Der Demenz zuvorkommen?

Eine aktuelle Einschätzung etablierter Risikofaktoren

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Praktikum

Genf, Ende Mai 2017. Die Weltgesundheitsversammlung — das höchste Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO) — verabschiedet einen globalen Aktionsplan für Demenz. Dieser definiert verschiedene Ziele für die WHO-Mitgliedsstaaten in Bezug auf die medizinische Behandlung, Pflege und Forschung, aber auch Prävention von Demenz.

Prävention von Demenz? Dieser Punkt machte mich neugierig. Ich hatte im Hinterkopf, dass beispielsweise Bewegungstraining und Gedächtnisübungen den kognitiven Abbau etwas verlangsamen können. Aber ich hatte wenig Ahnung davon, welche Möglichkeiten mehr oder weniger effektiv sind, um einer Demenzerkrankung vorzubeugen und wie man deren Potenzial überhaupt erst ermitteln kann.

Allein in Deutschland sind derzeit circa 1,6 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, 60% von ihnen leiden an einer Demenz vom Typ Alzheimer. Bis 2050 wird die Zahl der Erkrankten voraussichtlich auf drei Millionen steigen (Deutsche Alzheimergesellschaft, 2014). Da Alzheimerdemenz (AD) nach wie vor unheilbar ist, erscheint es umso wichtiger, Risikofaktoren zu identifizieren und daraus geeignete Präventionsstrategien zu entwickeln (Winblad et al., 2016).

Drei Schritte zur Ermittlung des Präventionspotenzials

Internationalen Hochrechnungen zufolge könnten circa 30% aller Alzheimer-Fälle auf sieben potenziell modifizierbare Risikofaktoren zurückgeführt werden (Norton, Matthews, Barnes, Yaffe & Brayne, 2014). Diese sind: Diabetes mellitus, Bluthochdruck im mittleren Lebensalter, Adipositas im mittleren Lebensalter, Depression, körperliche Inaktivität, Rauchen und niedrige Bildung. Luck und Riedel-Heller (2016) setzten sich zum Ziel, das Präventionspotenzial dieser Faktoren für Deutschland einzuschätzen.

Hierzu berechneten sie zunächst für jeden der Faktoren das sogenannte populationsbezogene attributale Risiko (PAR) aus der Prävalenz des Risikofaktors in der Bevölkerung und dem relativen Risiko für das Auftreten der Alzheimerdemenz in Abhängigkeit des jeweiligen Risikofaktors. Das PAR bezeichnet allgemein den prozentualen Anteil von Krankheitsfällen, der verhindert werden könnte, wenn der Risikofaktor aus der Bevölkerung eliminiert werden könnte. Dabei wird angenommen, dass Kausalität zwischen der Exposition (= der jeweilige Risikofaktor) und der Krankheit (= AD) besteht.

Im zweiten Schritt bestimmten sie die absolute Anzahl der aktuellen AD-Erkrankungsfälle in Deutschland, die den Risikofaktoren sowohl einzeln als auch zusammengenommen zugeordnet werden können. Weiterhin wurde die potenzielle Anzahl der aktuellen AD-Fälle in Deutschland bestimmt, die durch eine um 10%, 25% und 50% reduzierte Prävalenz der Risikofaktoren theoretisch vermeidbar gewesen wäre.

Zuletzt wurden die attributablen AD-Fallzahlen für die reduzierten Prävalenzraten der Risikofaktoren von den Fallzahlen für die ursprünglichen Prävalenzraten subtrahiert.

Großer Einfluss — großes Potenzial zur Veränderung

Der höchstmögliche Einfluss auf die AD-Prävalenz ergab sich nach diesen Berechnungen für körperliche Inaktivität, gleichbedeutend mit fehlender sportlicher Betätigung bei Erwachse-nen. Auf Grundlage eines PAR-Werts von 21,7% könnte theoretisch jeder fünfte Fall von Alzheimerdemenz auf körperliche Inaktivität zurückgeführt werden. Dementsprechend wären theoretisch 17.000 Fälle vermeidbar gewesen, wenn sich der Anteil Nichtsporttreibender um 10% verringert. Ebenfalls sehr einflussreich ist der Faktor Rauchen: Ein PAR-Wert von 14,9% steht hier für theoretisch 149.000 Fälle in Deutschland, für die das tägliche oder gelegentliche Rauchen verantwortlich ist. Aber auch den übrigen Faktoren lassen sich noch zwischen 41.000 und 93.000 Fälle zuordnen.

Diese Ergebnisse geben starken Anreiz zur Bekämpfung der vorgestellten Risikofaktoren. Beobachtbare Trends der letzten Jahre wie eine Zunahme sportlicher Aktivität (Krug, Jordan, Mensink, Müters, Finger & Lampert, 2013) und eine Abnahme des Tabakkonsums in der Erwachsenenbevölkerung (Lampert, von der Lippe & Müters, 2013), letzteres vor allem aufgrund von gesetzlichen Bestimmungen, stimmen in diesem Sinne optimistisch. Trotzdem sind weiterhin vermehrte Präventionsanstrengungen nötig. Gesellschaftlich gesehen sind der globale Aktionsplan für Demenz oder die Europäische Demenz Präventionsinitiative (EDPI) ein Schritt in die richtige Richtung.

Und individuell gesehen? Nun ja, ich werde jetzt erstmal eine Runde Joggen gehen, zwecks körperlicher Betätigung und so … ;)

 

Quellen:

Deutsche Alzheimergesellschaft e.V. (2014). Selbsthilfe Demenz: Das Wichtigste 1– Die Häufigkeit von Demenzerkrankungen. https://www.deutschealzheimer.de/fileadmin/alz/pdf/factsheets/infoblatt1_haeufigkeit_demenzerkrankungen_dalzg.pdf. Zugegriffen: 31.05.2017

Krug, S., Jordan S., Mensink, G.B.M., Müters, S., Finger, J.D., & Lampert, T. (2013) Körperliche Aktivität. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt 56:765–771.

Lampert, T., von der Lippe, E., & Müters, S. (2013) Verbreitung des Rauchens in der Erwachsenenbevölkerung in Deutschland. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt 56: 802–808.

Lärm, A. (2017). Deutsche Alzheimer Gesellschaft begrüßt Aktionsplan Demenz der Weltgesundheitsorganisation. https://www.deutsche-alzheimer.de/ueber-uns/aktuelles/artikelansicht/artikel/deutsche-alzheimer-gesellschaft-begruesst-aktionsplan-demenz-der-weltgesundheitsorganisation.html Zugegriffen: 31.05.2017

Norton S., Matthews F., Barnes, D., Yaffe, K., & Brayne, C. (2014). Potential for primary prevention of Alzheimer’s disease: an analysis of population-based data. LancetNeurology 13:788–794.

Luck, T. & Riedel-Heller, S.G. (2016). Prävention von Alzheimer-Demenz in Deutschland. Nervenarzt:·87: 1194–1200.

Winblad, B. et al. (2016) Defeating Alzheimer´s disease and other dementias: a priority for European science and society. Lancet Neurology 15: 455­532.