Buchrezension „Personality Psychology“ von Nicholas und Kollegen

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Personality Psychology (Ausschnitt)
Personality Psychology Book Cover Personality Psychology
Lionel J. Nicholas et al.
Persönlichkeitspsychologie
Oxford University Press, Südafrika
2016
374
https://global.oup.com/academic/product/personality-psychology-9780199046621

Inhalt

Praktikum

Der Aufbau von “Personality Psychology” ist klar und übersichtlich: Das Lehrbuch besteht aus drei Teilen mit jeweils drei bis acht Kapiteln.

Der erste Teil, “The context of personality psychology”, gibt eine Einführung in das Thema. Es werden die Ziele und die Schwierigkeiten erläutert, dann folgt ein geschichtlicher Überblick, der aber entgegen der damit gewöhnlich assoziierten Erwartungen nicht langweilig gerät. Im Gegenteil: Als Psychologie-StudentIn erwartet man an dieser Stelle die üblichen Verdächtigen aus den USA, vielleicht ergänzt durch den einen oder anderen österreichischen Psychoanalytiker. Weit gefehlt - der geschichtliche Überblick startet in Südafrika und schildert die ethnischen Konflikte in diesem Land als historischen Kontext der modernen Persönlichkeitspsychologie. (Mag daran liegen, dass das Buch in Südafrika verlegt wurde.) Der erste Teil wird abgerundet mit einer Beschreibung angewandter Untersuchungsmethoden und deren jeweiligen Problematiken.

Der zweite Teil, “Theories of personality psychology”, liefert schon mehr das, was man beim Aufschlagen des Buches erwartet hätte: einen Überblick über die verschiedenen Ansätze der Persönlichkeitspsychologie, gegliedert nach den bekannten Paradigmen. Beschrieben werden psychoanalytische, neo-psychoanalytische, lerntheoretische, kognitiv-behaviorale und humanistische Ansätze, ergänzt durch Trait-basierte, evolutionär-psychologische und biologische Perspektiven.

Der dritte und letzte Teil schließlich, “The practice of personality psychology”, berichtet von interessanten Anwendungsgebieten der Persönlichkeitspsychologie. Ein Kapitel widmet sich den neuropsychologischen Korrelaten von psychischen Phänomenen, besonders natürlich psychischen Störungen, z. B. PTBS, Borderline-Störung, Schizophrenie, Depression und Zwangsstörungen. In einem zweiten Kapitel geht es um Persönlichkeitstests in der Praxis und den Herausforderungen, den sich ein Praktiker dabei stellen muss, z. B. der kulturellen Anpassung einzelner Items. Im dritten Kapitel dieses Teils werden die Zusammenhänge zwischen den im zweiten Teil vorgestellten Ansätzen und den daraus abgeleiteten Therapieschulen aufgezeigt, wie also das jeweilige Menschenbild das therapeutische Setting und die präferierten Interventionen beeinflussen.

Erscheinungsbild

Es muss mal ehrlich gesagt werden: Optisch ansprechend ist “Personality Psychology” leider nicht. Moderne, aus Industrienationen stammende StudentInnen leiden ja tendenziell doch eher unter Reizüberflutung und erwarten folglich auch beim Aufschlagen eines Lehrbuchs bunte Bildchen und an allen Ecken und Enden veranschaulichende Grafiken. Darum könnte das hier gebotene Erscheinungsbild erst einmal abschrecken, denn bis auf den bunten Umschlag ist das gesamte Buch in schwarz-weiß und Grautönen gehalten, Illustrationen gibt es zwar, sie sind aber eher sparsam gesät, und auf den ersten Blick bieten Tabellen und Blockzitate die einzige Auflockerung im Text. (Vermutlich ist man in Südafrika weniger Reizüberflutung gewöhnt ...) Immerhin, auf Seite 10 findet sich ein Cartoon von den “Savage Chickens”.

Wer seinen ersten Schrecken angesichts der Aufmachung überwindet und weiterliest, findet sich jedoch schnell zurecht. Die Kapitel und Unterabschnitte sind weder zu lang noch zu kurz, die Überschriften gut gewählt und die Formatierung gewährt eine schnelle visuelle Orientierung. Sehr gelungen: Am Anfang jedes Kapitels steht eine “Learning Objectives”-Box, in der geneigte LeserInnen darüber aufgeklärt werden, was sie aus dem Folgenden mitzunehmen haben, und am Ende jedes Kapitels stehen “Review Questions”, anhand der sich JedeR selbst überzeugen kann, ob der Wissenserwerb geglückt ist.

Ebenfalls am Kapitelende stehen nicht nur die üblichen Literaturverweise, sondern auch Leseempfehlungen und im Internet abrufbare Video-Links, die thematisch zum Kapitelinhalt passen. An dieser Stelle sei auch auf die “Learning Zone” verwiesen, eine Internet-Plattform, auf der man nach kostenloser Registrierung auf weitere Lernmaterialien zugreifen kann. Alles in allem ein gelungenes Crossmedia-Angebot.

Fazit

Puh, schwierig. Die südafrikanische Perspektive ist auf jeden Fall originell, das gibt aus meiner Sicht einen Pluspunkt. Ob man damit in deutschen Vorlesungen viel anfangen kann, sei dahin gestellt, aber die zwei betreffenden Kapitel im ersten Teil lassen sich ja durchaus auch überspringen, wenn das Interesse hierfür fehlt - der zweite und dritte Teil dürften global gelten.

Einen Pluspunkt gibt’s von mir auch für den Schreibstil - weder trocken, noch langweilig, voller hilfreicher Querverweise und auch nicht ohne Humor. Für das Lehrbuch eingenommen hat mich bereits der Einleitungstext auf Seite 3, in dem darauf hingewiesen wird, dass die Literatur sich bereits lange in der Analyse von Persönlichkeiten geübt hat, bevor die Psychologie diese Expertise für sich entdeckte. Diese Sichtweise gefällt einer Bibliophilen wie mir natürlich.

Umso mehr habe ich mich über das Zitat von Allport (1960) amüsiert: “Writers like those are giants in observation and literature, whereas in psychology the field of personality is worked by lesser men, mere flies, who have the safe anchorage of a frame of science in which to place their petty platitudes and minor heresis.” Einen weiteren Pluspunkt also für die Selbstironie und -kritik, mit der die AutorInnen ihrem Buch über Persönlichkeitspsychologie ausgerechnet einen so vernichtenden Verriss vorweg gestellt haben.

Schön ist auch, dass nicht (wie sonst vielfach üblich) nur die historischen psychoanalytischen und behavioralen Ansätze gegeneinander in den Ring gestellt werden, sondern viele neuere und z. B. auch die humanistischen. Vielleicht lädt der Blick aus dem weit entfernten Südafrika ein, über den Tellerrand des eigenen Paradigmas hinweg zu schauen. Überhaupt sind viele Quellen sehr neu; zwar wird natürlich auch über den unvermeidlichen Phineas Cage gesprochen, aber eben auch über neuropsychologische Studien der letzten zehn Jahre. Also ein Pluspunkt für Aktualität und Vollständigkeit.

Was trotzdem bleibt, ist der fette Minuspunkt des Erscheinungsbildes. Deswegen nur vier von fünf Sternen. Dennoch eine klare Kaufempfehlung für alle, die sich einen Überblick über das Gebiet der Persönlichkeitspsychologie verschaffen möchten!