Buchrezension “Verhaltenstherapie in Gruppen” von P. Fiedler

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Praktikum

Dass der Autor des Buches ein Verfechter der Gruppenpsychotherapie ist, wird den Lesenden schnell auffallen. Immer wieder kommt er auf die Vorzüge gruppentherapeutischer Behandlungen zu sprechen. Gruppentherapie sei für die meisten psychischen Störungen als gleichrangige Alternative zur Einzeltherapie anzusehen; insbesondere bei psychischen Störungen, bei denen von einer komplexen Störung des zwischenmenschlichen Beziehungsverhaltens auszugehen ist, versteht der Autor die Gruppentherapie als Mittel der Wahl (S. 7). Er bezeichnet Gruppentherapie als “Einzeltherapie in der Gruppe” (S. 288).

Das Buch “Verhaltenstherapie in Gruppen” ist in sieben Kapitel eingeteilt, die jeweils in verschiedene Themen untergliedert sind. Der Autor bedient sich einer eher umgangssprachlichen Schreibweise, sodass kein “Lehrbuch-Charakter” entsteht. Jedoch führt dies an einigen Stellen dazu, dass die Prägnanz zu kurz kommt.

Im ersten Kapitel wird das Spektrum der unterschiedlichen Gruppenangebote (Selbsthilfegruppen, präventive Aufklärungsgruppen, Selbsterfahrungsgruppen, Psychotherapiegruppen) vorgestellt. Zudem widmet es sich den Psychotherapiegruppen im Speziellen: Es erfolgt eine Unterscheidung zweier gängiger Grundansätze, es werden jeweils deren spezifische Merkmale aufgezeigt und es erfolgt eine kurze Beschreibung zugehöriger Therapieverfahren. Anschließend erhalten die Lesenden einen Überblick über die verhaltenstherapeutische Gruppentherapie, wobei auf die Konzepte der Multimodularen Gruppen und der zieloffenen verhaltenstherapeutischen Gruppen sowie deren Wirkfaktoren besonders eingegangen wird. Zusammengefasst liefert das einführende Kapitel einen guten Überblick über das Themengebiet der Gruppentherapie.

Kapitel zwei widmet sich einem speziellen Aspekt aus der Einleitung, nämlich der so genannten zieloffenen Verhaltenstherapie in der Gruppe. Es werden die kognitive und die integrativ-zieloffene Verhaltenstherapie in Gruppen beschrieben. Dabei werden die Unterschiede herausgearbeitet und es werden jeweils kurz (und daher eher oberflächlich) dazugehörige Methoden vorgestellt.

Im nächsten Kapitel wird das Konzept der Verhaltensanalytischen Gruppentherapie (VAG) detailliert vorgestellt und der Ablauf einer Gruppensitzung wird exemplarisch aufgezeigt. Dabei finden sich auch einige Anregungen zu Übungen für die Problemaktualisierung in der Gruppe (welche ein Bestandteil des VAG-Konzepts ist). Am Ende des Kapitels erfolgt eine Zusammenfassung des Vorgehens auf einem “Merkblatt”.

Anschließend wird eine Vielzahl von präventiven Gruppenangeboten überblicksartig vorgestellt, z. B. psychoedukative Gruppen, Trainings der sozialen Fertigkeiten, Gruppen mit Hinblick auf Gesundheit, z. B. Entspannungsverfahren, Ernährungs- und Raucherentwöhnungsprogramme. Die Grundsätze solcher Angebote und das allgemeine Vorgehen sowie Zielsetzungen der Programme werden dargestellt, konkrete Übungen bleiben jedoch aus.

Im Kapitel fünf werden störungsspezifische gruppentherapeutische Möglichkeiten aufgezeigt. Der Autor schildert die Umsetzung der jeweiligen störungsspezifischen Behandlung im Gruppensetting, jedoch erhalten die Lesenden nur eine grobe Anleitung. Die einzelnen Abschnitte liefern aber einen guten Überblick. Es gibt Unterkapitel zu den folgenden Aspekten: Angst- und Zwangsstörungen, affektive Störungen, Schizophrenie, Sucht, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, somatoforme Störungen, diverse körperliche Erkrankungen (Diabetes mellitus, Kopfschmerzen, Parkinson, …). Anschließend erfolgt ein Überblick zu möglichen Gruppenangeboten in der therapeutischen Arbeit mit Familien, Paaren und Angehörigen. Auch hier finden sich kaum konkrete Übungen, aber zur überblicksartigen Information und damit die Lesenden eine Idee zum generellen Vorgehen bekommen, ist dieses Kapitel geeignet.

Das letzte Kapitel beinhaltet, wie durch den Autor angekündigt, zahlreiche persönliche Stellungnahmen und Empfehlungen zum Umgang mit der Gruppendynamik in verhaltenstherapeutischen Gruppen. Dies regt zum Nachdenken an, eine Reflexion des eigenen therapeutischen Verhaltens in der Gruppentherapie wird möglich. Der Autor regt zur “Konzepttreue” an und liefert dafür auch eine Begründung. Die Lesenden müssen diesen Teil selbstverständlich für sich selbst bewerten. Es werden zudem Empfehlungen zum Umgang mit Gruppenkonflikten gegeben und es werden Wirkfaktoren sowie mögliche Schadenswirkungen von Gruppentherapien diskutiert.  Außerdem werden TherapeutInnenfehler und protektives TherapeutInnenverhalten, um den Schadenswirkungen vorzubeugen, thematisiert und der Autor liefert persönliche Empfehlungen zur Erhöhung der Selbstverantwortlichkeit der PatientInnen in der Gruppe.

Fazit: Das Buch liefert über die verschiedenen Settings, in denen Gruppentherapie angewendet werden kann, einen guten Überblick. Es wird ein Vorgehen für psychotherapeutische Gruppen, nämlich die VAG, detailliert vorgestellt und die Lesenden können für sich entscheiden, inwieweit dieses Konzept ansprechend ist. Insbesondere das letzte Kapitel regt zur Reflexion des eigenen Verhaltens in der Gruppentherapie an. Wer konkrete Übungen und Anleitungen für die Gruppentherapie sucht, kommt mit diesem Buch allerdings zu kurz, da einzelne Methoden entweder nur erwähnt oder allenfalls nur grob beschrieben werden.