Buchrezension “An Introduction to the Event-Related Potential Technique” von S. J. Luck

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Praktikum

Wer sich mit EEG beschäftigt, kommt um ihn nicht herum: Steven J. Luck, Koriphäe — wenn nicht Legende — auf dem Gebiet der EEG-Forschung und der Event-Related-Potential-Methoden. Luck kann auf mehr als 50 Jahre an Erfahrung mit ERPs zurückgreifen, die ihm in seiner Graduate-Ausbildung im Labor von Steven Hillyard (University of California, San Diego) vermittelt wurden — jenem Labor, in dem in den 1930ern das erste ERP-Experiment stattfand; er ist also gewissermaßen von Anfang an dabei. An Introduction to the Event-Related Potential Technique ist sein kompaktes Einführungswerk für neu angekommene Forscher auf diesem Gebiet und solche, die es noch werden wollen.

Inhalt und Aufbau

Die 340 Seiten Reintext (d. h. ohne Anhang etc.) des Buches teilen sich auf zwei Hälften auf; der erste Teil (Kapitel 1 — 5) bietet eine Theoriegrundlage, erklärt Hintergründe, das Was, Wie und Warum der ERP-Forschung, klärt darüber auf, wann diese Methode besonders gut geeignet ist und wann eher weniger, und weist auf potenzielle Probleme hin, die damit verbunden sind. Es ist dieser Teil, der das grundlegende Verständnis vermittelt. Der zweite Teil (Kapitel 6 — 10) ist auf die praktische Umsetzung ausgelegt und besteht aus detaillierten Anleitungen — von “wie erhebe ich EEG-Daten?” über “was mache ich mit diesen Daten (i. e. wie werden sie verarbeitet, was ist möglich)?” bis zu “wie analysiere ich meine Daten und was bedeutet das jetzt?”. Auf seiner Website stellt Luck kostenlos Zusatzmaterialien sowie ganze weitere Kapitel zur Verfügung, in denen z. B. erklärt wird, wie man sein ERP-Labor richtig ausstattet, wie man bei der Quellenlokalisation vorgeht oder wie man ein ERP-Paper richtig liest/schreibt/reviewt.

Nicht nur der Aufbau, sondern auch der Inhalt überzeugt; an den richtigen Stellen wird die richtige Menge an Details verwendet, als Leser hat man das Gefühl, das zu erfahren was man wissen muss, und man entwickelt schnell Vertrauen in die Kompetenz des Autors — nicht zuletzt, weil er es deutlich macht, wenn er von eigenen Präferenzen und Meinungen spricht. So stellt er beispielsweise zahlreiche Datenvorverarbeitungsschritte vor, ist aber selbst der Ansicht, dass damit recht sparsam umgegangen werden sollte:

“I believe the truth is usually clearest when the data speak for themselves and the experimenter has not tortured the data into confessing whatever he or she wants to hear.” (p. 2)

Luck’s Ziel ist es, dem Leser ein fundiertes und tiefgründiges Verständnis der einzelnen Arbeitsschritte und der verschiedenen Möglichkeiten mitzugeben — wer dieses Buch gelesen hat, soll zuversichtlich und kompetent an eine eigene ERP-Studie herangehen können, soll nicht blind in den Programmen herumklicken, sondern genau wissen, was er tut, und somit entscheiden können, was das Beste für seine Studie ist. Passend zu diesem Fokus auf Praxisorientierung ist das Buch ausdrücklich darauf ausgelegt, zwischen den Kapiteln hin- und herspringen zu können; hat man beispielsweise schon artefaktbereinigte Daten vorliegen und steht nun ratlos vor den diversen möglichen Filtern, kann man direkt zum entsprechenden Kapitel springen, ohne dass einem daraus ein Nachteil entsteht, dass man das Buch nicht in Reihenfolge gelesen hat.

Zusätzlich zu den bereits erwähnten Online-Materialien sind am Ende des Buches noch ein Stichwortverzeichnis sowie eine Liste vertiefender Anmerkungen pro Kapitel zu finden. Hilfreich ist insbesondere auch der Glossar, in dem man Definitionen der wichtigsten Begriffe bei Bedarf schnell nachlesen kann. Schließlich findet sich im Anhang noch ein kurzer Überblick über lineare vs. non-lineare Rechenoperationen und die Reihenfolge der Verarbeitungsschritte.

Sprache und Stil

Was — nun, da das erste Zitat schon gefallen ist — noch besonders hervorzuheben ist, ist Luck’s charmanter Schreibstil. Trotz der Tatsache, dass es sich um ein Lehrbuch zu einem recht technischen Thema handelt, ist es von trocken und öde weit entfernt — im Gegenteil liest sich das Buch schnell und angenehm, der Ton ist “conversational”, entspannt und bisweilen lässt sich ein Kichern oder auch Passage-Abfotografieren-und-an-Freunde-Schicken nicht vermeiden. Dazu sei beispielhaft ein Abschnitt zitiert, in dem Luck erklärt, warum Datenvorverarbeitungsprozeduren sparsam einzusetzen seien — wie Medikamente hätten diese bisweilen unangenehme Nebenwirkungen:

“As any physician can tell you, treatments always have side effects. For example, ibuprofen is a common and useful treatment for headaches and muscle soreness, but it can have negative side effects. According to Wikipedia, common adverse effects of ibuprofen include […]. ERP processing treatments such as filters can also have adverse side effects. According to Luckipedia [eine Website, die definitiv existieren sollte, es aber leider nicht tut], common adverse effects of filters include distortion of onset times, distortion of offset times, unexplained peaks, and slight dumbness of conclusions. Less frequent adverse effects of filters include artificial oscillations, wildly incorrect conclusions, public humiliation by reviewers, and grant failure.” (p. 3)

Auch, dass der Text immer wieder mit persönlichen Anekdoten aus der langen Ausbildung und Karriere des Autors gespickt ist, macht das Lesen erfreulich.

Fazit

Der Gesamteindruck fällt rundum positiv aus — das Buch ist angenehm zu lesen, setzt sich vernünftige Ziele und erfüllt diese. Wer ambitioniert ist, in die ERP-Forschung einzusteigen, findet in An Introduction to the Event-Related Potential Technique einen treuen Begleiter und Berater, der für knappe 40€ sein Geld durchaus wert ist.