„Lieber ein lebendes Kind als einen toten Sohn“

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Der Wandel der Betrachtung von Transsexualität am Beispiel von Dänemark

Ich sitze eines Morgens mit meinem Kaffee mit Milch vor den Nachrichten und lese sie mir semi-aufmerksam durch. Ich bin noch müde. Ich lese von Trumps Hasstiraden, lese von Krisen bei der SPD, lese von Erdogans Drohungen in Richtung der Bundesregierung wegen irgendeines Kommentars. „Hm“, denke ich.

Doch eine Nachricht passt nicht in die Kakaphonie von Negativschlagzeilen.

„Hm?“, denke ich. Was ist das?

„DÄNEMARK STREICHT TRANSSEXUALITÄT[1] VON LISTE PSYCHISCHER KRANKHEITEN“

„Hm!“, denke ich. Was für eine erfreuliche Nachricht! Durch das Wegfallen einer Diagnose ist zwar noch lange nicht der Blick der Gesellschaft verändert, aber es ist zumindest der erste Schritt in Richtung Entpathologisierung und Normalisierung (siehe: Homosexualität und der erstmalige Wegfall der Diagnose in unseren Diagnostika (1987 im DSM und 1991 in der ICD)).

Coole Sache … oder?

Die berechtigte Frage, die sich mir stellt, ist: Habe ich vielleicht gerade zu vorschnell geurteilt? Habe ich mich von meinen Einstellungen leiten lassen (dass z. B. Minderheiten, die Ziel von Stigmata sind, geschützt werden sollten)? Was bedeutet es wirklich, wenn z. B. in Dänemark, diese Diagnose wegfällt, ist das gänzlich positiv?

Was ist die besondere Rolle von Dänemark?

Ein erster Überblick über die Geschichte von Dänemark und die Verbindung zu diesem Thema soll Klarheit schaffen, weshalb gerade dies ein Meilenstein gewesen sein könnte. Denn – nicht Dänemark ist das erste Land der Welt, das Transsexualität in seiner länderspezifischen Version der ICD-10 streicht; es war Frankreich. Beide Länder sind in Sachen Rechte von LGBT* (lesbians, gays, bisexuals, transgenders) weit vorne an der Spitze, allen voran aber eben Dänemark. In Dänemark waren nicht nur bereits vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs homosexuelle Handlungen legalisiert, sie verabschiedeten auch sehr früh Antidiskriminierungsgesetze und brachten es bereits 1989 zu einem Gesetz zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare, womit Dänemark insgesamt also als Vorreiter gesehen werden kann.

Was sind Folgen des Diagnosenwegfalls?

Zurück zur Frage: Was bedeutet der Wegfall der Diagnose? Schön und gut, dann wird Transsexualität eben nicht mehr als Störung bezeichnet. So einfach ist es aber leider nicht. Aus meinem Wissen im Bereich der klinischen Psychologie weiß ich nämlich, dass eine Diagnose notwendig ist, damit man eine Störung überhaupt behandeln darf. Doch fällt dann nicht auch das Recht auf Behandlung (in diesem Fall nicht das Wegtherapieren von Transsexualität!) weg, hier die Möglichkeit auf eine Geschlechtsumwandlung? Denn in Dänemark gibt es hierzu eine ähnliche Situation wie in Deutschland: Es muss erst ein längerer Prozess durchlaufen werden (Verfahren nach dem Transsexuellengesetz in Deutschland sind z. B. Gutachten, medizinische und psychologische Untersuchungen), bevor man sich überhaupt einer Geschlechtsumwandlung unterziehen darf. (Da sie irreversibel ist, muss legitimerweise vorsichtig vorgegangen werden.)

Doch hier kann Entwarnung gegeben werden: Das dänische Gesundheitsministerium habe angeordnet, dass die Diagnose nicht gänzlich gestrichen wird, sodass eine Behandlungsmöglichkeit weiterhin vorhanden bleibt; Transsexualität sei nun lediglich formell einer anderen Kategorie zugehörig. Dies jedoch, betont z. B. die LGBT-Gemeinschaft Dänemarks, sei wichtig um das Stigma von Transpersonen zu entfernen.

Wenn aber nun die Diagnose immer noch informell besteht, warum sich überhaupt damit befassen? Ist das dann nicht total sinnfrei? Nein, denn gerade darum geht es ja. Man kann behaupten, dass ich versuche aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Doch das wäre nur dann der Fall, wenn der Diagnosenwegfall selbst nicht bereits positive Folgen hätte. Denn es zeigte sich z. B. in der Forschungsarbeit von Robles und KollegInnen (2016), dass das Argument, Transsexualität auch aus der kommenden ICD-11 zu streichen, weil die allgemeinen Kriterien für eine psychische Störung nicht erfüllt seien, berechtigt scheint. Es sei nämlich nicht die Störung selbst (hier die Transsexualität), die die elementare Symptomatik hervorruft (Disstress und Beeinträchtigung), sondern die Erfahrung der sozialen Ablehnung und teils Gewalt.

Was bedeutet der Diagnosenwegfall für uns hier in Deutschland?

Zurück zur Ausgangsfrage: Ist es gut, Transsexualität als Diagnose zu entfernen bzw. wie im Fall von Dänemark zu verschieben? Man hat auf der einen Seite offensichtlich Vorteile. So wie es der Fall bei Homosexualität war oder es den bisherigen Anmerkungen zu Störungen der Sexualpräferenz (namentlich dem Fetischismus) in der ICD-11 zufolge sein soll: Das Verschieben oder Entfernen der Diagnose bringt auch eine Veränderung der Sicht der Gesellschaft mit sich. Dadurch lassen sich die Stigmata, mit denen Transmenschen zu kämpfen haben, mindern. Auf der anderen Seite jedoch birgt diese Art damit umzugehen auch die Gefahr eines Wegfalls von Versorgungsmöglichkeiten: keine Diagnose = keine Störung = kein Handlungsbedarf? Es bleibt daher abzuwarten, wie die Weltgesundheitsorganisation mit dem dänischen Vorbild umgehen möchte bzw. ob sie es vielleicht sogar annehmen möchte.

Ich sitze nun vor meiner leeren Tasse. „Hm“, denke ich. Sie ist leer. Ich hole mir am besten noch einen Kaffee mit Milch. Oder ist es nicht doch eher ein Milchkaffee, so viel Milch, wie ich hinzufüge? Ach, am Ende ist es doch egal, wie ich es bezeichne. Ich will auf jeden Fall Kaffee.

 

Quellen:

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (n.d.). Transsexuellengesetz. Retrieved Januar 16, 2017, from https://www.gesetze-im-internet.de/tsg/index.html

Bolcer, J. (2011). Denmark To Legalize Gay Marriage. Retrieved from http://www.advocate.com/news/daily-news/2011/10/24/denmark-legalize-gay-marriage

Dänemark streicht Transsexualität von Liste psychischer Krankheiten. (2017, January 03). Retrieved from http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/daenemark-streicht-transsexualitaet-von-liste-psychischer-krankheiten-a-1128421.html

Reiersol, O., & Skeid, S. (2011). The ICD 11 Revision: Scientific and Political Support for the Revise F65 Reform. Second Report to the World Health Organization. Oslo: World Health Organization.

Rief, W., & Stenzel, N. (2012). Diagnostik und Klassifikation. In M. Berking & W. Rief (Eds.), Springer-Lehrbuch. Klinische Psychologie und Psychotherapie für Bachelor. Berlin, Heidelberg: Springer.

Robles, R., Fresán, A., Vega-Ramírez, H., Cruz-Islas, J., Rodríguez-Pérez, V., Domínguez-Martínez, T., & Reed, G. M. (2016). Removing transgender identity from the classification of mental disorders: a Mexican field study for ICD-11. The Lancet Psychiatry, 3(9), 850-859.

[1] Transsexualität (älter auch Geschlechtsdysphorie/Störung der Geschlechtsidentität) ist ein anhaltendes und starkes Unbehagen bezüglich des eigenen biologischen Geschlechts; als Transjungen bezeichnet man Menschen, die biologisch weiblich sind, sich aber als Jungen wahrnehmen. Ein guter Übersichtsartikel mit dem dazu passenden Titel (das hier als Zitat verwendet wird) findet sich in der Gehirn&Geist (02/2017).