Effizient Bulimie-Lernen, oder: „Zusammen mit Prüfungen wird erstaunlich viel Wissen abgelegt.“ (Mocker)

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„Zusammen mit Prüfungen wird erstaunlich viel Wissen abgelegt.“

(W. Mocker, 1954-2009)

Praktikum

Lernen muss man es trotzdem. Auswendiglernen. „Bulimie-Lernen“, wie es auch ein wenig abschätzig aber umso treffender genannt wird. Das Psychologie-Studium ist voll davon und so hangeln sich Psychologie-Studierende vor allem seit der Bologna-Reform von Prüfungsphase zu Prüfungsphase. Dabei entwickeln sie über die Jahre hinweg ganz unterschiedliche Strategien, das Wissen jedes Mal aufs Neue in den Kopf zu hämmern und im Augenblick des Prüfungsendes – um beim Ausgangszitat zu bleiben – wieder abzulegen. Die einen fassen dafür zusammen – mal alleine, mal in der Gruppe. Die anderenLernkarten belesen sich, während wieder andere einfach die Foliensätze und Skripte durchblättern oder sich Lernkarten schreiben.

Und ich? Ich schneide aus. Die ersten drei Semester meines Studiums habe ich ebenfalls zusammengefasst, gelesen und Lernkarten geschrieben. Aber ich war unzufrieden, weil es meist sehr schön – oder wenigstens gut genug – auf den Folien steht und gerne im Wortlaut abgefragt wird. Direkt aus den Folien konnte ich aber nicht sonderlich gut lernen, weil ich mich dabei nicht besonders gut konzentrieren kann. Also entwickelte ich einfach eine neue, eigene Strategie und schnitt mir die Folien aus.

Dazu habe ich mir sogar einen sogenannten Hebelschneider besorgt – eine der besten Investitionen meines Studiums, wie sich herausstellen sollte. Damit konnte ich die Folien, jeweils vier auf einer einseitig bedruckten Seite, superschnell zurechtschneiden und sortieren.

Anschließend habe ich die Folien immer in passende kleine Themenabschnitte zusammengetackert und die irrelevantenLernkarten Stapel aussortiert (s. linker Stapel). Auf der Rückseite jedes so zusammengetackerten Stapels habe ich mir Fragen gestellt, die ich mit den jeweiligen Folien beantworten können sollte – jede einzelne Vorlesungseinheit der Übersicht halber mit ihrer eigenen Farbe und schön durchnummeriert. Dabei habe ich noch unterschieden zwischen wichtigen und optionalen Fragen (mit einem Punkt oder mit einem Sternchen versehen) und mit deren Anzahl angezeigt, auf wie viele der Folien ich mich beziehe.

„Im Examen stellen Toren Fragen, auf die Weise nicht zu antworten vermögen.“

(O. Wilde, 1854-1900)

Das mit den Fragen fand ich insofern elegant und hilfreich, als ich mir dadurch Gedanken darüber machen musste, wie diese Inhalte abgefragt werden könnten und dabei im Falle von abstrakteren Sachverhalten auch auf eine höhere gedankliche Ebene gesprungen bin.Lernkarten Karteikartensystem

Die Folien selbst waren entweder schon aus der Vorlesung markiert und ergänzt oder ich habe das nachträglich noch gemacht, wo es notwendig war. Anschließend habe ich nacheinander jede Vorlesungseinheit gelernt und dabei das Karteikartensystem angewandt: Konnte ich einen getackerten Stapel einwandfrei beantworten, kam er ans Ende. Konnte ich es nicht, kam der Stapel je nach Grad des Versagens irgendwo in die Mitte des gesamten Stapels.

Vorteile dieser Methode: So war ich in der Lage, die Vorlesung in kürzester Zeit auswendig zu lernen. Aber durch die Verknüpfung mehrerer Folien, die übergeordnete Fragen innerhalb der getackerten Stapel als auch durch das Karteikartensystem habe ich sehr schnell allerlei Verbindungen zwischen den Vorlesungenseinheiten herstellen können und dadurch auch immer ein Bild des großen Ganzen der Vorlesung bekommen. Entgegen des Eingangszitats sind dabei auch über die Prüfungen hinaus viele Sachen hängengeblieben. Nachteile habe ich bislang keine feststellen können. War über die Folien hinaus bestimmter Stoff prüfungsrelevant, konnte ich mir auch ganz einfach ein paar leere Folien basteln und selbst beschriften.

Bei KommilitonInnen, wenn ich denn mal mit mehreren Personen gelernt habe, kam diese Technik ausnahmslos gut an und gerne wurden meine Kärtchen kurzzeitig ausgeliehen. Eigentlich bin ich jedoch eher der stille, einsame Lerner. Da ich diese Lerntechnik für das Psychologie-Studium aber optimal finde, möchte ich euch daran teilhaben lassen. Vielleicht findet sie ja AnhängerInnen, die davon ebenso profitieren. Oder ihr habt noch eine bessere Technik, dann lasst es mich bitte wissen ;-)

Aber was sind schon Prüfungen…

„Prüfungen sind von A bis Z ein Humbug.

Entweder man ist Gentleman, dann weiß man alles, was man braucht, oder man ist kein Gentleman, dann schadet einem alles, was man weiß.“

(O. Wilde, 1854-1900)

…also vergesst trotz der ganzen Bulimie-Lernerei niemals Gentlemensch zu sein.