Buchrezension „The Proper Pirate“ von J. A. Singer

0
443
Praktikum

Robert Louis Stevenson war einer der bekanntesten und schillerndsten schottischen Literaten. Heute würde man ihm wohl dem Fantasy-Genre zuordnen, denn in seinen Geschichten haben oft mythische Wesen wie Feen und Hexen ihre Auftritte. In Deutschland sind seine bekanntesten Werke „Die Schatzinsel“ und „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, beide mittlerweile mehrfach verfilmt.

In dem vorliegenden Fachbuch macht Singer sich Gedanken über die Psychodynamik des Schreiberlings. Dabei hält er sich größtenteils an die dem humanistischen Zweig der Psychologie zuzuordnende Theorie der Identitätsentwicklung von Erik H. Erikson, bezieht aber auch andere psychologische Konstrukte mit ein, die er jeweils ganz kurz erläutert.

Das Buch ist in neun Kapitel gegliedert, die sich jeweils einem Lebensabschnitt von Stevenson widmen. Singer zitiert immer wieder aus den Werken des Autors und setzt diese Zitate zu Hintergrundinformationen über Stevensons Epoche, Lebensumstände, familiäre Hintergründe etc. in Bezug, wodurch sich dem Leser nach und nach ein umfassendes Portrait des Mannes erschließt.

Robert Louis Stevenson wurde in eine gutbürgerliche, calvinistisch-gläubige schottische Familie hineingeboren und von klein auf mit den Konzepten von Schuld und Sünde bekannt gemacht. Dies prägte sein Denken wohl sehr, wie Stevenson später selbst rückblickend schriftlich festhielt: In seinen Werken sind gerade die moralisch fragwürdigen Gestalten oft die charismatischsten und der Leser ist gezwungen, sich sowohl mit den Licht- als auch den Schattenseiten der Protagonisten auseinander zu setzen. Schwarz-Weiß gibt es bei Stevenson nicht, aber jede Menge reizvoller Grautöne.

Bis zu seinem frühen Tod mit nur 44 Jahren an Tuberkulose lebte Stevenson das Leben eines Außenseiters und eines Suchenden, viel auf Reisen, immer auf der Suche nach seiner eigenen Schatzinsel und, wie es das vorliegende Fachbuch nahelegt, wohl auch nach der eigenen Identität. Singers Thesen zu seinen Motiven und Gefühlen wirken bodenständig, nachvollziehbar und erfrischend unverschwurbelt. Wenn man wie ich mit einigen seiner Werke aufgewachsen ist und ein Märchen wie „Der Flaschenkobold“ einem noch lange nach dem Lesen im Kopf hängen geblieben ist, weil einen das Ende sowohl überrascht als auch etwas verstört hat, dann bietet einem dieses Buch einen guten Rahmen für eine Reflektion über den Autor dieser Geschichten, aus einer psychologischen, unaufgeregten Perspektive.

Noch ein kritisches Wort zum Schluss: Man hätte das Buch durchaus optisch ansprechender aufbereiten können. Ein paar Abbildungen, ein paar Grafiken, ein paar zusammenfassende Text-Boxen hätten dem Lesefluss sicherlich nicht geschadet. Oder bin ich zu sehr ein Kind meiner Zeit und an bunte Lehrbücher gewöhnt?