5 Fragen an … Thomas Elbert

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Thomas Elbert
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Thomas Elbert
Praktikum

Prof. Dr. rer. soc. Thomas Elbert (*3. März 1950, Lindenberg im Allgäu)

  • seit 1995 Professur für Klinische Psychologie und Klinische Neuropsychologie in Konstanz
  • Mitentwickler der Narrativen Expositionstherapie (NET; universell-kulturelle Kurzzeitintervention für Traumafolgestörungen — Feldstudien in Afrika und Asien)
  • mentale Gesundheit in Konflikt- und Krisenregionen
  • posttraumatische Veränderungen in der zerebralen Organisation
  • Tinnitus (neurale Basis und behaviorale Behandlung)
  • Vorstandsmitglied von vivo international (victims‘ voice)
  • Sprecher der DFG Forschergruppe The Science of Social Stress

 

Wie von [highlight style=“cyan“]Niels Birbaumer[/highlight] und [highlight style=“cyan“]Iris-Tatjana Kolassa[/highlight] vorgeschlagen:

5 Fragen an …

Thomas Elbert

 

[highlight style=“platinum“]1. Als Sie sich erstmals für Psychologie einschrieben, was dachten Sie, wohin Ihr Weg Sie führen würde? Wie kam es zu der Studienfächerkombination aus Physik und Psychologie – hatten Sie unabhängige Interessen an beiden Disziplinen oder hatten Sie von Anfang an Schnittbereiche im Sinn? Was brachte Sie letzten Endes in die Traumaforschung? [/highlight]

Seit jeher war ich von Verhaltensbiologie fasziniert, also einer fundamentalen Nachbardisziplin der Psychologie. Nichts anderes bietet so tiefe Einsichten in die Welt und den Menschen wie Physik als Basis, und Psychologie als Krönung. Physik konnte mir eher Lohn und Brot sichern als Verhaltensbiologie. Doch nur wer die biologischen Grundlagen des Verhaltens berücksichtigt, wird in der Weiterentwicklung der Psychologie Erfolg haben.
Im Laufe meiner Forschungen wurde deutlich dass der Kern menschlichen Wesens in seiner Plastizität besteht – ein spannendes Arbeitsfeld! Aber die Fähigkeit zur Adaptation bietet auch die Gefahr zur Maladaptation. Störungen die durch traumatische Stress­erfahrungen ausgelöst werden bilden eine Form dieser Maladaptation. Meine Frau Maggie Schauer hat mir diesen Weg aufgezeigt.

 

[highlight style=“platinum“]2. Welcher Teil Ihrer Arbeit als Psychologe hat Ihnen bisher am meisten Freude gemacht? Gibt es ein Lieblingsprojekt, das Sie am glücklichsten gemacht hat? (Warum?) [/highlight]

Ich glaube, jede neue Erkenntnis bewirkt so was wie ein Glücksgefühl. Mit unseren Forschungen im Bereich der Neuroplastizität konnten wir Meilensteine setzen auch hinsichtlich Möglichkeiten der klinischen Anwendung. Aber die administrativen Hürden für die Umsetzung in den klinischen Alltag hatten wir unterschätzt. Es war ein Glücksfall, dass ich bei unseren Studien zu traumatischem Stress mit Maggie Schauer und Frank Neuner, zwei großen Ausnahmetalenten der Psychologie zusammenarbeiten durfte. Als wir dann die Narrative Expositionstherapie entwickelt hatten, war uns klar, dass es einen langen Atem braucht, bevor das Behandlungsverfahren in der Praxis ankommen wird. Aber ich muss das nicht mehr erleben, vielmehr ist jeder einzelne Fall, jeder traumatisierte Mensch, dem wir helfen können Alpträume zu beenden, dissoziatives Abdriften zu vermeiden oder depressive Stimmung zu vertreiben ein ganz wunderbarer Erfolg.

 

[highlight style=“platinum“]3. Wenn Sie in der Zeit zurückreisen und Ihrem Studenten-Ich einen Ratschlag geben könnten, welcher wäre das? Würden Sie es tun?[/highlight]

Die Evolution hat uns das Gedächtnis eigentlich als Adaptation an die Zukunft mitgegeben. Aber sie hat uns zu diesem Zweck auch mit episodischem Gedächtnis ausgestattet, das wir nun nutzen können um Gedächtnisinhalte chronologisch zu sortieren und so eine Zeitreise rückwärts ermöglichen können. Das Experiment, wie es denn ausgegangen wäre, wenn ich das ein oder andere Mal anders gehandelt hätte, lässt sich aber nicht wirklich durchführen. Und Hindsight Bias führt dazu, dass man Handlungsoptionen phantasiert. Meinem Studenten-Ich hätte ich geraten neugierig zu sein, mutige Fragen zu stellen und die Macht experimenteller Forschung voll umfänglich zu würdigen!

 

[highlight style=“platinum“]4. Gibt es irgendetwas, das Sie allen Psychologiestudenten gerne sagen würden; einen Ratschlag oder sonst etwas, das wir Ihrer Meinung nach alle wissen sollten?[/highlight]

Statistik steht am Ende nicht am Anfang von guten wissen­schaftlichen Fort-Schritten. Deswegen müssen statistische Denkweisen am Anfang wissenschaftlichen Arbeitens und Verstehens und nicht erst später erlernt werden.

 

[highlight style=“platinum“]5. Zum Abschluss: bitte erzählen Sie uns Ihren liebsten (bevorzugt Psychologie-bezogenen) Witz![/highlight]
Es gibt einen Witz, den erzähle ich gerne, weil er die Tücke menschlicher Psychopathologie offenbart:
Abschlussgespräch der Psychotherapeutin mit ihrem Patienten, Herrn M. nach Stunden der Behandlung. Der Patient war der festen Überzeugung gewesen, dass er eine Maus sei und sicherlich gefressen würde von einem grässlichen Katzentier. Endlich konnte der Patient geheilt verabschiedet werden.
Aber kurz nach Verlassen der Praxis rast Herr M. aufgeregt und mit Herzklopfen zurück zu seiner Therapeutin in das Behandlungszimmer.
Der Patient, völlig entsetzt: „Da draußen ist eine Katze, Frau Doktor!“
Therapeutin, entnervt: „Aber Herr M., Sie wissen doch jetzt, dass Sie keine Maus sind!“
Patient: “Ja schon“, keucht der Patient, „ aber weiß es die Katze auch?“

 

[highlight style=“platinum“]BONUS-Frage: Haben Sie einen Vorschlag, wer unsere 5 Fragen als nächstes beantworten sollte?[/highlight]

Christine Heim.

 

Wir bedanken uns herzlich für das Interview!