Buchrezension „Dorsch – Lexikon der Psychologie“ von Markus Antonius Wirtz (Hrsg.)

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Dorsch - Lexikon der Psychologie Book Cover Dorsch - Lexikon der Psychologie
Markus Antonius Wirtz
Psychologie allgemein
Huber
9. September 2014
Gebunden
2060

Praktikum

Brauchen wir in der heutigen Zeit noch Nachschlagewerke im Buchformat? Oder sind diese im Zeitalter kostenloser Online-Enzyklopädien, elektronischer Wörterbücher und Wikis zu jedem noch so abseitigen Thema nicht mehr zeitgemäß? Die Vorteile der digitalen Alternativen liegen auf der Hand: Sie sind mit einem Klick abrufbar, können jederzeit aktualisiert werden und werden nach dem Prinzip der Schwarmintelligenz erstellt. Der klassische Brockhaus in 24 Bänden mit Ledereinband und Goldschnitt dürfte jedenfalls nur noch bei wenigen Vertretern der jüngeren Generation im Regal stehen. Doch es gibt Argumente, die für das Printformat sprechen: So sind professionell geschriebene und von Experten verfasste Artikel in frei verfügbaren Onlinelexika eher eine Ausnahme und auch wenn die inhaltliche Qualität von Wikipedia und Co. sich im Laufe der Jahre stetig verbessert hat, finden sich auch in fachbezogenen Einträgen bis heute immer wieder Fehler, mangelhafte Darstellungen und umständliche Erläuterungen. Für die gewissenhafte wissenschaftliche Recherche sind also im Zweifel offiziell verlegte Fachlexika vorzuziehen.

Im Bereich der Psychologie gilt „der Dorsch“ seit vielen Jahrzehnten als das Nachschlagewerk schlechthin, Generationen von Psychologiestudierenden und berufstätigen Psychologen nutzten und nutzen das Buch, um sich über Fachbegriffe zu informieren und Definitionen für ihre wissenschaftlichen Arbeiten zu verwenden. Bereits 1921 erschien im Leipziger Verlag Teubner der vom Berliner Psychologen Fritz Giese editierte Vorläufer des Lexikons, ab der 1951 veröffentlichten 4. Auflage übernahm Friedrich Dorsch diese Aufgabe, der dem Buch seinen bis heute beibehaltenen Namen verlieh.

Das mittlerweile in der 17. Auflage erhältliche Standardwerk durchlief in seiner fast hundertjährigen Geschichte naheliegenderweise unzählige Umgestaltungen, Erweiterungen und Aktualisierungen. Heute präsentiert es sich als zeitgemäße und informative Enzyklopädie für Fachbegriffe der Psychologie und angrenzender Disziplinen, die sich von vergleichbaren Publikationen durch seine in der Tiefe wie in der Breite fundierte Ausarbeitung abhebt. Das in Text und Bild ausschließlich in den Farben Schwarz, Weiß und Rot gehaltene Layout vermittelt nüchterne Professionalität und Konzentration aufs Wesentliche. Dabei sind die Überschriften der etwa 12.500 Stichwortartikel jeweils in fettgedruckter roter Schrift dargestellt, der Beschreibungstext in normalgedruckter schwarzer Schrift und Verweise zu weiterführenden Einträgen in roter Kursivschrift. Hinter jedem Sachstichwort ist außerdem in eckigen Klammern und Kursivschrift die englischsprachige Bezeichnung des Begriffs angegeben.

Im formalen Aufbau folgt das Lexikon einer Einteilung in 20 zentrale Teildisziplinen der Psychologie, welche sich wie folgt zusammensetzt:

  • Arbeits- und Organisationspsychologie
  • Biologische Psychologie und Neuropsychologie
  • Emotionspsychologie und Motivationspsychologie
  • Entwicklungspsychologie
  • Forschungsmethoden, Statistik, Evaluation
  • Gesundheitspsychologie und Medizinische Psychologie
  • Geschichte der Psychologie
  • Klinische Psychologie und Psychotherapie
  • Kognitive Psychologie
  • Medienpsychologie
  • Pädagogische Psychologie
  • Persönlichkeitspsychologie und Differenzielle Psychologie
  • Philosophie und Wissenschaftstheorie
  • Psychologische Diagnostik
  • Psychopharmakologie
  • Rechtspsychologie und Forensische Psychologie
  • Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie
  • Sprachpsychologie
  • Wahrnehmungspsychologie
  • Wirtschaftspsychologie

Jeder dieser Subdisziplinen ist ein sogenannter Gebietsexperte als verantwortlicher Koordinator — durchweg namhafte Vertreter ihres jeweiligen Fachgebiets — sowie diverse Gebietsautoren zugeteilt. Der Einleitungsteil des Buches widmet jedem Teilgebiet ein eigenes ausführliches Überblickskapitel, in welchem die einschlägigen methodischen Herangehensweisen, die theoretischen Hintergründe und Anwendungsmöglichkeiten sowie zentrale Grundbegriffe der Fachrichtung vorgestellt werden. Im lexikalischen Teil sind einem Großteil der ingesamt etwa 12.500 Stichworteinträge jeweils eine oder mehrere der Teildisziplinen mit ihrem entsprechenden Kürzel zugeordnet. So ist beispielsweise der Eintrag zur „Kausalattribution“ mit den Kürzeln EM, KOG, PÄD und SOZ versehen, die den Begriff als Bestandteil der Emotionspsychologie, der Kognitionspsychologie, der pädagogischen Psychologie sowie der Sozialpsychologie kategorisieren.

Lobend zu erwähnen sind die ausführlichen und nützlichen Artikel zu vielen bekannten und unbekannteren diagnostischen Testverfahren, von häufig eingesetzten Instrumenten wie dem IST-2000-R oder dem NEO-PI-R bis hin zu weniger verbreiteten Verfahren wie etwa dem Elternfragebogen für die Früherkennung von Risikokindern. Wobei nicht verschwiegen werden sollte, dass diese Tests nahezu ausschließlich in der gleichen Verlagsgruppe wie das vorliegende Buch erschienen sind, also im Huber-Verlag oder im Hogrefe-Verlag. Hilfreich sind auch die Tabellen zur Klassifikation psychischer Störungsbilder nach den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV.

Andere Aspekte des Fachs sind hingegen offensichtlich unterrepräsentiert. So widmet sich „der Dorsch“ den anatomischen Strukturen und physiologischen Prozessen der menschlichen Nervensysteme nur in oberflächlichem Maße. Die Einträge zu zentralnervösen Strukturen wie der Amygdala oder dem Hypothalamus, die für das menschliche Erleben und Verhalten von zentraler Bedeutung sind, verweisen lediglich ohne nähere Informationen auf den Gesamtartikel „Gehirn“ und tauchen auch dort nur als Randnotiz auf. Auch die Einträge beispielsweise zum präfrontalen Kortex oder zur visuellen Wahrnehmung fallen angesichts der elementaren Bedeutung in der modernen psychologischen Forschung nicht ausführlich genug aus. Gerade in Zeiten, in denen die Vernetzung zwischen Psychologie, Physiologie und kognitiven Neurowissenschaften einen immer größeren Stellenwert einnimmt, sollten diese Inhalte auch in einem Vollständigkeit beanspruchenden psychologischen Nachschlagewerk stärker zur Geltung kommen.

Auch als Personenlexikon ist das Werk leider nicht geeignet. Wer sich über die Biographien und Laufbahnen herausragender Fachvertreter informieren möchte, ist sicherlich bei speziell auf Personen ausgerichteten Verzeichnissen besser aufgehoben. Gerade einmal 47 der von der American Psychological Association (APA) im Jahr 2002 gewählten 100 bedeutendsten Psychologen des 20. Jahrhunderts sind mit einem eigenen Eintrag vertreten, zentrale Figuren der Psychologiehistorie wie Albert Bandura, Erik H. Erikson oder Stanley Milgram fehlen hingegen komplett. Die Auswahl der portraitierten Personen erscheint dadurch erratisch und unnachvollziehbar. Bemängelt werden muss auch der zu geringe Einsatz von Grafiken und Tabellen. Viele Konzepte und Begriffe der Psychologie lassen sich am besten mit Modelldarstellungen, Pfeildiagrammen, anatomischen Skizzen etc. verständlich machen. Ein höherer Anteil an Bildelementen wäre deshalb im Hinblick auf die Anschaulichkeit wünschenswert gewesen.

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Trotz der angesprochenen Kritikpunkte lässt sich „der Dorsch“ unterm Strich als professionell aufgemachtes und qualitativ hochwertiges Nachschlagewerk beurteilen. Derzeit gibt es auf dem deutschsprachigen Buchmarkt kein derart umfangreiches und detailliertes Lexikon für psychologische Fachbegriffe. Auch wenn bezüglich einiger Aspekte noch Verbesserungsbedarf besteht, kann das Buch Studierenden der Psychologie und berufstätigen Psychologen durchaus hohen Nutzen bieten.