Ich bin toll … oder? — Ein Blick hinter die Fassaden des Narzissmus.

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Praktikum

Ich koche mir gerade eine frische Pilzcremesuppe und blicke auf mein Meisterwerk. Es riecht himmlisch. Ich habe extra die Steinpilze mit Schalotten vorher angebraten, damit das Aroma so richtig durchschlägt. Ich bin stolz auf mich, mir geht es gut. Ist das nicht ein schönes Gefühl, sich selbst zu mögen? Sich als positives Wesen zu empfinden? Schon, wie ich finde. Das geht auch anderen Menschen so — wir Menschen haben eine Tendenz unseren Selbstwert aufzubauen und zu erhalten. Wir wollen uns als gut bewerten können. Doch was passiert mit Menschen, deren positives Bild von sich selbst extrem stark ausgeprägt ist?

Die Sache mit dem Selbstwert…

Wir beschäftigen uns in der (Klinischen) Psychologie häufig mit Depressionen, was auch irgendwo hinsichtlich der Prävalenz und gesellschaftlichen Relevanz logisch ist. Diese Menschen haben kein positives Selbstbild von sich. Bei Narzissten läuft das anders … oder? Narzissmus ist gekennzeichnet durch ein hohes Bedürfnis nach Bewunderung, Narzissten wollen hören, wie grandios sie sind. Doch weshalb? Hat man sich schon einmal gefragt, ob es nicht sein kann, dass Narzissten eigentlich nur in die Welt hinausschreien: „Ich bin so toll!“, sich aber so eigentlich nicht fühlen? Das wäre doch die Erklärung: Narzissten fühlen sich eigentlich total unsicher, versuchen dies aber zu kompensieren (was ihnen nicht gelingt), indem sie nach außen den Schein wahren, sozusagen eine Maske aufsetzen. Man kann sagen: Narzissten haben/äußern einen hohen expliziten Selbstwert, man kann aber dementsprechend erwarten, dass ein niedriger impliziter Selbstwert miteinhergeht. Oder anders: „Narzissten tragen einen großen inneren Kritiker in sich.“

Dieses „Mask Model“ wurde daher in der Studie von Marissen, Brouwer, Hiemstra, Deen und Franken (2016) untersucht. Fragestellungen waren zum einen, ob Narzissten als solche überhaupt durch ihre Persönlichkeitsstörung einen Leidensdruck empfinden, und, inwiefern das Mask Model zutrifft. Praktische Relevanz hat diese Frage allemal. Nicht nur für die Klinischen PsychologInnen unter uns, denn: JedeR von uns gerät mal an Menschen, die über alle Maßen des guten Geschmacks von sich überzeugt sind — es dürfen sich daher auch ruhig alle angesprochen fühlen.

Wie wurde das mask model untersucht?

Untersucht wurden ProbandInnen aus einer größer angelegten Studie zu Persönlichkeitsstörungen in den Niederlanden (N = 60; n1 = 20 (Kontrollgruppe), n2 = 20 (Psychiatrische Kontrollgruppe = Cluster-C-Persönlichkeitsstörungen[1]), n3 = 20 (Personen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung)). Maße waren z. B. für die psychische Beeinträchtigung das BSI (Brief Symptom Inventory), der diagnostizierte (nach dem SKID-II; strukturiertes klinisches Interview für DSM-IV) und selbstberichtete Narzissmus (NPI; Narcissistic Personality Inventory) der explizite Selbstwert (RSES; Rosenberg Self-esteem Scale) und der implizite Selbstwert (SE-IAT; Self-Esteem Implicit Association Task). Wichtig zu den letzten zwei Werten: Um den Unterschied zwischen hohem expliziten und geringem impliziten Selbstwert abzutragen, wurden die Differenzen der Werte getestet.

Man konnte deskriptiv erst einmal ein paar interessante Zusammenhänge aufweisen, da Narzissmus (selbstberichtet) und psychische Beeinträchtigung nicht miteinander zusammenhingen (r = -.01), gleichzeitig aber ein geringer Selbstwert (hoher Wert auf der Skala = geringer Selbstwert) deutlich mit psychischer Beeinträchtigung zusammenhing (r = .61**). Guckt man sich aber die inferenzstatistischen Ergebnisse an, so sieht man, dass insgesamt die Unterstützung für das Mask Model nicht hinreichend ist, da sich die drei Gruppen zwar hinsichtlich der verschiedenen abhängigen Variablen unterschieden, aber nicht z. B. die Narzissmusgruppe die höchste Differenz im Vergleich zu den anderen Gruppen aufweisen konnte.

Wie kann man die Ergebnisse nutzen?

Wie lassen sich diese Ergebnisse nun in den bisherigen Forschungsstand einbetten? Eine größer angelegte Studienreihe aus dem Jahr 2013, die sich Narzissmus widmete, zeigte Ergebnisse in die Richtung, dass es mehrere Facetten des Narzissmusses gibt und dass sich gerade dieses Mask Model gut für den „vulnerablen Typ“ zur Vorhersage von Verhaltensweisen eignet (z. B. Frustration bei Diskussionen, anstatt dem einfachen Zustimmen zu ihrem Willen). Das heißt: Es gibt Narzissten, die wirklich einen inneren unsicheren Kern in sich tragen, jedoch trifft das nicht auf alle zu, und es gilt daher diesen Faktor zu beachten, wenn man sich mit narzisstischen Persönlichkeiten konfrontiert sieht. Spannend ist daher auch die Frage nach einem „gesunden“ Narzissmus. Auch hierauf gibt es aus dieser Studie Hinweise: Zum einen gibt es keinen Zusammenhang von Narzissmus zu psychischen Beschwerden, zum anderen ist der Zusammenhang von explizitem Selbstwert und eben diesen Beschwerden negativ. Man kann sich also abschließend fragen: Gibt es einen Punkt, an dem es förderlich ist, einen hohen expliziten Selbstwert zu besitzen, ohne gleichzeitig narzisstisch zu sein?

Wenn man sich den letzten Abschnitt so durchliest, dann finde ich, dass ich auf meine so fantastische Pilzsuppe stolz sein darf. Das heißt ja nicht automatisch, dass ich mich durch Stolz (oder durch zufällig falsch gepflückte Pilze) selbst vergifte … oder?

 

Quelle: Marissen, M. A., Brouwer, M. E., Hiemstra, A. M., Deen, M. L., & Franken, I. H. (2016). A masked negative self-esteem? Implicit and explicit self-esteem in patients with Narcissistic Personality Disorder. Psychiatry research, 242, 28-33. doi: 10.1016/j.psychres.2016.04.070

Bildquelle: https://unsplash.com/search/mirror?photo=lQsSajXtEE8

[1] Erinnerung: Cluster C = „ängstlich/vermeidend“, z.B. selbstunsichere Persönlichkeitsstörung