Buchrezension “DBT zur Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung” von C. Stiglmayr und H. Gunia

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DBT Manual
Praktikum

Das dieses Jahr neu erschienene Manual beschreibt die ambulante Durchführung einer DBT für Borderline-Störungen. Vor allem gibt es Tipps zur praktischen Durchführung, aber es wird auch kurz ein Überblick zum Störungsmodell, zur Finanzierbarkeit in der deutschen Regelversorgung, zur Wirksamkeit und zu begleitender Pharmakotherapie gegeben.

Inhalt und Aufbau

Das Manual besteht aus zwei Teilen mit insgesamt sechs Kapiteln plus Anhang und einer CD-ROM mit allen möglichen Arbeitsmaterialien.

Im Grundlagenteil geben zwei kurze Kapitel einen Überblick über das Störungsbild Borderline sowie zur Ätiologie. Hier wird sich kurz gehalten, man merkt, dass die Autoren davon ausgehen, dass LeserInnen eh schon ungefähr wissen, worum es geht. Trotzdem werden die Diagnosekriterien nach DSM und ICD in übersichtlichen Tabellen aufgeführt, ergänzt mit empirischen Studien zu Epidemiologie, direkten und indirekten Krankheitskosten, Verlauf und Prognose.

Das Ätiologiekapitel wartet mit einer sehr schönen Grafik zur biosozialen Theorie und beispielhaften Spannungskurven (aversive emotionale Erregung zu verschiedenen Tageszeiten) von Borderline-PatientInnen im Vergleich zu KontrollprobandInnen auf. Für PraktikerInnen nichts Neues dabei, aber gut und überzeugend zusammengefasst; die Grafiken eignen sich zudem super zur Psychoedukation.

Der Therapieteil beginnt mit Kapitel 3, in dem die DBT als Therapiekonzept vorgestellt wird. Unterkapitel widmen sich der Grundhaltung (Menschenbild, therapeutische Grundannahmen), der Therapiestruktur (Phasen der Therapie mit Themen), Therpaieelementen (Einzeltherapie, Skills-Gruppe, Telefon-Coaching, Konsultations-Team, Supervision), den notwendigen ambulanten Strukturen, therapeutischen Strategien, Beziehungsgestaltung, Skills-Training und Adhärenz in der DBT. In einem Exkurs wird zusätzlich noch kurz auf eine Abwandlung der DBT eingegangen: DBT-PTSD, das DBT für Traumafolgestörungen.

In diesem Kapitel ist besonders die detailreiche Schiffmetapher für die DBT-Grundhaltung lobend hervorzuheben: Hier wird erklärt, warum DBT-TherapeutInnen für ihre PatientInnen keine RetterInnen, sondern lieber SchwimmlehrerInnen sein sollten, und warum das manchmal sehr viel Kraft kostet und Disziplin erfordert. Sehr schön ist auch der Abschnitt über die Strategien in der die einzelnen, z. B. Validierung, Problemlösung oder Provokation, gut benannt und umschrieben werden. Bereits an dieser Stelle wird deutlich, das DBT-TherapeutInnen ein breites Repertoire besitzen sollten, es wird aber auch genau erklärt, was man in seinem Werkzeugkoffer haben sollte. Auch klar wird, dass DBT keinen Kuschelkurs fährt: Kontingenzmanagement, Exposition und Provokation sind wichtige Elemente.

Wie das genau gehen soll, wird in Kapitel 4 erklärt, das mehr als die Hälfte des Manuals einnimmt. Spätestens jetzt werden PraktikerInnen begeistert sein: Hier werden fast ausschließlich Fallbeispiele aneinandergereiht, mit langen Dialogen zwischen TherapeutIn und PatientIn, bei denen hinter jedem TherapeutInnensatz die jeweilige angewandte DBT-Strategie benannt wird, und ausgefüllten Arbeitsblättern aus der Therapie, z. B. Verhaltensanalyse und Diary Card. Auch großartig: Es gibt “Dos und Don’ts”-Kästchen zu einzelnen Therapieabschnitten, die gerade DBT-EinsteigerInnen gute Orientierung bieten. Selbstverständlich wird auch auf typische Schwierigkeiten eingegangen und es finden sich einige Ideen für praktische Übungen.

Kapitel 5 zur Wirksamkeit und 6 zu begleitender Pharmakotherapie sind dann wieder sehr kurz. Auch hier gibt es nicht viel Neues, aber immerhin jede Menge Verweise, um selbst auf Studiensuche zu gehen, wenn einem danach ist.

Sprache

Die Sprache ist flüssig, angenehm, die wenigen Fachworte werden passend verwendet. Sogar therapeutische Grundbegriffe wie z. B. die Verhaltensanalyse werden so von Grund auf erklärt, dass man eigentlich kein therapeutisches Vorwissen braucht, um das Manual verstehen zu können. Zumindest theoretisch, für die praktische Umsetzung ist Praxiserfahrung sicherlich hilfreich, aber am Textverständnis sollte es wirklich nicht scheitern.

Layout

Das Manual ist in Schwarz-Weiß gehalten, das bleibt optisch aber der einzige Abzug in der B-Note. Das Layout ist übersichtlich, die Gliederung nachvollziehbar, Blocksatz und Einzüge helfen beim intuitiven Erfassen der inhaltlichen Textabschnitte. An den richtigen Stellen wird mit Tabellen und Grafiken gearbeitet, hin und wieder lockern sogar kleine Illustrationen den Text auf. Inhaltsverzeichnis und Kapitelüberschriften auf jeder Seite sorgen für Orientierung. Absoluter Pluspunkt: eine CD-ROM mit Therapiematerialien.

Fazit

Hier liegt erstmals auf Deutsch ein richtig gutes Manual für die ambulante DBT vor! Alle, die sich dafür interessieren, sollten ohne Bedenken zugreifen. Die Autoren haben spürbar Praxiserfahrungen, greifen typische Therapiesituationen auf und erläutern gut die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zur stationären DBT. Man braucht wenig Vorwissen, um einen guten Überblick zu bekommen, gleichwohl kann man als PraktikerIn bei Schwierigkeiten auch jederzeit nachschlagen.

Für mich ist ein Manual keine wortgenaue Anleitung, aber ein gutes Kochrezept, auf dessen Grundlage ich mir meine ganz eigene Suppe zusammenbrauen kann. Ich führe derzeit selbst DBT im teilstationären Setting durch und befinde mich auch in der Weiterbildung zur DBT-Therapeutin. Daher habe ich mich besonders über die Dialoge zwischen PatientInnen und TherapeutInnen gefreut, bei denen die einzelnen DBT-Strategien benannt werden, so dass ich reflektieren konnte, welche davon ich bereits selbst gut anwende und welche ich noch weiter üben muss. Auch die Dos und Don’ts für die jeweiligen Therapieanschnitte fand ich extrem hilfreich.

Ich weiß, dass ich irgendwann auch ambulant DBT anwenden werde und vermisse schon jetzt mein Team, auf dessen Kompetenzen ich im Augenblich zurückgreifen kann. Dieses Manual vermittelt mir jedoch schon im Voraus ein sehr willkommenes Gefühl der Sicherheit. Klare Kaufempfehlung!

ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
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Miriam Lorenzen
2011 Diplom in Psychologie an der Uni Bielefeld; 2014 Approbation als Psychologische Psychotherapeutin am ZAP Bad Salzuflen, Fachkunden VT & TP; zur Zeit tätig in der CIP-Tagesklinik in München