Filmrezension „Coraline“

0
646
Coraline
http://images.cinefacts.de/Coraline-Filmbild-68603.jpg
Quelle: Cinefacts
Praktikum

Lust auf einen Gruselfilm? Oder lieber ein Familiendrama? Oder doch eher auf einen Kinderfilm im Animationsstil? Hier ist der Film, der alle drei Bedingungen erfüllt. In „Coraline“ fließt kein Blut und niemand stirbt, aber der Film spielt so gekonnt mit unseren Urängsten, dass man die Altersfreigabe ab sechs Jahren unwillkürlich anzweifelt. Kein Wunder, die Buchvorlage stammt nämlich von Neil Gaiman, und der dürfte in gewissen Kreisen für seine Erwachsenen-Comics und Bücher aus dem Horror-Genre hinlänglich bekannt sein.

Handlung

Coraline ist ein intelligentes, neugieriges Mädchen von elf Jahren, das nach dem Umzug aufs Land ihr neues Elternhaus erkundet. Von ihren Eltern ist sie gerade ziemlich genervt: Beide hören ihr kaum zu, scheinen nie Zeit für sie zu haben und das vom Vater gekochte Abendessen schmeckt ihr so gar nicht. In ihrer Langeweile schließt Coraline Bekanntschaft mit den schrulligen Nachbarn, dem etwas seltsamen Nachbarsjungen Wybie und der schwarzen Katze, wobei sie immer wieder betonen muss, dass sie „Coraline“ heißt, nicht „Caroline“. Sie erkundet Haus und Gelände, findet einen alten Brunnen und schließlich auch eine Tür, die — oh, Wunder — in eine Parallelwelt führt.

In dieser Parallelwelt ist zunächst alles wie im Märchen. Die „anderen Eltern“ sind aufmerksam, liebevoll, überschütten sie mit leckerem Essen und Spielzeugen und tun wirklich alles, um Coraline ein gutes Gefühl zu vermitteln. Da stört es Coraline kaum, dass in dieser Welt alle Wesen Knöpfe statt Augen tragen. Bis auf den schwarzen Kater, der auch hier normale Augen hat, aber sprechen kann und sie vor der „anderen Mutter“ warnt, was Coraline aber zunächst nicht hören will. Doch dann bietet die „andere Mutter“ ihr an, für immer in der Parallelwelt zu bleiben, und knüpft dies an eine Bedingung: Auch Coraline müsse ihre Augen hergeben und sich dafür Knöpfe annähen lassen.

Abgehandelte psychologische Themen

  • Eltern-Kind-Beziehungen
  • Archetypen (Begriff aus der Analytischen Psychologie)
  • Grundkonflikte (Begriff aus der Tiefenpsychologie)
  • Integration positiver und negativer Anteile in innere Respräsentanzen

Bewertung aus psychologischer Sicht

Neil Gaiman liebt es, mit den bekannten Archetypen und Symbolen unserer Kultur zu spielen, egal, welchen Mediums er sich gerade bedient. Und er liebt Kinder, denn all seine kindlichen Hauptfiguren besitzen dieses gesunde Selbstbewusstsein und diese Autonomiebestrebungen, die sie so resilient gegen die Horror-Szenarien machen, in die Gaiman sie in seinen Werken platziert. Auch Coraline entspricht diesem Schema. Ihr zur Seite wird ein hilfreicher Geist gestellt, der schwarze Kater nämlich, ein Sinnbild für den untrüglichen Instinkt des Mädchens.

Was passiert auf der psychologischen Ebene? Coraline wünscht sich ideale Eltern. Die bekommt sie, muss dann aber feststellen, dass sie sich selbst verbiegen muss, um in dieser idealen Welt zu leben — übertragen auf Grundkonflikte hat Coraline die Wahl zwischen Bindung auf Kosten der Individuation (bei den „anderen Eltern“ bleiben, dafür aber Knopfaugen tragen müssen) und Individuation auf Kosten von Bindung (mit unperfekten Eltern leben, aber die eigenen Augen behalten dürfen).

Wenn der Film berührt, dann deswegen, weil man als ZuschauendeR diesen Konflikt als Kind selbst erlebt hat. Wir alle mussten uns an die durch unsere Bezugspersonen definierte Umwelt anpassen und dabei Kompromisse schließen und vielleicht haben wir dabei an den vertrauten, geliebten Bezugspersonen auch ganz furchtbare und zerstörerische Seiten erlebt, die wir in unser Bild von ihnen integrieren mussten. Das Zerbrechen der „heilen Welt“, die wir uns zusammen fantasiert hatten, das böse Gesicht hinter der schönen Maske ist darum so furchtbar, weil wir es selbst schon erlebt haben, und darum können wir den Horror, durch den Coraline stolpert, so gut nachempfinden. Am Ende hat die Bewältigung dieser Grundkonflikte uns aber stärker gemacht, gewappneter für zukünftige Konflikte, und dieses Happy End enthält uns auch der Film „Coraline“ nicht vor.

Wer mehr Archetypen möchte, soll sich Gaimans Gedicht „Instructions“ zu Gemüte führen, hier von ihm selbst gelesen.

[lightbox_image src=“http://www.psystudents.org/wp-content/uploads/2015/11/11.jpg“ bigimage=“http://www.psystudents.org/wp-content/uploads/2015/12/11-Lösungswort.jpg“ title=“11″]