Buchrezension „The Abraham Dilemma“ von G. Graham

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Praktikum

Wenn wir uns mit Wahn beschäftigen, tun wir das meist oberflächlich und im Rahmen anderer Störungen — Wahnsymptome als Folge von Substanzintoxikation, Wahn im Rahmen einer Schizophrenie-Diagnose etc. Tatsächlich ist „Wahn“ aber ein Oberbegriff für eine bunte Palette verschiedener Wahninhalte — Verfolgungswahn, Größenwahn, Beziehungswahn … und, bei vielen weniger bekannt, der religiöse Wahn.

Letzterer zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er, im Gegensatz zu anderen Inhalten, in der Regel nicht empirisch widerlegbar (höchstens begrenzbar) ist. Eine Frau betet mehrmals täglich und besucht regelmäßig die Kirche, um sich selbst vor Unheil zu bewahren — eine andere zieht sich in ein verlassenes Haus zurück und erleidet dort einen qualvollen Hungertod, weil sie glaubt, Gott wache über sie und würde nicht zulassen, dass ihr etwas passiert, selbst wenn ihr die Nahrungsmittel ausgehen. Als religiös würden wir zweifellos beide Patientinnen, die beispielhaft im Buch beschrieben werden, bezeichnen, doch wo endet das Religiöse und beginnt das Krankhafte? Es herrscht Uneinigkeit darüber, wo die Grenze zwischen bloßer Religiosität und Religiösem Wahn zu ziehen und wie mit den Patienten am besten umzugehen ist. Genau diese Fragen versucht The Abraham Dilemma auf kurzweilige Weise zu beantworten.

The Abraham Dilemma befasst sich aus interdisziplinärer Sicht mit dem Themenbereich der religiösen Wahnsymptomatik, ohne dabei psychiatrische Vorkenntnisse vorauszusetzen. Es ist damit einer breiten Leserschaft zugänglich und nicht nur für PsychologInnen sondern auch interessierte Laien geeignet. Mit insgesamt 157 Textseiten, unterteilt in sieben kurze Kapitel, handelt es sich um ein kompaktes und aufgrund seines angenehmen Schreibstils gut lesbares Buch — anders als Lehrbücher, die viel Konzentration erfordern, kann The Abraham Dilemma gut abends vorm Einschlafen gelesen werden.

Die Besonderheit liegt darin, dass der Autor gar nicht aus der Psychologie kommt; George Graham ist der erste Philosoph, der sich daran wagt, ein Buch über dieses eigentlich psychologische Thema zu verfassen. Zum Einstieg betont er, dass es Aufgabe der Psychiatrie sei, die Grenze zwischen Religiosität und Wahn zu ziehen — und zwar, ohne Religiosität aller Art pauschal als psychische Störung zu bezeichnen, wie viele einschlägige Theoretiker es tun (wobei er hier mit Freud und psychiatrischen Leitlinien aus den 1960ern nicht gerade die aktuellste Literatur zitiert). Eine Theorie zu entwickeln, die diese Grenzziehung sinnvollerweise ermöglicht, hält der Autor nur für möglich, wenn diese „God-neutral“ sei — d. h. er warnt bewusst davor, innerhalb einer solchen Theorie Stellung zu theologischen Fragen und insbesondere der Existenz eines Gottes zu beziehen.

Es sind besonders diese Unvoreingenommenheit sowie die starke Interdisziplinarität des Ansatzes hinter The Abraham Dilemma, die Graham eine tiefgründige Analyse von Religiosität, Spiritualität und deren Grenzen zum Wahnhaften ermöglichen. Das Dilemma, das im Titel erwähnt wird, sei ein klinisch-diagnostisches — nämlich: Wann ist das Vertrauen eines Patienten in seine religiösen Erfahrungen nicht gerechtfertigt, sogar schädlich?

Der Titel des Buches rührt übrigens daher, dass auch die biblische Figur Abraham — zentral als Stammvater der drei großen monotheistischen Religionen und bekannt dafür, im Alten Testament Gott beinahe seinen Sohn geopfert zu haben — gelegentlich als Fallbeispiel herhalten muss; mit den Worten des Autors: „Kant thought Abraham was deluded. Obviously, I tend to agree with Kant.“ (S. 55)