Pressemitteilung zu „Ich bin in Therapie“

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Praktikum

Pressemitteilung: Reaktion auf die Kritik  in Bezug auf das Projekt

„Ich bin in Therapie“

Vom 03.09.2014

„Es ist doch sehr komisch, dass die sozialen Folgen eines Tabus
als Argument gegen die Enttabuisierung angeführt werden.“

Reaktion eines Nutzers auf die Kritik

 

Am 25. August ging unser Projekt „Ich bin in Therapie“ online. Diese Anti-Stigma-Kampagne soll dazu dienen, Vorurteilen und Stigmata über psychische Störungen und Psychotherapie entgegenzuwirken, indem diese Thematik greifbarer und persönlicher gemacht wird. Inspiriert wurde dieses Projekt vom US-amerikanischen Pendant “I have a therapist”.

Das Thema betrifft nicht nur einige wenige. Im Rahmen des Bundesgesundheitssurveys 1998 fand man heraus, dass innerhalb von 12 Monaten 32,1% der deutschen Bevölkerung die Kriterien für eine psychische Störung erfüllen (Wittchen & Jacobi, 2001; Jacobi et al., 2004). In der Nachfolge-Studie DEGS1-MH aus dem Jahre 2013 – 15 Jahre später – ergab sich eine 12-Monats-Prävalenz von 27,7%; 44,4% davon leiden an zwei oder mehreren psychischen Störungen (Jacobi et al., 2014). Das bedeutet, dass etwa jede_r Dritte bis Vierte innerhalb von 12 Monaten die Kriterien für eine psychische Störung erfüllt.

PsyStudents ist ein Verein, der vorrangig aus Psychologie-Studierenden und Psychologen besteht. Der Verein möchte die Vernetzung von Psychologiestudierenden und -interessierten voranbringen. Unsere Hauptvernetzungsplattform sind soziale Netzwerke. Wenn wir Aktionen starten, bekommen wir über Facebook, Google und Twitter direkte Rückmeldung von einer großen Anzahl an Menschen. Alleine unsere größte Facebook-Gruppe hat über 18.000 Mitglieder.

In den letzten Tagen erreichte uns viel Feedback von Betroffenen. Dieses war überwiegend positiv. Menschen, die von psychischen Störungen betroffen sind, teilen uns immer wieder mit, dass sie darunter leiden, nicht offen über ihre Beschwerden sprechen zu können, und von dem Druck, die Therapie verheimlichen zu müssen. Das Feedback derer, die unter Stigmatisierung leiden, zeigt uns, wie wichtig so ein Projekt ist.

Die Teilnahme an dem Projekt ist völlig freiwillig und mit keinerlei extrinsischen Anreizen verbunden, die die Teilnahme unerwünscht und unkontrollierbar beeinflussen könnten. Den Teilnehmer_innen steht es frei, sich auf jede erdenkliche Weise in ihren Beiträgen zu anonymisieren, sei es während der Bildaufnahme selbst oder durch nachträgliche Bildbearbeitung. Beiträge werden von uns einzeln freigeschaltet. Dadurch haben wir eine gewisse Kontrolle darüber, was Menschen über sich mitteilen und wo wir eine Grenze überschritten sehen. Volle Namensangaben würden beispielsweise nicht veröffentlicht. Um gegenüber tumblr und gegenüber uns Anonymität zu gewährleisten, werden die Teilnehmenden gebeten, einen erfundenen Namen in das Formular einzutragen und als E-Mailadresse anonym@- psystudents.org anzugeben. Uns ist die Sensibilität der Thematik durchaus bewusst. Wir wissen, dass wir einen Spagat meistern müssen, zwischen dem Schutz der Teilnehmenden und dem Recht, eigenverantwortlich bestimmen zu dürfen, was wo veröffentlicht wird.

Natürlich können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehen, was dieses Projekt bewirken wird. Allerdings zeigen uns die Rückmeldungen und Presseberichte, dass das Thema der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen eine gesellschaftliche Relevanz besitzt. Menschen, die an dieser Aktion teilnehmen, sind keine Selbstdarsteller, es geht in erster Linie auch nicht um das individuelle ‚Outing‘. Diese Menschen möchten Teil einer Bewegung sein, einer Bewegung werden. Ein Blog ist ein Medium dafür, ein Anstoß für eine Debatte. Jede gesellschaftliche Veränderung braucht Mut, Mut sich auch gegen Widerstände zu stellen. Und es braucht Menschen, die sich mit Betroffenen solidarisieren, damit diese Gesellschaft auch denen einen Platz bietet, die nicht immer so funktionieren, wie es von ihnen erwartet wird. Wir sind bemüht, viele Menschen dazu zu bewegen, sich innerhalb dieses Projekts zu äußern und zu solidarisieren, ganz unabhängig davon, ob sie sich in Psychotherapie befinden oder nicht. Wenn sich beispielsweise alle Psychologen_innen in Deutschland an dem Projekt beteiligen würden, würde dieses Projekt eine Masse gewinnen, die den einzelnen umso anonymer und weniger angreifbar macht und deren Hauptmerkmal nicht das Befinden in einer Psychotherapie wäre, sondern einzig die Einstellung, dass Psychotherapie nichts ist, wofür man sich schämen muss.

Wir freuen uns über jeden, der mit uns daran arbeitet, dass sich die Situation für Menschen mit psychischen Erkrankungen verbessert. Denn wir glauben, hier gibt es noch eine Menge zu tun.

 

PsyStudents e.V. – Vernetzung im Studium und danach

 

Pressemitteilung als pdf gibt es hier (klick)

 

Ansprechpartner für die Presse:

Maximilian Kopp, Vorstandsvorsitzender, maximilian.kopp@psystudents.org