Buchrezension „Tierisch kultiviert“ von Ulrich Kühnen

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Tierisch kultiviert
Tierisch kultiviert - Menschliches Verhalten zwischen Kultur und Evolution Book Cover Tierisch kultiviert - Menschliches Verhalten zwischen Kultur und Evolution
Springer Spektrum
Ulrich Kühnen
Sachbuch
Springer
2015
Hardcover
293
http://bit.ly/springer-tierisch-kultiviert

Praktikum

„Wie würden Sie die deutsche Kultur beschreiben? Welche Merkmale kennzeichnen uns als Deutsche?“ – Diese beiden Fragen richtet Kühnen gleich zu Beginn des Buches an seine Leserschaft und findet damit einen Einstieg, der zu einer direkten Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur führt. Aber inwiefern ist unser Verhalten tatsächlich kulturell geprägt? Und wann kommt „der Affe in uns“ zum Vorschein? Welche Aspekte unseres Seins sind evolutionär bedingt?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, leuchtet der Autor die verschiedenen Dimensionen unseres Verhaltens aus und betrachtet sie dabei auf Grundlage sowohl der kulturellen als auch der evolutionären Einflüsse. Während bisherige Literatur zu dieser Thematik in der Regel entweder evolutionspsychologisch oder kulturvergleichend basiert ist, so ist es die Offenheit in beide Richtungen, die „Tierisch kultiviert“ zu einer besonderen Lektüre macht: Kühnen beharrt nicht steif auf einem Paradigma und dessen alleiniger Richtigkeit. Vielmehr legt er in seinem Buch das Zusammenspiel beider Ansätze dar, stellt hierbei jedoch keine Spekulationen an, sondern unterlegt Thesen mit diversen Forschungsergebnissen. Auf diese Weise entsteht ein rundes und ausgesprochen einleuchtendes  Gesamtbild, das keinen Aspekt vernachlässigt und beim Lesen den einen oder anderen „Aha-Moment“ auslöst.

Die ersten Kapitel beschäftigen sich zunächst mit grundlegenden Denk- und Wahrnehmungsprozessen und der Frage danach, wo unsere kulturellen Unterschiede liegen und worin sie begründet sind. Dabei werden die Verschiedenheiten von gegenwarts- vs. zukunftsorientierten Lebensweisen, bzw. kollektivistischen vs. individualistischen Gesellschaften genauer in Augenschein genommen. Sehr häufig bezieht Kühnen sich dabei auf die Unterschiede zwischen westlichen und fernöstlichen Kulturen und betrachtet auch, welche klimatischen und regionalen Gegebenheiten hierauf Einfluss haben, bzw. – evolutionär betrachtet – Einfluss hatten. Anhand zahlreicher Studien und Fallbeispiele wird veranschaulicht, inwiefern diese unterschiedlichen kulturellen Gegebenheiten wiederum auf unser Selbstbild, unsere Wahrnehmung, Wertevorstellungen und schließlich auch auf unser Handeln und die Prozesse der Entscheidungsfindung wirken.

Doch beschränkt der Autor sich nicht nur auf die Betrachtung dessen, was uns unterscheidet; auch, welche Gewinne wir aus einer multikulturellen Gesellschaft und dem Austausch der Kulturen erzielen können, wird deutlich. Ebenfalls wird der Frage nachgegangen, welche Anteile unseres Geistes universell gleich sind und welche kulturell geprägt. Auch dies geschieht unter Bezug auf teils erstaunliche Forschungsergebnisse: Wer hätte beispielsweise erwartet, dass kulturelle Unterschiede selbst auf neuronaler Ebene nachweisbar sind?

Und schließlich wird der Bogen zu den differenzierteren Aspekten unseres Seins gespannt – oder wie Kühnen sie selbst bezeichnet: Die großen Fragen des Lebens. Das Buch widmet sich daher auch der Frage, welche Faktoren bei der Partnerwahl eine Rolle spielen und was Attraktivität ausmacht. Auch hierzu werden verschiedenste, teils sich ergänzende, teils kontroverse Ansätze vorgestellt. Und das ein oder andere Mal mag man verwundert (wenn nicht gar erschrocken) feststellen, dass der Affe in uns trotz aller Kultur noch präsenter sein mag, als einem selbst vielleicht lieb ist.

Im Weiteren geht es schließlich um Freundlichkeit und Altruismus und ob dies tatsächlich Eigenschaften sind, die sich nur beim Menschen finden. Bei der Auseinandersetzung mit dieser Thematik wird auch die hochspannende Frage beantwortet, ob und warum freundliches und uneigennütziges Handeln sich überhaupt durchsetzen konnte. Schließlich könnte man doch vermuten, dass auf Dauer nur der überlebt, der ohne Rücksicht auf andere und zu seinem eignen Vorteil handelt. Auch Mitgefühl und Moral werden in diesem Zusammenhang näher betrachtet und sind wiederum eng verknüpft mit dem letzten Thema, das Kühnen in seinem Buch behandelt: Die Bedeutung von Glaube und Religion und deren adaptiver Nutzen. Zu Recht wird die Frage in den Raum gestellt, weshalb die Evolution fast überall auf der Welt den Glauben an einen Gott hervorgebracht hat, ohne dass es einen objektiven Beleg für eine höhere Macht gibt. Und es werden auch hierzu Argumente aufgeführt, die den Glauben als einen evolutionären Vorteil erklären.

Den Abschluss bildet letztlich ein Nachwort des Autors mit einem Ausblick darauf, welche Herausforderungen uns hinsichtlich des gesellschaftlichen Wandels noch bevorstehen mögen. Und damit schließt das Buch mit der Gewissheit, dass uns in diesem Forschungsfeld sicherlich noch vieles erwarten wird.

Alles in allem ist Kühnen mit „Tierisch kultiviert“ ein Werk geglückt, dass vom interessierten Laien bis hin zur fachkundigen Person jeden anzusprechen vermag. Auch für benachbarte Disziplinen der Sozialwissenschaften dürfte es interessant sein; aber auch geradezu philosophische Themen werden angeschnitten. In seinen Ausführungen gelingt es dem Autor immer wieder, die LeserInnen dazu zu bringen, die eigenen Verhaltensmuster zu hinterfragen und sich damit zu beschäftigen, weshalb wir sind, wie wir sind. Vielleicht ist es gerade dieser Aspekt, der beim Lesen keine Langeweile aufkommen lässt; zu einem Großteil ist dies aber sicherlich auch Kühnens Fähigkeit zu verdanken, Erkenntnisse und Fakten bildhaft und mit einer Prise Humor zu vermitteln. Zahlreiche Beispiele des Alltags tragen dabei ebenso zum Verständnis der Materie bei, wie die Präsentation einer breiten Sammlung teils verblüffender und kurioser, immer aber zum Nachdenken anregender Studien. Und auch wenn die Studien oftmals nur in aller Kürze vorgestellt werden, so wecken sie doch häufig Interesse und Lust, sich weitergehend mit der Thematik zu befassen. Als besonderes Bonbon werden dazu am Ende eines jeden Kapitels Verweise auf die aufgeführten Studien sowie themenspezifische Artikel und Youtube-Videos geliefert. Diesen Quellen im Einzelnen nachzugehen, ist durchaus lohnend und empfehlenswert. Eine Zusammenstellung all dieser Verweise, nach Kapiteln gegliedert, kann im Übrigen auch direkt online unter http://tierisch-kultiviert.de aufgerufen werden.

Man sollte sich jedoch dessen bewusst sein, dass es sich bei „Tierisch kultiviert“ um ein Sachbuch handelt. Als umfassendes Fachbuch ist es daher zwar nicht zu verstehen – wohl aber bietet es einen gelungenen Überblick über den derzeitigen Stand der evolutionspsychologischen und der kulturvergleichenden Forschung, gespickt mit zahlreichen Beispielen und Studien. Vor allem auch aufgrund der Aktualität der angeführten Forschungsergebnisse dürfte es daher all jene interessieren, die sich einen Überblick verschaffen möchten, was sich auf diesem Gebiet in der letzten Zeit getan hat und was sich im Blick zu behalten lohnt.