Filmrezension „To The Bone“

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Anorexie
Quelle: http://www.imdb.com
Praktikum

Netflix ist bekannt dafür, auch riskante Themen anzupacken. Ob das bei dem Film über Anorexie, „To The Bone“, gelungen ist? Schwierig zu beantworten. Aber immerhin sind Regisseurin und Hauptdarstellerin selbst Betroffene, so dass für Realismus durch Insider-Perspektive gesorgt ist.

Handlung

Die 20jährige Ellen ist magersüchtig und wird von ihrer Stiefmutter von einer Therapie in die nächste geschleift — der abwesende Vater lässt lieb grüßen, er ist zu belastet von der Krankheit seiner Tochter, um sich zu beteiligen. Die bipolare Mutter lebt weit weg auf einem Reithof und hat interessante spirituelle Vorstellungen, auch über Therapie, wie sich später im Film zeigt. Am konstruktivsten verhält sich noch die Schwester, die sich um eine Balance zwischen schwarzem Humor und klaren Messages bemüht, auch wenn sie das Kalorienzählen ihrer anorektischen Schwester mit Bewunderung verstärkt.

Ellen wird zu einem weiteren Psychiater gezerrt, der als Koryphäe auf dem Gebiet gilt und sie erst einmal stationär aufnimmt. Die stationäre Therapie findet jedoch in einem ganz normalen Einfamilienhaus statt, wo Ellen fortan für die meiste Zeit des Films mit sechs anderen essgestörten jungen Erwachsenen zusammenlebt. Natürlich dreht sich die gesamte weitere Handlung des Films um das Commitment der Protagonistin, also ihren Willen zur Verhaltens- und Einstellungsänderung.

Abgehandelte psychologische Themen

  • F50.0 Anorexia nervosa
  • F50.2 Bulimia nervosa
  • F50.9 Binge-Eating
  • (F31 bipolare affektive Störung)

Bewertung aus psychologischer Sicht

Fangen wir mit dem Positiven an: Der Psychiater versteht seinen Job. Er lässt sich nicht auf fruchtlose Diskussionen übers Essen ein, stellt im Angehörigengespräch zirkuläre Fragen und ist im Einzelgespräch mit der Patientin konfrontativ und schonunglos. Auch betont er immer wieder die freie Wahl der Patientin und vermeidet so wenig hilfreiche Machtkämpfe. Als sie andeutet, mehr über ihn wissen zu wollen, reagiert er mit authentischer Selbstöffnung, statt sich auf die bequeme Abstinenz des Behandlers zurückzuziehen. Er wahrt sogar seine Schweigepflicht, als die Patientin sich danach erkundigt, ob ein Mitpatient in der Therapie über sie gesprochen habe – in Filmen und Serien absolut nicht selbstverständlich.

Zwar klischeehaft, aber auch realistisch scheinen die sozialen Interaktionen, sowohl zwischen den PatientInnen als auch zwischen der Protagonistin und ihrer Familie. Dazu gehört auch das Austauschen von Tipps zum Abnehmen. Für TherapeutInnen ist das eine wahre Krux: Man schickt die PatientInnen in die stationäre Therapie, damit endlich was voran geht, und sie kommen meist mit „besseren“ Abnehmstrategien zurück als sie hingegangen sind, traurig aber wahr. Nur angedeutet werden die Tricks zum regelmäßigen Wiegen: Steine in der Kleidung, literweise Wasserkonsum und nachträglicher Abführmittelkonsum sind beliebte Vorgehensweisen.

Die Protagonistin ist der biestige, zynische Typus der Essgestörten. Das Bild, das manche Außenstehende zu haben scheinen, dass AnorektikerInnen hungern, um „aus der Welt zu verschwinden“, legt ja eigentlich nah, dass die Betroffenen sich möglichst unauffällig und sozial angepasst verhalten — das gibt es sicher auch, aber ich empfehle für eine realistischere Einschätzung ein Praktikum auf der Essstörungs-Station. Hungern macht halt nicht nur euphorisch, sondern auch verdammt dünnhäutig und generell schlechte Laune.

„To The Bone“ hat aber auch schon jede Menge negative Kritik ernten müssen, schauen wir uns darum nun die einzelnen Punkte an. Gerade Betroffene haben kritisiert, Anorexie werde verherrlicht, da die Protagonistin zumindest bekleidet immer noch sehr gut aussehe. Das stimmt, ist aber nicht so unrealistisch, wie man meinen könnte. Zwar sehen Magersüchtige oft hohlwangig aus und BulimikerInnen haben oft unschöne Würgespuren um die Augen, aber ich habe genug Untergewichtige gesehen, deren Gesicht immer noch dem geltenden Schönheitsideal entsprach. Unrealistisch und beschönigend ist aber, dass alle sieben PatientInnen noch gut aussehen.

Ein anderer Artikel kritisierte, die PatientInnen im Film würden zu wenig essen, selbst Magersüchtige würden mehr essen. Geschenkt. Zum einen wird das Essen immer nur ausschnittsweise gezeigt, und das Rumstochern und Kleinschneiden ist meiner Meinung nach schon ziemlich realistisch. Zum anderen ist es wirklich erstaunlich, mit wie wenig ein entsprechend trainierter Körper überleben kann. Der Körper schaltet halt in einen Hungermodus, in dem jede noch so kleine Kalorie verwertet  und Energie eingespart wird, wo es nur geht. Das hat teilweise lebenslange Auswirkungen: Ich hatte ambulant mal eine Patientin, die aufgrund jahrelanger schwerer Anorexie im frühen Erwachsenenalter mit über 50 Jahren tatsächlich sofort zunahm, sobald sie mehr als ca. 1000kcal täglich verspeiste. Ihr Stoffwechsel hatte sich so massiv und so dauerhaft umgestellt, dass sie nun bei einer Kalorienzufuhr fettleibig war, die manche Diätgeplagte vor Neid erblassen lassen würde. Tragisch und sicherlich ein Ausnahmefall, aber kommt halt vor, zumal die Protagonistin im Film bei ihrer Essweise auch erstmal weiter ab- statt zunimmt.

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass von den sieben gezeigten PatientInnen fünf junge weiße Frauen sind und die einzige afroamerikanische Patientin keine Anorexie, sondern eine Binge-Eating-Störung hat. Immerhin dürfen auch Lesben mitspielen und ein heterosexueller Balletttänzer, aber ja, die Auswahl entspricht trotzdem schon sehr dem Klischeebild von Essstörungen.

Am irritierendsten hat jedoch auf mich gewirkt, dass eine stationäre Therapie angekündigt, dann aber eine therapeutische Wohngemeinschaft gezeigt wird. Das Setting, die Regeln, die Kontakte zu den BehandlerInnen, das alles entspricht dem, was in Deutschland in so genannten tWGs praktiziert wird, nicht in der stationären Psychotherapie. TWGs dienen aber der Aufrechterhaltung von Therapieerfolgen, nicht der Akuttherapie. Hier wird also eine sehr niedrigschwellige Form der Therapie gezeigt.

Und dann das Filmende — da erzählt der Psychiater ihr erst, dass sie endlich anfangen soll, mitzuarbeiten, statt auf die große Erlösung zu warten, und was hilft ihr dann am Ende? Die große Erlösung in Form eines Nahtoderlebnisses. Na toll. So einfach ist es also, ich muss nur in Ohnmacht fallen, dann habe ich plötzlich die Erleuchtung und fasse neuen Mut. Was im Einzelfall sicherlich mal so sein kann, als Happy End des Films zu verkaufen, finde ich schon etwas dreist. Klar, der Film soll Betroffenen Mut machen — aber sorgt er so nicht erst recht für unrealistische Hoffnungen, die fast zwangsläufig enttäuscht werden müssen? Der Weg raus aus einer Essstörung ist halt in der Realität in aller Regel mit vielen Rückfällen, harter Arbeit und immer wieder großer Selbstüberwindung gepflastert, nicht mit Nahtoderlebnissen.

Also ein gemischtes Fazit. Aber unter all den Filmen und Serien über Essstörungen sicherlich trotzdem einer der besseren Beiträge.