Filmrezension „Fight Club“

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Fight Club
Quelle: http://www.foxmovies.com/movies/fight-club
Praktikum

Fight Club

Den Kult-Klassiker „Fight Club“ darauf  zu reduzieren, dass er zwischenmenschliche Gewalt zeigt, greift zu kurz und wäre eine grobe Vereinfachung, die auch den großen Erfolg des Filmes jenseits des Mainstreams nicht erklärt. Es geht um mehr – „Fight Club“ ist ein überzeugendes Psychogramm, ist schwärzeste Satire und liefert Gesellschaftskritik der schönsten Sorte. Und zeigt davon ganz abgesehen tolle schauspielerische Leistungen.

Handlung

Der namenlos bleibende Protagonist des Films hat eigentlich alles, was man braucht — einen Job, eine Wohnung mit Sofa und handgearbeitetem Geschirr, eine anständige Garderobe und Fernsehen mit mehreren hundert Kanälen — aber er ist nicht glücklich. Gut, sein Job besteht darin, auszurechnen, was seine Firma billiger kommt: Ein defektes PKW-Modell offiziell zurück zu rufen oder den Unfallopfern außergerichtliche Entschädigungen zu zahlen — aber hey, es ist ein gut bezahlter Job und sein Chef ist nett. Und ja, er hat keine Partnerin und auch nicht wirklich Freunde, aber bei seinem Job, dessenwegen er eigentlich ständig mit dem Flugzeug unterwegs ist, hätte er auch gar keine Zeit für eine Beziehung oder ein Sozialleben.

Es wird im Film nicht explizit kommuniziert, aber der Protagonist ist seelisch krank. Er hat massive Schlafstörungen, erlebt starke Dissoziationsphänomene („Alles ist eine Kopie einer Kopie.“), fühlt sich sozial isoliert und hat passive Todeswünsche („Jedes Mal, wenn das Flugzeug bei Start oder Landung zu scharf in die Kurve ging, betete ich um einen Absturz oder einen Zusammenstoß in der Luft, irgendwas.“). Als er sich endlich überwindet, deswegen einen Arzt aufsucht und ihn um ein Schlafmittel bittet, reagiert der zynisch: Er solle mal zur Selbsthilfegruppe der Leute mit Hodenkrebs gehen, das wären Menschen, die wirklich litten. Unser Protagonist ist so verzweifelt, dass er diesem nicht ganz ernst gemeinten Ratschlag wirklich folgt und an der besagten Selbsthilfegruppe teilnimmt. Dabei lernt er, seine Gefühle auszudrücken, schwimmt in der Halt gebenden Gemeinschaft mit und für eine Weile geht es ihm tatsächlich besser.

Aber dann passiert es: Eine Frau betritt sein Leben — „und sie ruinierte alles“. Marla Singer ist die Inkarnation all dessen, was der Protagonist zu verdrängen sucht, seine Unzufriedenheit mit dem Alltag, der laufende Gegenentwurf zu seiner eigenen kleinen, heilen Welt. Plötzlich ist der Protagonist nicht mehr in der Lage, seine Fassade aufrecht zu erhalten, sein inneres Unglück mit Selbsthilfegruppen zu kompensieren. Er braucht etwas Neues, etwas Stärkeres. Als auch noch seine Wohnung in die Luft fliegt, bietet sich ihm eine willkommene Gelegenheit, Tyler Durden in sein Leben einzuladen, einen Mann, der ihm bei einem Flug begegnet ist und der ihm wegen seiner unkonventionellen Ansichten dauerhaft im Gedächtnis geblieben ist. Tyler wiederum lädt ihn ein, bei sich zu wohnen und ab diesem Moment beginnt der Protagonist, sein Leben systematisch umzukrempeln. Der Fight Club wird gegründet, eine Art gewalttätige Selbsthilfegruppe für vom Leben und der Gesellschaft enttäuschte Männer, die irgendwohin müssen mit ihrem Aggressionspotential. Als auch der Fight Club nicht mehr reicht, kommt Projekt Chaos hinzu, eine Initiative, mit der Menschen aufgerüttelt und gesellschaftliche Strukturen zerstört werden sollen.

Wieder geht es eine Weile gut, aber dann bekommt der Protagonist doch Zweifel an seinem eigenen Tun. Überschreitet er nicht wichtige Grenzen? Schadet Projekt Chaos mit seinen Aktionen nicht Unschuldigen? Er versucht, das Projekt Chaos zu stoppen, muss aber erkennen, dass die Gruppe ein Eigenleben entwickelt hat, das er nun nicht mehr kontrollieren kann. Seine Bemühungen bringen ihn in Konflikt mit Tyler, der ihm immer einen Schritt voraus zu sein scheint und ihm schließlich auch körperlich gefährlich wird. Es kommt zum großen Showdown in Form eines psychischen Machtkampfes zwischen dem Protagonisten und Tyler, mit Marla Singer als unfreiwillig Beteiligter.

Abgehandelte psychologische Themen

  • F44.81 [Achtung, Spoiler-Alarm! Wer sich die Spannung erhalten will, sollte nicht nachschauen, für welche Diagnose dieser F-Kürzel steht!]
  • Selbsthilfegruppen
  • körperlicher Schmerz als Skill (siehe hierzu die DBT nach Marsha M. Linehan)
  • Auswirkungen gesellschaftlicher Faktoren auf die menschliche Psyche
  • gruppendynamische Prozesse („Sein Name ist Robert Paulson!“)

Bewertung aus psychologischer Sicht

Aus psychologischer Sicht kann “Fight Club” überzeugen. Er liefert ein eindrückliches Bild einer schweren psychischen Krankheit und zwar so, dass man die Entwicklung des Protagonisten ab einem gewissen Punkt gut nachvollziehen kann. Um die ganze Qualität der Darstellung wertschätzen zu können, lohnt es sich sehr, den Film nach der Auflösung am Ende noch ein zweites Mal zu sehen: Man wird feststellen, dass es wie in einem guten Krimi in fast jeder Szene deutliche Hinweise für die Auflösung gab, die weder Zuschauende noch der Protagonist selbst zu diesem Zeitpunkt richtig deuten konnten. Der Film bleibt nur in einem Detail sehr unwissenschaftlich: Es gibt keinen einzigen dokumentierten Fall, in dem die psychische Störung des Protagonisten im Erwachsenenalter einsetzt, in allen dokumentierten Fällen bestand sie schon seit frühester Kindheit. Über die schweigt sich der Film – übrigens genau wie die Buchvorlage von Chuck Palahniuk – vollkommen aus, lässt damit aber auch viel Raum für Interpretationen. Vielleicht bestand die Störung tatsächlich schon früher, wurde aber erst in der Gegenwart des Protagonisten schlimmer bzw. nach außen sichtbar?

Wem der Film gefällt, der sollte sich unbedingt den Audio-Kommentar anhören, der auf manchen Veröffentlichungsversionen der DVD oder Blue-Ray des Films enthalten ist. Denn “Fight Club” enthält unglaublich viele Details, über die Regisseur David Fincher und die drei Hauptdarsteller Edward Norton, Brad Pitt und Helena Bonham-Carter sich offensichtlich viel Gedanken gemacht haben und die man ohne diesen Audio-Kommentar gar nicht alle entdecken kann (z. B. Tyler im Begrüßungsvideo des Hotels, Pepsi-Werbung in Szenen abstoßender Gewalt, der Dildo auf Marlas Schrank). Interessant ist auch zum Beispiel die Aussage Bonham-Carters, dass sie nie bei diesem Film mitgewirkt hätte, hätte sie Fincher nicht als einfühlsamen, ruhigen Mann kennen gelernt, der so gar nicht zu dem Klischee eines gewaltbereiten Machos passen wollte. Ihn kennend konnte sie den Film als die schwarzhumorige Gesellschaftskritik interpretieren, als die er offensichtlich gemeint ist.

Zwei weitere Aspekte machen den Film zu einem Pflichtprogramm. Zum einen ist “Fight Club” so sehr in unsere Kultur eingegangen, dass man öfter über indirekte Zitate stolpert, als man vor Schauen des Films gemeint hätte. Anspielungen auf die ersten beiden Regeln des Fight Clubs sind mindestens ebenso häufig wie bestimmte Darstellungen aus dem Film, z. B. soll es laut dem Autor der Buchvorlage schon mal eine Modenschau gegeben haben, bei der die Models aufgeschminkte blaue Augen und andere Gesichtsverletzungen hatten. Und auch so werden einem genügend unvergessliche Sätze und Dialoge im Gedächtnis haften bleiben. (Für Kenner des Films findet sich hier ein Zusammenschnitt von Zitaten auf Englisch, aber Achtung: Spoiler-Alarm.) Zum Beispiel der Dialog zwischen dem Protagonisten und Marla, als sie die Selbsthilfegruppen unter sich aufteilen. („Was willst du?“ — „Ich krieg die Parasiten!“ — „Du kannst nicht beide Parasiten haben! Nimm du doch die Blutparasiten …“ — „Ich nehm Gehirnparasiten!“ — „Okay. Ich nehm Blutparasiten, aber ich bekomme organische Gehirndemenz dafür!“ — „Die will ich!“ — „Du kannst nicht das ganze Gehirn behalten! Das ist …“ — „Im Augenblick hast du vier, ich hab nur zwei.“)

Zum anderen vermag “Fight Club” durch den Einsatz seiner filmischen Mittel zu beeindrucken. Keinesfalls sollte man die animierte Fahrt durchs Gehirn verpassen, die ganz am Anfang des Films steht und den Vorspann darstellt. Aber darüber hinaus durchbricht der Film erzählerisch auch mehrmals die unsichtbare (vierte) Wand, die ihn von Zuschauenden trennt, beispielsweise wenn Tyler Durden für Zuschauende als subliminale Schleichwerbung eingeführt wird (am Kopierer, als der Arzt sich abwendet, als es Zeit für die Zweiergruppen wird, als Marla Singer nach der Selbsthilfegruppe wegstöckelt). Oder wenn der Protagonist Zuschauenden ein kurzes Persönlichkeitsprofil von Tyler liefert und Tyler auf das kleine Überblendungszeichen rechts oben im Bild deutet. Oder wenn der Protagonist bei der Rückkehr zur Rahmenhandlung sagt: “Mir fällt immer noch nichts ein” und Tyler kommentiert: “Ah, Rückblendenhumor.” Oder wenn ganz am Ende des Filmes ein bestimmtes Körperteil des Regisseurs eingeblendet wird (der übrigens in jedem seiner Filme mindestens einmal auf die eine oder andere Weise zu sehen ist). So kann wirkungsvoll eine andere wichtige, implizite Botschaft an Zuschauende vermittelt werden: Die Augen offen zu halten und alles zu hinterfragen, auch und gerade die Methoden der Film- und TV-Industrie, die unseren gesellschaftlichen Diskurs inhaltlich prägen.