Welche Therapieausbildungen gibt es?

 

1. rechtliche Formen

In Deutschland gibt es grundsätzlich erst einmal zwei Psychotherapeutentitel:

  • Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutIn (KJP). Er/Sie behandelt psychische Störungen von Kindern und Jugendlichen, im Allgemeinen auch der Heranwachsenden, aber nicht der Erwachsenen. Voraussetzung für die Ausbildung zum/r Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutIn nach Psychotherapeutengesetz (PsychThG) ist ein mit Diplom oder Master abgeschlossenes Studium in den Studiengängen Psychologie, Pädagogik oder Sozialpädagogik, in manchen Bundesländern auch Musiktherapie, Sozialarbeit, Heilpädagogik oder Lehramt. [1]
  • Psychologische/r PsychotherapeutIn (PP). Er/Sie ist in Deutschland ein/e PsychologIn, der/die nach dem mit Diplom oder Master abgeschlossenem Psychologiestudium eine Ausbildung zum/r Psychologischen PsychotherapeutIn nach dem Psychotherapeutengesetz (PsychThG) abgeschlossen hat. Ein PPler kann zusätzlich eine Kinder-Jugendlichen-Fachkunde erwerben und darf damit dann alle Patientengruppen behandeln. Andersrum ist dies bislang rechtlich nicht möglich. [1]

In der Ausbildung werden KJPler und PPler auch gern als „PiAs“ (Psychotherapeuten in Ausbildung) bezeichnet, dies ist nach aktueller Rechtssprechung jedoch nicht zulässig, da der Titel des/r PsychotherapeutIn auch mit dem Zusatz „in Ausbildung“ erst nach der Approbation geführt werden darf. Daneben gibt es noch ärztliche PsychotherapeutInnen, die auf ihr Medizinstudium eine Facharztausbildung aufgesattelt haben. Im Gegensatz zu den PPlern und den KJPlern dürfen diese auch Psychopharmaka verschreiben und ärztliche Atteste ausstellen. Die Approbation nach PsychThG ist in Deutschland Voraussetzung, um sich mit einer eigenen Praxis niederlassen und selbstständig Psychotherapie durchführen zu können. Natürlich arbeiten auch viele PsychotherapeutInnen, aber auch nicht approbierte PsychologInnen, PädagogInnen und SozialpädagogInnen in Kliniken, dort werden sie oft auch ohne entsprechende Ausbildung mit psychotherapeutischen Aufgaben betraut.

In Österreich und der Schweiz gibt es ebenfalls (psychologische) PsychotherapeutInnen, die sich auch auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen spezialisiert haben. Diese tragen jedoch nicht die deutsche Berufsbezeichnung. Außerdem gibt es in Österreich – anders als in den meisten anderen europäischen Ländern – neben dem Abschluss eines Hochschulstudiums (wie z. B. Psychologie, Medizin, Pädagogik) weitere Zugangsmöglichkeiten zur Psychotherapieausbildung in Form von Grundberufen (z. B. SozialarbeiterIn, LehrerIn an höheren Schulen, diplomierte KrankenpflegerIn). Aufgrund des breiten Zugangs erfolgt eine fachliche Grundausbildung im Rahmen des Psychotherapeutischen Propädeutikums vor der eigentlichen fachspezifischen Psychotherapieausbildung. [1]

 

2. inhaltliche Ausrichtungen

In Deutschland werden drei Psychotherapieverfahren von den Krankenkassen anerkannt, das heißt, als InhaberIn einer kassenärztlich zugelassenen Praxis darf man diese direkt mit den Kassen abrechnen: kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Psychoanalyse. Natürlich sind in Kliniken und in Privatpraxen auch andere Therapieverfahren üblich, diese müssen dann jedoch aus anderen Töpfen (oder ggf. vom Patienten selbst) finanziert werden.

Es gibt (nicht nur) in den letzten Jahren auf allen Seiten Bemühungen, vom Schulendenken mit den einhergehenden Grabenkämpfen zwischen den Verfahren weg zu kommen und den gemeinsamen Nenner aller Therapieschulen zu finden. Seit Jahren praktizierende PsychotherapeutInnen bezeichnen sich oft als eklektisch denkend, denn so unterschiedlich, wie sie auf den ersten Blick wirken mögen, sind die Schulen oft eigentlich gar nicht. Dennoch soll hier eine kurze, klischeehaft übertriebene Beschreibung der drei von den Kassen anerkannten Verfahren gegeben werden, so dass die wichtigsten Unterschiede deutlich werden.

kognitive Verhaltenstherapie (KVT oder VT)

Die VT basiert auf der Lerntheorie und neurobiologischer Forschung. Sie geht davon aus, dass (fast) alle psychischen Störungen auf dysfunktionalem Verhalten beruhen und eine Heilung über Änderung dieser Verhaltensmuster möglich ist. Dabei wird Verhalten auf vier Ebenen betrachtet: körperlich-physiologische, emotionale, kognitive und motorische Reaktionen. Die VT ist primär lösungsorientiert, das heißt, die Ursachen eines Problems oder einer Störung werden nur dann betrachtet, wenn sich daraus auch ein Lösungsweg ableiten lässt. Zwar wird in Verhaltensananlysen ergründet, warum eine Person ihr Problemverhalten an den Tag legt, aber dabei geht es eher um situative Auslöser. Die Genese des Problemverhaltens wird dabei eher stiefmütterlich behandelt. Trotzdem können auch dysfunktionale Grundüberzeugungen Thema der Therapie werden, wenn sie dysfunktionales Verhalten nach sich ziehen. Für jede Störung gibt es Behandlungsmanuale mit Handlungsanweisungen für jede Sitzung, mit deren Hilfe idealerweise jederzeit ein andere/r TherapeutIn die Therapie ohne Unterbrechung fortführen kann. Die Beziehung zwischen TherapeutIn und PatientIn wird als zweitrangig betrachtet.

Eine ambulante VT umfasst minimal 25, maximal 80 Sitzungen. Sitzungen finden normalerweise einmal die Woche statt, es können für besondere Interventionen aber auch Blocksitzungen von mehreren Einheiten hintereinander stattfinden. TherapeutIn und PatientIn sitzen oft im rechten Winkel zueinander an einem Tisch und es wird viel mit Arbeitsblättern, Flip-Charts und auch Ton- und Bildaufzeichnungen gearbeitet. Oft besucht der/die TherapeutIn den/die PatientIn aber auch zuhause oder unternimmt mit ihm zusammen Ausflüge an für das Problem des Patienten bedeutsame Orte (z. B. Zug, Fernsehturm, Amphibium im Zoo). Manche VerhaltenstherapeutInnen verstehen sich selbst eher als Coaches der PatientInnen denn als „HeilerIn“. Dementsprechend spielt Psychoedukation und eine gemeinsame sachliche Analyse von Problemen und Lösungsansätzen eine große Rolle. Der/die VerhaltenstherapeutIn scheut sich auch nicht, konkrete Ratschläge und Lösungsvorschläge anzubieten. Besonders bei Feldübungen wie den berühmten Expositionsübungen kann er/sie ziemlich direktiv werden und dem/r PatientIn klare Anweisungen geben. Gleichzeitig wird dem/r PatientIn eine hohe Selbstverantwortung zugemessen: Er/Sie ist Herr seines/ihres eigenen Verhaltens und ob er/sie dieses ändern möchte oder nicht, ist seine/ihre Entscheidung.

analytische Psychotherapie (AP) oder Psychoanalyse (PA)

Die klassische PA nach Freud & Co sieht sich als ganzheitliches Therapieverfahren, das heißt, die gesamte Persönlichkeit des/r PatientIn steht im Fokus. Es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch sich im Laufe seines Lebens mit verschiedenen intrapsychischen Konflikten auseinander setzen muss, zum Beispiel Abhängigkeit vs. Individuation oder Unterwerfung vs. Kontrolle. Diese Grundkonflikte werden Lebensaltern zugeordnet, in denen diese am wahrscheinlichsten bedeutsam werden (psychosexuelle Entwicklung). Wenn es einem/ PatientIn nicht gelingt, eine Lösung für den Konflikt der entsprechenden Lebensphase zu lösen, kann sich daraus eine Charakterneurose entwickeln, er/sie entwickelt dann also z. B. eine orale oder naszisstische Persönlichkeitsstruktur. (Diese sind nicht zu verwechseln mit den Persönlichkeitsstörungen nach ICD-10!) Heilung geschieht durch Einsicht in die eigenen unbewussten Dynamiken. Die meisten PsychoanalytikerInnen lehnen die störungsbildbezogene Diagnose nach ICD-10 ab und führen lieber eine ätiologiebasierte Diagnose nach OPD (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik) durch.

Eine ambulante PA dauert minimal 160, maximal 300 Sitzungen, mit zwei bis fünf Sitzungen pro Woche. Klassischerweise findet sie im liegenden Setting statt – der/die PatientIn liegt auf einer Couch und der/die TherapeutIn sitzt auf einem Stuhl dahinter, außerhalb des Sichtfelds des/r PatientIn. Dadurch soll dem/r PatientIn die Möglichkeit gegeben werden, nach Belieben zu regredieren (= in frühere psychische Entwicklungsstufen zurückzufallen), da nach psychoanalytischer Lehre unbewusste Inhalte in solchen Zuständen am besten ins Bewusstsein dringen können. Der/die PsychoanalytikerIn hält sich abstinent, das heißt, er/sie offenbart so wenig von sich wie möglich, um dem/r PatientIn eine möglichst gute Projektionsfläche für dessen/deren unbewusste Vorstellungen zu sein. Das bedeutet auch, dass er/sie alle Äußerungen und Handlungen des/r PatientIn mit gleichschwebender Aufmerksamkeit aufnimmt, also ohne zu werten, und so emotionslos wie möglich reagiert, um nicht unterschwellig zu betrafen oder zu belohnen. Nur hin und wieder gibt er/sie in Deutungen zum Besten, was er in dem Gebahren des/r PatientIn zu erkennen glaubt.

tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP)

Die TP ist wie die Psychoanalyse ein psychodynamisch orientiertes Therapieverfahren, ihr Ziel ist jedoch nicht die umfassende Persönlichkeitsheilung eines/r PatientIn. Vielmehr geht es hier um die Lösung ganz bestimmter Grundkonflikte. Eine psychische Störung wird als Resultat der Reaktualisierung eines eigentlich befriedigend gelösten Konflikts durch ein Ereignis der letzten zwei Jahre gesehen – z. B. könnte eine Mutter durch den Auszug ihrer Tochter in ihrem Gleichgewicht zwischen Versorgung und Autarkie empfindlich gestört werden, so dass alte Wunden wieder aufbrechen. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Beziehungsmuster, die zu dem aktuellen Konflikt beitrugen, ganz automatisch auch im Verhältnis zwischen PatientIn und TherapeutIn widerspiegeln (Übertragung). Gegebenenfalls reagiert der/die TherapeutIn auch mit Gegenübertragungen. Heilung erfolgt durch die Einsicht in diese Übertragungsprozesse und letztendlich ihre Auflösung. Auch Tiefenpsychologen diagnostizieren lieber nach OPD denn nach ICD-10.

Eine ambulante TP dauert minimal 25, maximal 100 Sitzungen, mit normalerweise einer Sitzung pro Woche. TherapeutIn und PatientIn sitzen sich in der Regel gegenüber, so dass beide sowohl das verbale als auch das nonverbale Kommunikationsverhalten des Gegenübers gut wahrnehmen können. Da die TP annimmt, dass aktuelle Probleme nur über das Verständnis der Vergangenheit beilegbar sind, wird der Blick folgerichtig auf die Kindheit des/r PatientIn gerichtet und die ursprüngliche Konfliktlösung in Augenschein genommen. Dafür greift der/die Therapeutin die von ihm/ihr in der Sitzung wahrgenommenen Übertragungsvorgänge auf, indem er/sie sie dem/r PatientIn rückmeldet, also z. B. dass er/sie sich von dem/r PatientIn gerade übermäßig in Frage gestellt fühlt, und versucht mit ihm/ihr zusammen zu ergründen, was hinter diesem Beziehungsverhalten des/r PatientIn steckt. In gewissem Sinne findet also eine Art Nachbeelterung statt, der/die TherapeutIn gibt sich als Projektionsfläche für Erinnerungen an wichtige Bezugspersonen aus der Kindheit des/r PatientIn her.

andere Therapieverfahren

Natürlich gibt es neben diesen drei von den Kassen anerkannten Verfahren noch eine Vielzahl anderer Therapieschulen. Namentlich hervorzuheben sind die Gesprächstherapie und die systemische Therapie, die beide trotz fehlender Kassenzulassung in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich anerkannt wurden.

Die Gesprächstherapie nach Rogers beruht auf einem humanistischen Menschenbild, wonach jede/r PatientIn im Grunde gut ist und selbstbestimmt zu handeln vermag. Jedem/r PatientIn wird eine Aktualisierungstendenz unterstellt, also ein ständiges Streben nach Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit. Psychische Störungen werden als Resultat von Inkohärenzen im Selbstbild verstanden – z. B. wenn sich eine vom monogamen Beziehungskonzept vollständig überzeugte Person in zwei Partner auf einmal verliebt. In der Gesprächtstherapie geht es folglich um die Auflösung dieser Inkohärenzen und der Integration bisher ignorierter Persönlichkeitsanteile.

Die systemische Therapie möchte keiner einzelnen Person helfen, sondern immer einem ganzen System, z. B. einem Paar, einer Familie, einem Freundeskreis oder einem Arbeitsteam. Der/die PatientIn mit der psychischen Störung wird als Symptomträger eines kranken Systems betrachtet, eine Heilung kann nur über eine Neuausrichtung des gesamten Systems stattfinden. Dementsprechend verhält sich der/die TherapeutIn allen gegenüber neutral, er/sie ergreift keine Partei und bemüht sich um eine Lösung, mit der alle leben können. Typische Interventionen sind zirkuläres Fragen („Was glauben Sie, denkt Ihre Mutter, wenn Ihr Vater sich so verhält?“) und paradoxe Interventionen („Wann planen Sie denn, das nächste Mal einen Rückfall zu erleiden?“, „Ich verordne Ihnen hiermit, sich bis zur nächsten Sitzung jeden Abend zu streiten!“)

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