Anwesenheitspflicht adé? Zum Hochschulzukunftsgesetz NRW 2015

0
762
Anwesenheitspflicht?
Praktikum

Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen — alle kennen sie, die meisten waren zumindest an irgendeinem Punkt im Laufe ihres Studiums wenig begeistert davon.

Im vergangenen Jahr wurde im neu erlassenen nordrhein-westfälischen Hochschulzukunftsgesetz ein grundsätzliches Verbot der Anwesenheitspflicht (mit Ausnahme einzelner Lehrveranstaltungstypen; vgl. § 64 (2a) HZG NRW) beschlossen. Witte (2016) diskutiert die Gesetzesbegründung aus ethischen und motivationspsychologischen Gesichtspunkten:

Das Verbot der Anwesenheitspflicht als Teilnahmevoraussetzung wird auf dreierlei Gründe gestützt —

  1. handle es sich um eine zu massive Einschränkung der grundlegenden Recht der Studierenden (also die Freiheit),
  2. sollen einkommensschwache Studierende nicht systematisch benachteiligt werden, weil Anwesenheitspflichten sie davon abhalten, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und so das Studium zu finanzieren, und
  3. seien, wenn es keine Anwesenheitspflicht gäbe, die Anwesenheitszahlen für die Universität ein wichtiger Kennwert, der Rückschlüsse auf die Qualität der angebotenen Lehrveranstaltungen zulässt und zur Verbesserung der didaktischen Qualität genutzt werden sollte; es gelte dabei die Vermutung, dass eine qualitativ hochwertige Lehrveranstaltung die Anwesenheit der Studierenden von selbst bewirken werde.

Die Erklärung unter 3. bezieht sich auf den Ansatz der intrinsischen Motivation — und tappt damit hier in die Falle der alltagspsychologischen Komplexitätsreduktion. Folgt man dieser Ansicht, überträgt man letzten Endes das Konzept der „Einschaltquoten“ aus den Medien auf die universitäre Lehre. Doch das kann nicht funktionieren, denn individuelle Zufriedenheit ist kein Kriterium für die objektive Bedeutsamkeit von Inhalten. Auch eine Reduktion des Wichtigen auf das unmittelbar in der Praxis, d. h. als Berufsqualifikation, Verwertbare greift zu kurz, denn nach dem ursprünglichen Konzept der europäischen Universität soll diese mehr bewirken, als nur zur Umsetzung der momentan üblichen Anwendungsart des Wissens befähigen. Die Universität auf Leistung nach „Nachfragequote“ und unmittelbare berufliche Verwertbarkeit zu beschränken, wäre langfristig gefährlich.

Den einzelnen Punkten wird entgegengehalten:

  1. Das Verbot der Anwesenheitspflicht schränkt tatsächlich die Freiheit der Studierenden weiter ein, weil sie nun keine Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht mehr wählen können. Dafür gäbe es jedoch gute Gründe — es entfällt eine Belastung, weil man nicht jedes Mal aufs Neue entscheiden muss, ob man heute hingeht oder nicht; die klaren Anforderungen helfen bei der Studienorganisation; und schließlich braucht manch einer den Druck, um sich dazu aufraffen zu können, anfallende Aufgaben zu erledigen. Anwesenheitspflicht ließe sich, um tatsächlich als Option zu gelten und so dem Freiheitsgedanken treu zu bleiben, besser als Belohnungs- denn als Sanktionsstrategie umsetzen; bspw. könnten am Anfang jeder Vorlesungseinheit Teilklausuren angeboten werden, die, wenn man daran teilnimmt, am Ende des Semesters auf die Semesterabschlussklausur angerechnet werden.
  2. Auf dieses Argument gibt es eine empirische Antwort — in Form einer Metaanalyse von Schulmeister (2015), der zufolge die Anwesenheit in Lehrveranstaltungen regelmäßig nicht, teilweise aber sogar positiv, mit der Arbeitszeit korreliert. Dieser Punkt der Gesetzesbegründung ist daher plausibel, aber nicht real — die Evidenz spricht dagegen und muss berücksichtigt werden.
  3. Neben dem Konzept der intrinsischen Motivation muss auch das Konzept der Volition beachtet werden. Die Universität hat die Aufgabe, die Studierenden bei der Erreichung ihres Zieles (z. B. des Master-Abschlusses) zu unterstützen — und eine solche Unterstützung kann es sein, durch die Anwesenheitspflicht von Ablenkungen abgeschirmt zu werden. Die Anwesenheit korreliert hoch mit dem Studienerfolg — insbesondere schwache Studierende profitieren davon (Schulmeister, 2015). Wer ohnehin intrinsisch motiviert ist, geht sowieso zur Lehrveranstaltung — wem es an dieser Motivation fehlt, der kann eine Entscheidungshilfe gebrauchen. Allerdings kann sich der Zwang in zweierlei Richtung auswirken — bei den einen kann er dazu führen, dass sie Interesse an dem ursprünglich unbeliebten Stoff entwickeln, mit dem sie sich sonst nicht beschäftigt hätten; bei den anderen kann er aber zu Reaktanz-Effekten führen. Diesen ist zu begegnen, indem durch hochschuldidaktische Mittel eine Uminterpretation des Zwangs angeregt wird.

Soweit die Kurzfassung des Artikels. Der vollständige, sehr lesenswerte Artikel ist hier abrufbar. Er war uns allerdings nicht nur deshalb einen Beitrag wert, weil wir es für interessant halten, über diese neue hochschulrechtliche Entwicklung zu informieren — sondern auch, weil wir denken, dass die Diskussion eine Ergänzung um die studentische Perspektive vertragen kann. Darum zum Abschluss noch ein bisschen subjektive Meinungsäußerung:

Zu 1.: Ja, theoretisch ist Wittes Kritik zuzustimmen — es gibt durchaus gute, nachvollziehbare Gründe, sich freiwillig für eine Veranstaltung mit Anwesenheitspflicht einzuschreiben, und wenn diese nicht mehr erlaubt ist, wird den Studierenden eine Entscheidungsmöglichkeit genommen. Betonung auf „theoretisch“ — denn: Meistens ist es nicht so, dass man die Wahl zwischen einer Veranstaltung mit und einer ohne Anwesenheitspflicht hat. Mein Masterstudiengang ist bereits weitestgehend anwesenheitspflichtfrei — aus dem Bachelor kenne ich noch das Modell „Vorlesungen freiwillig, Seminare ausnahmslos mit Anwesenheitspflicht“ (wobei galt: 3 Fehltermine und du bist raus). Da das für alle Seminare galt und jedes Modul aus einer Vorlesung und einem Seminar bestand, gab es kein Auswählen zwischen Anwesenheitspflicht und Freiwilligkeit. Nehmen wir an, es gäbe diese Auswahlmöglichkeit: die Anwesenheitspflicht müsste trotzdem noch besser umgesetzt werden. Witte macht dazu gute Vorschläge — kumulative Leistungen, die am Ende auf die Gesamtnote angerechnet werden, wären eine deutlich sinnvollere Art, die Studierenden bei der Stange zu halten, als Unterschriftenlisten. Diese vermitteln, jedenfalls meiner Erfahrung nach, eher das Gefühl des „Absitzen-müssens“, als dass sie verteiltes Lernen unterstützen.

Gelangweilte Studenten - Anwesenheitspflicht
Anwesenheitspflicht: Viele Studierende hatten bereits eine Lehrveranstaltung, die nicht übermäßig spannend war, aber abgesessen werden musste.

Zu 3.: Was den motivationspsychologischen Aspekt betrifft — einerseits hat Witte Recht damit, dass man die objektive Wichtigkeit von Inhalten im Studium nicht von der Beliebtheit bei den Studierenden abhängig machen kann (so manches ist anstrengend/langweilig, aber einfach wichtig — da sein zu müssen hilft schon dabei, da durchzukommen) — und sicher auch damit, dass man auf diese Weise so manches Interessante entdeckt, auf das man sich ohne Zwang anfangs nicht eingelassen hätte (jedenfalls für mich kein unbekanntes Phänomen). Andererseits ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass Lehrveranstaltungen sich in ihrer Qualität stark unterscheiden, und wenngleich „Ist die Veranstaltung gut, kommen die Studierenden auch“ nicht zwangsläufig stimmt, so stimmt jedenfalls die Aussage: „Ist die Veranstaltung wirklich schlecht, kommen die meisten Studierenden nicht“. Wenn in einer Veranstaltung nach den ersten 2-3 Terminen nur noch eine handvoll Leute erscheinen, ist das für die Lehrperson ein deutliches Signal, dass etwas ganz falsch läuft — ein Signal, das ihr vorenthalten wird, wenn die Studierenden zur Anwesenheit gezwungen werden. Gleichzeitig ist es aus Studierendensicht einfach ärgerlich, wenn eine Veranstaltung wirklich schlecht ist und man sich gezwungen sieht, diese abzusitzen, obwohl man viel anderes zu tun hätte und die Zeit effektiver nutzen könnte. In einer perfekten Welt wäre dieses Dilemma durch Anwesenheitspflicht bei gleichzeitig stark verbesserter Feedback-Praxis und regelmäßiger Kommunikation zwischen Studierenden und Dozierenden aufzulösen; tatsächlich sind die Semester aber zu kurz bzw. das Feedback kommt zu spät, um im Verlauf der Veranstaltung noch etwas zu ändern — meistens zu Semesterende, damit die Veranstaltung für die Besucher im nächsten Semester verbessert werden kann. Wenn die Veranstaltung unzufriedenstellend ist, ist man auf die Kommunikationsbereitschaft und den Ehrgeiz der Dozierenden angewiesen, sich stetig zu verbessern. Im Zweifel hätten die meisten Studierenden daher wohl lieber die Option, einfach nicht hinzugehen — und dafür die Konsequenzen, die eine solche Wahlfreiheit beinhaltet, in Kauf zu nehmen.

Das ist natürlich nur eine Meinung — hier sind alle Studierenden gefragt; was haltet ihr von der Diskussion um die Anwesenheitspflicht?

Quellen:

Witte, E. H. (2016). Hochschulpolitik und Hochschuldidaktik: Eine ethische und motivationspsychologische Betrachtung. Wissenswert (01), 7-11, abgerufen unter http://www.wissenswert-journal.de/wissenswert_2016_01.pdf am 20.09.2016.

Schulmeister, R. (2015). Abwesenheit von Lehrveranstaltungen. Ein nur scheinbar triviales Problem. Onlinepublikation, abgerufen unter https://www.campus-innovation.de/fileadmin/dokumente/Schulmeister_Anwesenheit__Abwesenheit__2_.pdf am 20.09.2016.