Positionspapier Zur Lage der Allgemeinen Psychologie — 1 Jahr danach

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Zur Lage der Allgemeinen Psychologie — 1 Jahr danach

Vor einem Jahr wurde das Positionspapier der FG Allgemeine Psychologie veröffentlicht — und infolgedessen umfangreich und teilweise kontrovers diskutiert. Wir haben uns vor kurzem im Rahmen eines Interviews mit den zahlreichen Diskussionsbeiträgen auseinandergesetzt: http://www.psystudents.org/einheit-der-psychologie-interview-mit-erich-h-witte/

Da dieses bei euch auf reges Interesse gestoßen ist, haben wir nun beschlossen, bei der FG Allgemeine Psychologie direkt nachzufragen, wie es seither weitergegangen ist.

 

1 Jahr nach dem Positionspapier — waren Sie zufrieden mit der Diskussion, die darüber in der Psychologischen Rundschau (und möglicherweise auf anderen Kanälen) geführt wurde? Gab es inhaltlichen Input, den Sie als besonders wertvoll erlebt haben? Haben Ihres Erachtens Aspekte in der Diskussion gefehlt?

Das Papier war zunächst als interne Diskussionsgrundlage und Positionierung gedacht. Schnell wurde jedoch die Bitte an uns herangetragen, das Papier breit zugänglich zu machen, also zu veröffentlichen, und so eine gesamtpsychologische Diskussion anzuregen.

Wie bereits an verschiedenen Stellen mitgeteilt und auch persönlich an alle rückgemeldet, die uns direkt kontaktiert haben: Wir waren von den allermeisten Kommentaren beeindruckt und haben sie als große Bereicherung erlebt. Die Tiefe und Breite der Rückmeldungen haben wir nicht erwartet und die vielen interessanten angesprochenen Aspekte waren ergiebig und überaus hilfreich. Wir nehmen es so wahr, dass wir die Diskussion innerhalb der Psychologie durchaus (mit)beleben konnten.

Bei den meisten unserer Punkte haben wir Zustimmung und Beifall erhalten. Als hilfreichen Input für uns und die gesamte Psychologie sehen wir vor allem die folgenden Aspekte:

  • Einordnung der Allgemeinen Psychologie in einen interdisziplinären Kontext, vor dem man keine Angst haben muss
  • Herausstellen der Methodenkompetenz, die in der Allgemeinen Psychologie vorhanden ist und einen Nutzen in Diagnostik und Anwendung hat
  • Überlegungen, wie die Methodenkompetenz jedoch auch noch erweitert und aktuellen Anforderungen (Stichworte: Big Data / Replikationen / Open Science) angepasst werden kann
    Die Psychologie wird bei vielem als Vorreiter wahrgenommen (Replikationen / Open Science), jedoch müssen wir uns auch fragen, inwiefern wir die bisher zumeist atheoretischen Vorhersagen aus Big-Data-„Studien“, die häufig von anderen Disziplinen durchgeführt werden, mit psychologischen Theorien und damit einem Verständnis zugrundeliegender Prozesse untermauern könnenGedanken zum Kern der Psychologie im Allgemeinen und der Allgemeinen Psychologie im Besonderen.
  • Plädoyer für eine stärkere theoretische Integration grundlagenwissenschaftlicher Befunde, um das Wissen besser für Anwendungsbereiche aufgreifbar und nutzbar zu machen
  • Plädoyer für ein stärkeres Miteinander und einen besseren Dialog zwischen den Fächern und die Einladung, Anknüpfungspunkte gegenseitig besser aufzuzeigen
  • Verständigung darauf, dass den zahlreichen Studierenden, die nicht psychotherapeutisch/klinisch tätig werden möchten, weiterhin ein breites und interessantes Studium mit allen Vorteilen, die das Psychologiestudium für die folgende Berufsausübung mitbringt, geboten werden sollte

Darüber hinaus haben wir festgestellt, dass sich einige Rückmeldungen auf „Zahlen“ bezogen und weitere konkrete Auskünfte zu ganz verschiedenen Aspekten nachgefragt wurden. Offenbar besteht aktuell ein Bedürfnis, bestimmte Aspekte (z. B. die tatsächlichen beruflichen Tätigkeiten von Psychologen; die Vorstellungen von Studienanfängern dazu, was sie später machen möchten/werden; den Anteil an Bewerbern aus der Medizin auf Psychologenstellen) zahlenmäßig greifbarer zu bekommen.

 

Was hat sich in Folge der Debatte in Ihrer Fachgruppe getan?

Insgesamt versuchen wir, uns stärker in die psychologischen Debatten einzubringen und die Allgemeine Psychologie, die ja ein großes Fach innerhalb der Psychologie ist, wieder präsenter zu machen. Inzwischen stehen wir mitten in Diskussionen um die Weiterentwicklung des Faches und viele denken individuell über verschiedenste Punkte nach. Es zeigt sich an vielen Stellen, dass Kooperationen auf verschiedenen Ebenen (z. B. in Lehrveranstaltungen, in Forschungsprojekten etc.) zwischen der Allgemeinen Psychologie und stärker anwendungsorientierten Fächern vermehrt und bewusst aufgebaut und bereits gelebt werden. Wir stehen in einem guten Austausch zwischen den Fachgruppen und wir sind froh, dass wir uns über Fachgruppen hinweg effizient, konsensual und wertschätzend abstimmen können. Vor allem der Punkt der stärkeren theoretischen Ausrichtung und der Bündelung unserer zahlreichen Einzelbefunde, die in der Allgemeinen Psychologie vorliegen und produziert werden, wird in Zukunft auch von Fachgruppenseite aus forciert werden. Hierzu planen wir nun, in der Nachwuchsförderung diesbezüglich aktiv zu werden.

 

In vielen Diskussionsbeiträgen wurden diverse Lösungsansätze präsentiert — u. a. wurde über den DGPs-Verteiler die Gründung einer AG Theoretische Psychologie vorgeschlagen. Wurde das in der FG Allgemeine Psychologie wahr-/ zur Kenntnis genommen? Wenn ja, wie wurde dem begegnet?

Von Anfang an haben wir das Bedürfnis, dass die grundlagenorientierten Fächer eine stärkere theoretische Ausrichtung erfahren sollten, als wichtigen Aspekt betrachtet. Viele einzelne sehen dies als wichtigen Impuls zu einem Nachdenken und ggf. Austarieren ihrer Forschungstätigkeiten. Eine Fachgruppe Theoretische Psychologie würde hier jedoch keine Lösung für alles sein und auch eine Umbenennung der Allgemeinen Psychologie in Theoretische Psychologie wäre keine Lösung — wobei sowohl der eine als auch der andere Name außerhalb der Psychologie schwer verständlich bleibt. Der Weg wird vielmehr sein, dass jeder einzelne aktiv wird. Von Fachgruppenseite aus werden wir in dieser Richtung z. B. in der Nachwuchsförderung aktiv werden.

 

Inzwischen hat auch der DGPs-Kongress stattgefunden, bei dem die Fachgruppe zu einem Gesprächsforum geladen hatte. Wenn sie auf dieses Forum insgesamt zurückblicken: Was waren die zentralen inhaltlichen Schwerpunkte, was die für Sie wichtigsten Ergebnisse?

Das Gesprächsforum war als offener Austausch geplant und wir haben einerseits informell über aktuelle Entwicklungen informiert und andererseits Anregungen der Mitglieder eingeholt. Zusammenfassend waren die bereits oben genannten Punkte der stärkeren theoretischen Ausrichtung sowie einer Anpassung des Methodenspektrums und die entsprechende Qualifikation unseres Nachwuchses in diesen Bereichen besonders relevant.

 

War das für Sie als Gruppe die erste Gelegenheit, die Diskussion um das Positionspapier zu reflektieren? Hat es Sie vorangebracht?

Wir sehen das Ganze als Prozess und als einen Baustein in der großen Debatte um die Einheit und den Wesenskern der Psychologie. Wir haben bereits zahlreiche Gelegenheiten seit Januar — beispielsweise die Fachgruppensitzung im März — genutzt, um miteinander über unsere Positionen und die Rückmeldungen auf das Positionspapier in den Austausch zu treten. Das Gesprächsforum war eine gute Gelegenheit, um die Essenz der bisherigen Entwicklung nochmals auf den Punkt zu bringen und Zwischenstände zu berichten.

 

Unter den für das Gesprächsforum anberaumten Punkten war auch „Replikationschance“ zu finden — könnten Sie erörtern, was diesbezüglich besprochen und beschlossen wurde?

Wir haben seit einigen Monaten eine Arbeitsgruppe, die die Stellungnahmen, Richtlinien, Vorlagen, Vorgaben etc., die nun zahlreich zum Thema Replikation verfasst wurden und werden, zu sichten und zusammenzutragen. Es soll eine kleine Handreichung dazu entstehen, in welchen Fällen man sich am besten wo weiter informiert und ggf. welche Aspekte in der Debatte oder in konkreten Handlungsempfehlungen für die Allgemeine Psychologie weniger zentral sind.

 

Ebenfalls auf der Fachgruppenseite angekündigt wurde kürzlich eine gemeinsame Stellungnahme der Grundlagenfächer bezüglich eines neuen allgemeinen Masters. Wann wird mit der Veröffentlichung zu rechnen sein und welchen Nutzen erhoffen Sie sich konkret von der Stellungnahme?

Dieses Papier dient als interne Diskussionsgrundlage innerhalb der DGPs für die Weiterentwicklung des Faches und der Masterstudiengänge. Diejenigen Fachgruppen, die den eher grundlagenorientierten Fächern in den Curricula der DGPs zugeordnet sind, haben sich hier auf eine gemeinsame Position verständigt.

Selbstverständlich erfuhr die klinische Psychologie in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit. Gerade aus den Reihen der klinischen Psychologie kamen aber die Forderungen, dass das Studium weiterhin ein wissenschaftliches Studium bleiben muss und dass auch Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen weiterhin über psychologische Kernkompetenzen verfügen müssen. Hierin sehen wir auch eine Aufgabe unserer Fächer. Der Ausgangspunkt war also die Frage: Wie können wir uns als „Grundlagenfächer“ in zukünftigen Studiengängen engagieren. Das Positionspapier hatte nun den Zweck der internen Abstimmung, die uns sehr gut gelungen ist, sowie der Positionierung innerhalb der Psychologie und wir erhoffen uns, dass ein paar Punkte aufgegriffen und umgesetzt werden können.

 

Allgemein: was ist das konkrete Endziel all der Stellungnahmen, wie können die Fachgruppen tatsächlich auf Masterprogramme Einfluss nehmen?

Das Positionspapier der Allgemeinen Psychologie hatte nicht nur oder nicht in erster Linie das Ziel, Einfluss auf die Masterprogramme zu nehmen. Allerdings konnten wir erfreulicherweise feststellen, dass sich parallel zu unserem Standpunkt auch der Vorstand der DGPs zu einer sehr vergleichbaren Position verändert hat.

Es war wichtig, hier einen Standpunkt zu setzen, der anderen als Ausgangs- und Vergleichspunkt dienen konnte. Die meisten haben sich dezidiert unserem Standpunkt angeschlossen.

Nachdem nun aufgrund der vermutlich bevorstehenden Veränderungen gesetzlicher Art im Bereich der PsychotherapeutInnenausbildung lange Zeit die klinische Psychologie stark im Fokus stand, ist es nun in den nächsten Monaten und Jahren wichtig, die konkrete Ausgestaltung in diesem Bereich gut abzuschließen und andererseits aber auch den Fokus wieder auf andere Bereiche der Psychologie zu lenken. In der Außenwahrnehmung wird Psychologie häufig mit Psychotherapie / klinischer Psychologie gleichgesetzt. Wie wir alle wissen, handelt es sich jedoch bei der klinischen Psychologie lediglich um ein Teilfach der Psychologie.

 

Worin sehen Sie Ihre Rolle in der gesamten Diskussion?

Als Sprechergruppe haben wir in erster Linie eine vermittelnde Rolle. Wir versuchen, Bedürfnisse der Fachgruppenmitglieder mitzubekommen, in den Austausch zwischen Fachgruppen zu treten, mit Studierenden Kontakt aufzunehmen (was bedauerlicherweise bisher weniger erfolgreich war), zu koordinieren, zu informieren, zusammenzufassen und auf Positionen hinzuarbeiten, die von vielen mitgetragen werden können.

 

Möchten Sie noch etwas hinzufügen?

Wir befinden uns sicherlich in einer diskussionsreichen Zeit, in der wir uns über unser jeweiliges Selbstverständnis und unsere Schwerpunkte, die Art und Weise unserer Binnenbeziehungen, die Kompetenzen, die PsychologInnen für bestimmte Tätigkeitsfelder mitbringen müssen, und die nach außen gerichteten Darstellungen unseres Faches Gedanken machen müssen.

Sicherlich wird vieles ohne den Einfluss einer Fachgesellschaft in der Praxis an den Instituten und Universitäten entschieden und umgesetzt werden. Die Richtlinien der DGPs und auch unser Papier sind aber an vielen Instituten bereits wichtige Argumentationsbausteine und können bei Diskussionen vor Ort sehr gut unterstützen. Es geht darum, kompetente und wissenschaftlich fundierte PsychologInnen und PsychotherapeutInnen an den Universitäten „auszubilden“ und zu bilden. Die Arbeitslosenquote unter den PsychologInnen ist sehr gering. Dies ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass PsychologInnen über ein breites methodisches, theoretisches und praktisches psychologisches Repertoire verfügen, sich deshalb in eine Vielzahl von Berufsfeldern einarbeiten und dort ihre Kompetenzen anwenden können. Bei einer starken Spezialisierung oder zu frühen Schwerpunktsetzung würden wir einen entscheidenden Vorteil des bisherigen Studiums aufgeben. Gern würden wir insbesondere zu diesem Punkt stärker mit StudierendenvertreterInnen ins Gespräch kommen, weshalb wir Ihre Anfrage und Initiative sehr begrüßen.

 

Herzlichen Dank für das Interview!