Braucht man gendergerechte Sprache wirklich?

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„Aus Gründen der Verständlichkeit …“
oder: „Warum eigentlich Gendern?“

Praktikum

Vielleicht ist euch schon einmal aufgefallen, dass wir gendern, also gendergerechte Sprache verwenden. Sprich, wenn wir Studenten und Studentinnen meinen, dann schreiben wir nicht einfach Studenten, sondern StudentInnen, oder Studierende. Vielleicht habt ihr schon mal gedacht, dass das nicht so hübsch aussieht, oder euch gefragt, ob das wirklich nötig ist. Warum wir nicht einmal irgendwo hinschreiben, dass wir beide Geschlechter meinen, und dann das generische Maskulinum verwenden.

Zum Glück gibt es jede Menge psychologische Forschung, die sich mit dem Thema gendergerechte Sprache beschäftigt hat. Anhand dieser Forschung möchte ich im Folgenden die häufigsten Fragen zu und Einwände gegen gendergerechte Sprache anschauen. Dazu gehören:

  1. das generische Maskulinum schließt Frauen doch mit ein, da reicht doch ein Vermerk vorher,
  2. das generische Maskulinum ist einfacher zu lesen und zu verstehen, und:
  3. das ist doch nur Sprache, das hat doch keine Auswirkung auf die reale Welt.

 

„Nenne deinen Lieblingsmusiker!“
oder: „Das generische Maskulinum meint doch Männer UND Frauen.“

Eines der häufigsten Argumente gegen gendergerechte Sprache ist, dass Frauen im generischen Maskulinum zwar nicht sichtbar sind, aber dass sie selbstverständlich mitgemeint sind. Tatsächlich ist die deutsche Sprache so definiert, dass „Politiker“ sowohl mehrere Personen männlichen Geschlechts als auch Personen männlichen und weiblichen Geschlechts meinen kann. Aber denken wir tatsächlich an Männer und Frauen, wenn wir ein generisches Maskulinum hören?

Um das zu testen, gibt es zwei Methoden:

  1. Man kann testen, an wen Menschen denken, wenn das generische Maskulinum benutzt wird. An Männer und Frauen, oder (fast) nur an Männer?
  2. Man kann Sätze bilden, die das generische Maskulinum mit weiblichen Personen in Verbindung bringen, und dann das Verständnis testen.

Methode 1 verwendeten zum Beispiel Stahlberg, Szescny & Braun (2001) in zwei Studien. Sie baten ihre TeilnehmerInnen, ihnen bestimmte Personen zu nennen. In Studie 1 wurde dabei in der Frage entweder ein generische Maskulinum, eine Beidnennung oder eine neutrale Version verwendet, in Studie 2 statt der neutralen Version ein Binnen-I. In Studie 1 sollten besonders beliebte Personen genannt werden, die die Teilnehmer besonders mochten, zum Beispiel „einen Romanheld“, „einen Romanheld oder eine Romanheldin“ oder „eine heldenhafte Romanfigur“. In der Version mit dem generischen Maskulinum wurden dann deutlich weniger Frauen genannt als in den anderen beiden Versionen. Im Durchschnitt nannten die TeilnehmerInnen beim generischen Maskulinum nicht einmal eine weibliche Person in sechs Fragen. In Studie 2 sollten die TeilnehmerInnen dagegen Personen nennen, die ihnen am schnellsten einfielen. Auch hier nannten TeilnehmerInnen am wenigsten Frauen beim generischen Maskulinum, aber nur die Binnen-I-Form schnitt signifikant besser ab. Insgesamt führt das generische Maskulinum also dazu, dass Frauen nicht oder nur sehr wenig mitgedacht werden.

Die zweite Methode benutzten dagegen Gygax, Gabriel, Sarrasin, Oakhill & Garnham (2008) in einer sprachvergleichenden Studie zwischen Deutschland, Frankreich und England. Während Deutsch und Französisch männliche und weibliche Formen haben, ist dies im Englischen nicht der Fall. Daher lässt sich durch einen Sprachvergleich feststellen, welche Auswirkungen die Art der Sprache hat. TeilnehmerInnen lasen zuerst einen Satz, der eine Gruppe vorstellte. Daraufhin folgte ein Satz, der das Geschlecht einiger der Personen erwähnte. Dabei wurde außerdem variiert, wie stereotyp weiblich oder männlich der Beruf der Gruppe war. Ein Beispiel der 36 verschiedenen Sätze: „Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof. Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Frauen keine Jacke.“ TeilnehmerInnen mussten dann so schnell wie möglich entscheiden, ob der zweite Satz sinnvoll zum ersten passte.

Im Englischen gaben TeilnehmerInnen eher an, dass der zweite Satz sinnvoll war, wenn das Geschlecht im zweiten Satz zu dem Stereotyp des Berufs im ersten Satz passte. Im Deutschen und Französischen dagegen nahmen TeilnehmerInnen den zweiten Satz eher als sinnvoll wahr und entschieden sich schneller, wenn im zweiten Satz Männer erwähnt wurden – unabhängig vom stereotypen Beruf im ersten Satz. Die Verarbeitung von Sätzen mit generischem Maskulinum und darauffolgenden Frauen fiel TeilnehmerInnen deutlich schwerer, sodass man schlussfolgern kann, dass sie beim generischen Maskulinum Männer erwarteten.

 

„Aus Gründen der Verständlichkeit …“
oder: „Aber das kann man doch nicht lesen!“

Nachdem der obere Abschnitt sich damit beschäftigt hat, dass Frauen im generischen Maskulinum nicht oder zumindest weniger mitgedacht werden, stellt sich die Frage: Was jetzt? Oftmals kommt dann das Argument, dass das zwar gut und schön sei, man aufgrund der Lesbarkeit aber trotzdem auf das generische Maskulinum zurückgreife. Ich persönlich bin mir zwar nicht sicher, dass man Lesbarkeit über den Einschluss der halben Menschheit stellen sollte, aber darüber lässt sich vermutlich streiten. Wie sieht es denn aber nun mit der Lesbarkeit von gendergerechten Formen aus?

Braun, Oelkers, Rogalski, Boask & Sczesny (2007) testeten das Verständnis und die Erinnerung an einen Text (medizinischer Beipackzettel) mit generischem Maskulinum, Binnen-I oder Beidnennung und neutrale Formen. Während Teilnehmerinnen angaben, dass der Text in allen drei Versionen gleich gut lesbar sei, bevorzugten Teilnehmer die Version mit dem generischen Maskulinum. Interessanterweise erinnerten Teilnehmer sich aber gerade in dieser Version deutlich schlechter an den Text als in den beiden gendergerechten Versionen. Für Teilnehmerinnen gab es keine Unterschiede. In dieser Studie gaben männliche Teilnehmer also eine bessere Lesbarkeit für das generische Maskulinum an, hatten aber tatsächlich den Text in den anderen Versionen besser verstanden.

„Aber das ist doch nur Sprache, kümmert euch um die wirklichen Probleme!“
oder: Die Auswirkungen gendergerechter Sprache

Bisher zeigt die Forschung also auf, dass das generische Maskulinum nicht dazu geeignet ist, Frauen mit zu meinen, und dass die Verständlichkeit von gendergerechten Formen nicht schlechter ist. Allerdings erfordert es einen gewissen Aufwand, gendergerechte Formen so zu benutzen, dass sie gut lesbar sind, oder überhaupt daran zu denken, sie zu verwenden. Ist dieser Aufwand denn gerechtfertigt? Was macht es schon aus, wenn Frauen nicht so viel mitgedacht werden? Das hat doch keine Auswirkungen auf wirklich wichtige Probleme wie stereotype Berufswahl, Altersarmut oder Frauenmangel in Führungspositionen. Ist es das wirklich wert, sich mit gendergerechter Sprache statt damit zu beschäftigen? Aber auch zu diesem Thema gibt es eine Reihe von Studien, die zeigen, dass gendergerechte Sprache durchaus Auswirkungen auf „die reale Welt“ hat.

Horvath & Sczesny (2015) untersuchten zum Beispiel den Einfluss von gendergerechter Sprache auf die wahrgenommene Passung von Frauen und Führungspositionen. Sie beschrieben einen Job mit hohem oder niedrigen Status entweder mit generischem Maskulinum, generischem Maskulinum mit einem (m/f) dahinter, um anzudeuten, dass auch Frauen gemeint sind, oder Wortpaaren. Nur, wenn Wortpaare verwendet wurden, wurden Frauen als genauso passend zu einem Job mit hohem Status wahrgenommen wie Männer, sonst wurden Männer als passender empfunden – obwohl die Kompetenzeinschätzung gleich war. Gendergerechte Sprache kann also dazu beitragen, dass mehr Frauen in Führungspositionen landen.

Verwecken, Hannover & Wolter (2013) testeten dagegen, wie sich gendergerechte Sprache auf Berufwünsche von GrundschülerInnen auswirkt. Frauen sind nach wie vor eine Minderheit in STEM-Berufen, die zu den am besten bezahlten und sichersten Jobs gehören. Zudem gibt es in diesen Berufen oft einen generellen Mangel an MitarbeiterInnen, sodass mehr Frauen in STEM-Berufen sowohl für Frauen als auch für entsprechende Firmen von Vorteil wären. Verwecken, Hannover & Wolter (2013) stellten fest, dass die Präsentation von Berufen in Paaren im Gegensatz zum generischen Maskulinum dazu führt, dass mehr Frauen in diesen Berufen wahrgenommen werden, Erfolg ähnlicher zwischen Männern und Frauen wahrgenommen wird und Grundschülerinnen sich stereotyp männliche Berufe eher zutrauen. Gendergerechte Sprache kann also dazu beitragen, dass Mädchen sich für weniger genderstereotype Berufe interessieren.

 

Was sagen eigentlich die APA-Regeln dazu?

Die meisten Hausarbeiten, Abschlussarbeiten und Artikel in der Psychologie werden nach den Regeln der APA, der American Psychological Association, geschrieben, die dafür ein Manual herausgibt. Daher ist es sicherlich für die meisten interessant, was die APA dazu sagt. Im Manual gibt es drei Unterkapitel dazu, wie man Bias in Sprache reduzieren kann. (Kapitel 3, „Writing Clearly and Concisely“, Unterkapitel: „Reducing Bias in Language“,  „General Guidelines for Reducing Bias“, „Reducing Bias by Topic“, S. 70 – 77).

Ein Teil davon widmet sich speziell Gender: „Avoid ambiguity in sex identity or gender role by choosing nouns, pronouns, and adjectives that specifically describe your participants. Sexist bias can occur when pronouns are used carelessly, as when the masculine pronoun he is used to refer to both sexes or when the masculine or feminine pronoun is used exclusively to define roles by sex (e.g., „the nurse … she“). The use of man as a generic noun or as an ending for an occupational title (e.g., policeman instead of police officer) can be ambiguous and may imply incorrectly that all persons in the group are male. Be clear about whether you mean one sex or both sexes.” (S. 73.)

 

Literatur: „Schließt das generische Maskulinum Frauen mit ein?“

Braun, F., Gottburgsen, A., Sczesny, S., & Stahlberg, D. (1998). Können Geophysiker Frauen sein? Generische Personenbezeichnungen im Deutschen. Zeitschrift für Germanistische Linguistik, 26, 265-283.

Braun, Friederike; Sczesny, Sabine; Stahlberg, Dagmar (2002). Das generische Maskulinum und die Alternativen: Empirische Studien zur Wirkung generischer Personenbezeichnungen im Deutschen. Germanistische Linguistik, 167-168, 77-87.

Braun, Friederike; Sczesny, Sabine; Stahlberg, Dagmar (2005). Cognitive effects of masculine generics in German. An overview of empirical findings. Communications, 30, 1-21. doi: 10.1515/comm.2005.30.1.1

Gabriel, U., & Gygax, P. (2008). Can societal language amendments change gender representation? The case of Norway. Scandinavian Journal of Psychology, 49, 451-457.

Garnham, A., Gabriel, U., Sarrasin, O., Gygax, P., & Oakhill, J. (2012). Gender representation in different languages and grammatical marking on pronouns: when beauticians, musicians, and mechanics remain men. Discourse Processes, 49, 481-500.

Gygax, P., Gabriel, U., Lévy, A., Pool, E., Grivel, M., & Pedrazzini, E. (2012). The masculine form and its competing interpretations in French: When linking grammatically masculine role names to female referents is difficult. Journal of Cognitive Psychology, 24, 395-408.

Gygax, P., Gabriel, U., Sarrasin, O., Oakhill, J., & Garnham, A. (2008). Generically intended, but specifically interpreted: When beauticians, musicians, and mechanics are all men. Language and Cognitive Processes, 23, 464-485, DOI: 10.1080/01690960701702035

Gygax, P., Gabriel, U., Sarrasin, O., Oakhill, J., & Garnham, A. (2009). Some grammatical rules are more difficult than others: The case of the generic interpretation of the masculine. European Journal of Psychology of Education, 24, 235-246.

Lévy, A., Gygax, P., & Gabriel, U. (2014). Fostering the generic interpretation of grammatically masculine forms: When my aunt could be one of the mechanics. Journal of Cognitive Psychology, 26, 27-38.

Stahlberg, Dagmar; Sczesny, Sabine (2001). Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. Psychologische Rundschau, 52, 131-140. doi: 10.1026//0033-3042.52.3.131

Stahlberg, D., Sczesny, S., & Braun, F. (2001). Name Your Favorite Musician Effects of Masculine Generics and of their Alternatives in German. Journal of Language and Social Psychology, 20, 464-469.

 

Literatur: „Sind gendergerechte Formen schlechter zu verstehen?“

Beller, J., & Kazazi, J. (2013). Is there an Effect of Gender-Fair Formulations in the German Language?. Journal of Unsolved Questions, 3, 5-8.

Braun, Friederike; Oelkers, Susanne; Rogalski, Karin; Bosak, Janine; Sczesny, Sabine (2007). „Aus Gründen der Verständlichkeit…“: Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten. Psychologische Rundschau, 58, 183-189.

Rothmund, J., & Christmann, U. (2002). Auf der Suche nach einem geschlechtergerechten Sprachgebrauch: Führt die Ersetzung des ’generischen Maskulinums’ zu einer Beeinträchtigung von Textqualitäten? Muttersprache, 2, 115–136.

Steiger-Loerbroks, V., & von Stockhausen, L. (2014). Mental representations of gender-fair nouns in German legal language: An eye-movement and questionnaire-based study. Linguistische Berichte, 2014, 57-80.

 

Literatur „Auswirkungen von gendergerechter Sprache in „the real world““

Formanowicz, Magdalena Maria; Sczesny, Sabine (2014). Gender-Fair language and professional self-reference: The case of female psychologists in Polish. Journal of Mixed Methods Research, 10, 64-81. doi: 10.1177/1558689814550877

Formanowicz, M., Bedynska, S., Cisłak, A., Braun, F., & Sczesny, S. (2013). Side effects of gender‐fair language: How feminine job titles influence the evaluation of female applicants. European Journal of Social Psychology, 43, 62-71.

Formanowicz, Magdalena Maria; Cislak, Aleksandra; Horvath, Lisa Kristina; Sczesny, Sabine (2015). Capturing socially motivated linguistic change. How the use of gender-fair language afffects support for social initiatives in Austria and Poland. Frontiers in Psychology, 6. doi 10.3389/fpsyg.2015.01617

Horvath, Lisa Kristina; Sczesny, Sabine (2015). Reducing women’s lack of fit with leadership? Effects of the wording of job advertisements. European Journal of Work and Organizational Psychology, 25, 316-328. doi: 10.1080/1359432X.2015.1067611

Köser, Sara; Kuhn, Elisabeth A.; Sczesny, Sabine (2015). Just Reading? How Gender-Fair Language Triggers Readers‘ Use of Gender-Fair Forms. Journal of Language and Social Psychology, 34, 343-357. doi: 10.1177/0261927X14561119

Sczesny, Sabine; Formanowicz, Magdalena Maria; Moser, Franziska (2016). Can gender-fair language reduce gender stereotyping and discrimination? Frontiers in Psychology, 7, 1-11. doi: 10.3389/fpsyg.2016.00025

Vervecken, D., Hannover, B., & Wolter, I. (2013). Changing (S) expectations: How gender fair job descriptions impact children’s perceptions and interest regarding traditionally male occupations. Journal of Vocational Behavior, 82, 208-220.