.

Literaturangaben

Beck, A. T. (1974). The development of depression. A cognitive model. In R. J. Friedman & M. M.  Katz (Hrsg.), The psychology of depression: Contemporary theory and research (S. 3-28). New York, NY: Wiley.

Koppe, K., & Rothermund, K. (2017). Let it go: Depression facilitates disengagement from unattainable goals. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 54, 278-284.

Nesse, R. M. (2000). Is depression an adaptation? Archives of General Psychiatry, 57(1), 14.

Seligman, M. E. P. (1975). Helplessness: On depression, development and death. New York, NY: Freeman.

Wrosch, C., & Miller, G. E. (2009). Depressive symptoms can be useful: Self-regulatory and emotional benefits of dysphoric mood in adolescence. Journal of Personality and Social Psychology, 96(6), 1181-1190.