5 Fragen an…Ulrich Wagner

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Praktikum

Prof. Dr. Ulrich Wagner (*1951, Essen)Prof. Dr. Ulrich Wagner

  • Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg
  • Intergruppenkontakt und -beziehungen, Bewertung von Diversität
  • Vorurteile und Diskriminierung
  • Prävention, Intervention, Mediation
  • Aggression und Gewalt

 

5 Fragen an …

Ulrich Wagner

 

[highlight style=“platinum“]1. Als Sie sich erstmals für Psychologie einschrieben, was dachten Sie, wohin Ihr Weg Sie führen würde? Was hat Ihr besonderes Forschungsinteresse an den Bereichen Fremdenfeindlichkeit, Gruppenkonflikte und Diskriminierung geweckt? Im Zusammenhang mit diesem Forschungsschwerpunkt: Denken Sie, dass der Sozialpsychologie in Zeiten, in denen Flüchtlingsunterkünfte brennen und Fremdenfeindlichkeit zunehmend salonfähiger wird, eine besondere gesellschaftliche Verantwortung zukommt (und falls ja, wie könnte sie diese wahrnehmen)? [/highlight]

Ich habe 1971 mein Studium aufgenommen, wegen unzureichender Abiturnoten zunächst ein Studium der Physik. Dann konnte ich in die Psychologie wechseln, eigentlich ohne genaue Vorstellungen darüber, was mich erwartete. Auch in mein wissenschaftliches Lebensthema, Intergruppenbeziehungen, bin ich eher reingerutscht durch ein Angebot für eine Diplomarbeit, anschließend eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle in dem Bereich usw. Erst die Entscheidung zum Verbleib an der Hochschule war dann eine Tat erworbener Identität. Das hing auch damit zusammen, dass ich die Erforschung von Intergruppenbeziehungen immer mit Anwendungsfragen verbinden konnte und wollte — sowohl auf lokaler Ebene zunächst im Ruhrgebiet, jetzt in Hessen, als auch in wichtigen und außerordentlich bereichernden internationalen Forschungsverbünden, z.B. mit Tom Pettigrew aus Santa Cruz. Es ist nicht das erste Mal, dass in Deutschland Flüchtlingsheime brennen, schon in den frühen 1990er Jahren wurde gewalttätig gegen Geflüchtete vorgegangen, damals Geflüchtete vor den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien. Und schon damals fanden viele Kolleginnen und Kollegen und ich, dass die Sozialpsychologie hierzu oder besser hiergegen einen Beitrag leisten muss. Inzwischen werden ja auch eine Reihe von sozialpsychologischen Erkenntnissen in der Politik — manchmal — zur Kenntnis genommen, wie die Befunde zu Kategorisierungsprozessen, zu Intergruppenemotionen und zur Kontakttheorie. Mit den Jahren und unter dem Einfluss von befreundeten KooperationspartnerInnen aus verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen bin ich zum Popperianer geworden, der in verschiedenen seiner Werke beschrieben hat, wie die offene demokratische Gesellschaft funktionieren sollte und welchen Beitrag dazu die Wissenschaft leisten kann im Sinne einer evidence based policy.

 

[highlight style=“platinum“]2. Welcher Teil Ihrer Arbeit in der Psychologie hat Ihnen bisher am meisten Freude gemacht? Gibt es ein Lieblingsprojekt, das Sie am glücklichsten gemacht hat? (Warum?) [/highlight]

Sicherlich sehr eindrucksvoll war für mich die mehr als 10jährige Kooperation im Forschungsprojekt und im gleichnamigen Graduiertenkolleg „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, zusammen mit Wilhelm Heitmeyer aus der Soziologie und zwei Dutzend weiterer Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Die Arbeitsmöglichkeiten in solchen Forschungsverbünden und vor allem in Graduiertenkollegs sind einfach fantastisch. Endlich einmal kann man auf die finanziellen Ressourcen zurückgreifen, die für hochwertige Forschung erforderlich sind und die im normalen Haushalt von Hochschulen oft fehlen. Die Doktorandinnen und Doktoranden sowie die beteiligten Hochschullehrer, aber auch die Forschung zu Intergruppenprozessen, haben davon enorm profitiert.

 

[highlight style=“platinum“]3. Wenn Sie in der Zeit zurückreisen und Ihrem Studenten-Ich einen Ratschlag geben könnten, welcher wäre das? Würden Sie es tun?[/highlight]

Ich konnte immer von der hohen methodischen Expertise von KollegInnen aus verschiedenen Bereichen der Sozialwissenschaften profitieren und habe erst spät begriffen, wie stark strikte methodische Prinzipien — und ich meine Methoden und nicht nur Statistik — wissenschaftliche Befunde besser, d. h. auch besser anwendbar machen. Ich würde als Studierender heute sehr viel früher versuchen, solche Zusammenhänge besser zu verstehen.

 

[highlight style=“platinum“]4. Gibt es irgendetwas, das Sie allen Psychologiestudenten gerne sagen würden; einen Ratschlag oder sonst etwas, das wir Ihrer Meinung nach alle wissen sollten?[/highlight]

Ein Hochschulstudium sehr kostengünstig absolvieren zu können, ist ein Privileg, das auch Verpflichtungen nach sich zieht. Und die bestehen nach meiner Auffassung darin, sich in positivem Sinne als Elite in die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft einzubringen. Manchmal kann man das mit der eigenen Disziplin und Forschung verbinden, muss man aber nicht. Gesellschaftliche Verantwortung als politische Bürger haben auch diejenigen, die sich eher der Grundlagenforschung verpflichtet fühlen.

 

[highlight style=“platinum“]5. Zum Abschluss: bitte erzählen Sie uns Ihren liebsten (bevorzugt Psychologie-bezogenen) Witz![/highlight]

Ein Daniel-Düsentrieb-Intergruppenwitz: Der FC Schalke wird deutscher Meister.

 

[highlight style=“platinum“]BONUS-Frage: Haben Sie einen Vorschlag, wer unsere 5 Fragen als nächstes beantworten sollte?[/highlight]

Andrea Abele, Erlangen; Barbara Krahe, Potsdam.

 

Wir bedanken uns herzlich für das Interview!

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