Filmrezension „Split“

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Quelle: www.imdb.com

„Split“ ist ein vorbildlich recherchierter Film zur dissoziativen Identitätsstörung (multiple Persönlichkeit), der ausnahmsweise auch mal mit einer sympathischen Psychotherapeutin aufwarten kann. Trotzdem windet man sich als ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusste Psychologin im letzten Drittel des Films doch sehr auf dem Kinosessel.

Handlung

Ein Vater holt seine Tochter und zwei ihrer Schulkameradinnen von einer Party ab. Die drei Mädchen setzen sich schon ins Auto, während der Vater noch die Taschen im Kofferraum verstaut. Dann geht die Fahrertür auf und es setzt sich ein fremder Mann ins Auto. Als die Mädchen protestieren, betäubt er sie mit einem Spray. Als die drei wieder zu sich kommen, sind sie in einem Raum mit zwei Betten und einem kleinen Bad eingesperrt. Soweit das klassische Horrorfilmszenario. „Split“ hebt sich jedoch darin von anderen Horrorfilmen ab, dass seine zwei HauptprotagonistInnen, der Entführer und das Mädchen Casey, gut dargestellte psychische Störungen zeigen.

Der Entführer hat, wie sich sehr schnell herausstellt, eine dissoziative Identitätsstörung. Wir bekommen vor allem drei der 23 vorhandenen Persönlichkeiten zu sehen: einen Mann mit Zwangsstörung und voyeuristischem Fetisch, eine Frau und einen kognitiv etwas benachteiligten neunjährigen Jungen. Die ZuschauerInnen lernen auch seine Psychiaterin kennen, die schon lange mit ihm gearbeitet hat und seine Persönlichkeiten gut auseinander halten kann.

Claire und Marcia sind völlig sprachlos, als sie das erste Mal eine zweite Persönlichkeit an ihrem Entführer erleben. Es ist Casey, die sofort schaltet und beginnt, sich sowohl die Persönlichkeitswechsel als auch die Zwangsstörung einer der Persönlichkeiten zunutze zu machen und so auf den Entführer einzuwirken. In Rückblicken wird erklärt, wo dieses Störungsverständnis herrührt: Sie ist ganz offensichtlich sexuell traumatisiert, auch wenn dies nur angedeutet wird. In einer Szene ganz am Schluss werden auch die Narben zahlreicher Verletzungen an ihrem Körper gezeigt. Es bleibt unklar, ob sie „nur“ eine PTBS hat oder eine Borderline-Störung als komplexe Traumafolgestörung.

Abgehandelte psychologische Themen

  • F44.81 Dissoziative ldentitätsstörung
  • nicht ganz eindeutig:
    • F43.1 posttraumatische Belastungsstörung — oder
    • F60.31 emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline Typus
  • ambulante Psychotherapie

Bewertung aus psychologischer Sicht

Das Bild einer dissoziativen Identitätsstörung wird zumindest in der ersten Hälfte des Films vorbildlich und sehr überzeugend vermittelt, der Schauspieler mimt die verschiedenen Persönlichkeiten wahnsinnig überzeugend und auch die Übergänge zwischen ihnen wirken sehr glaubhaft. Die Wechsel werden in „Split“ auch durch unterschiedliche Kleidung unterstützt, aber auch in Szenen, in denen die Identitäten schnell wechseln, sind sie durch Mimik, Tonfall, Bewegungsmuster und Verhalten so distinkt voneinander, dass sie kaum zu verwechseln sind.

Einen großen Pluspunkt gibt es auch für die Figur der Psychiaterin/Psychotherapeutin, die ausnahmsweise mal nicht die Böse spielt, sondern sich auf wissenschaftlicher und persönlicher Ebene sehr für ihre PatientInnen einsetzt. Schön ist auch das Menschenbild, dass sie vermittelt: Alle Persönlichkeiten haben oder hatten mal eine wertvolle Funktion im System der dissoziativen Identität, auch wenn einzelne Identitäten eine Täterrolle übernehmen. In anderen Filmen zu dieser Störung wurde ja oft dargestellt, dass die Betroffenen nur überleben könnten, wenn diese Täterpersönlichkeiten „getötet“ werden. Das wäre so, als würde man Seiten der eigenen Persönlichkeit und damit einhergehende Erinnerungen durch pure Willenskraft aus seinem Gedächtnis verbannen — ein Ding der Unmöglichkeit. Sogar in den sonst so zerstrittenen Therapieschulen herrscht jedoch weithin Einigkeit darüber, dass eine gelungene Therapie die Integration der verschiedenen Anteile einer Person anstrebt, so wie es die Psychiaterin in „Split“ vorbildlich tut.

Gut recherchiert scheinen auch die Störungsbilder an sich zu sein. Bei in der Fachwelt bekannt gewordenen Fällen dissoziativer Identitätsstörung wurden wunderliche Phänomene beobachtet, auf die „Split“ immer wieder Bezug nimmt: Eine Persönlichkeit ist allergisch auf Bienenstiche, eine andere nicht. Eine Persönlichkeit sitzt im Rollstuhl, eine andere kann laufen. Eine Persönlichkeit braucht eine Brille, eine andere sieht scharf. Eine Persönlichkeit wird bei Alkoholkonsum sofort betrunken, eine andere Persönlichkeit zeigt beim selben Blutalkohol hohe Toleranz. Das klingt unglaublich, lässt sich aber wunderbar über psychosomatische Zusammenhänge erklären, erwähnt seien hier nur der Placebo- und der Nocebo-Effekt, also bekannte und gut nachgewiesene Varianten der Selbsthypnose.

Auch die Darstellung der traumatisierten Casey hat mich als Therapeutin überzeugt: Während die beiden anderen jungen Frauen verzweifeln, da ihre bisherigen Bewältigungsstrategien in der völlig ungewohnten Situation völlig versagen, reagiert Casey als einzige ruhig und pragmatisch, fast schon kaltblütig. Sie erleidet keinen Schock, da sie sich zynisch betrachtet in diesem Horror-Genre bereits auskennt, sie dissoziiert ihre Gefühle und tut alles, um zu überleben. Dass sie trotzdem stark getriggert wird, wird den ZuschauerInnen über ihre Flashbacks vermittelt, die Bruchstücke ihrer eigenen Traumatisierung an passenden Stellen in den Film einbetten.

Soweit so gut … und dann verlässt der Film das wissenschaftliche und professionelle Gebiet und kehrt zurück zum klassischen Horrorfilm. Statt die besonderen Fähigkeiten dissoziativer Identitäten als etwas hinzustellen, was zwar besonders, aber durch und durch menschlich und in gewissem Sinne normal ist, werden die Betroffenen zur nächsten Evolutionsstufe gekürt und es wird vermittelt, dass mit der richtigen Selbsthypnose alles geht — auch übermenschliche Kräfte, an der Decke entlanglaufen und Messerklingen an der Haut abprallen lassen. Ob das zur Aufklärung von Laien und zur Entstigmatisierung Betroffener beiträgt, wage ich stark zu bezweifeln. Diese Bedenken scheinen auch andere zu teilen, wie dieser offene Brief einer amerikanischen Psychologin und Betroffenen zeigt.

Wer darüber hinweg sehen kann, den erwartet mit „Split“ gute Abendunterhaltung mit außergewöhnlich gut recherchiertem Hintergrund. Ich hingegen ging eher mit gemischten Gefühlen aus dem Kino. Da hilft auch nicht zu verstehen, dass der Regisseur, wie das Auftauchen eines absoluten Top-Promis in der letzten Minute andeutet, einen neuen Endgegner für einen zweiten Teil eines früheren Films braucht und darum der Film absolut unbefriedigend enden musste. Ein gut therapierter, gesunder Mann macht sich halt nicht gut als böses Gegenstück zum Filmhelden.