Psychologie interdisziplinär: R. (Soziale Arbeit & Kulturwissenschaften)

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Psychologie und …

Soziale Arbeit & Kulturwissenschaften

Praktikum

 

[highlight style=“platinum“]Es erzählt:[/highlight]

[highlight style=“platinum“]R. ist 25 Jahre alt und studiert derzeit Soziale Arbeit auf Master in Israel. Den Bachelor hat er in Psychologie abgeschlossen und studiert darüber hinaus einen Bachelor in Kulturwissenschaften im Fernstudium. Gearbeitet hat er bisher als studentischer wissenschaftlicher Mitarbeiter, als Assistent in einer Methadon-Klinik und als Tutor in der politischen Jugendbildung.[/highlight]

 

[highlight style=“platinum“]Welchen Disziplinen außer der Psychologie ordnest du dich zu? (D. h. welche Fächer studierst du bzw. in welchem Schnittbereich bist du beruflich tätig?) [/highlight]

In erster Linie sehe ich mich als Psychologe. Die anderen Disziplinen — also Soziale Arbeit und Kulturwissenschaften — habe ich immer als ergänzend dazu gesehen, wo mir das Fach der Psychologie (zu) wenig weiterhelfen konnte.

 

[highlight style=“platinum“]Was hat dich in die Interdisziplinarität geführt? (Wie bist du auf dein zweites Studienfach gestoßen, was hat dein Interesse an der Schnittstelle geweckt etc.? Welches Fach war zuerst da? Wie bist du dann auf das zweite gestoßen?) [/highlight]

Ein bisschen die Angst, mich nach dem Abitur und einer langen Reise bereits auf eine Disziplin (und in der Psychologie heißt das ja auch oft: eine Methodologie) festzulegen; ein bisschen die große Neugier an Kunst und Kultur, die ich nicht allein ins Hobby verbannen wollte; und definitiv die Sorge, mich mit Kulturwissenschaften allein zu sehr ins ökonomisch Ungewisse zu stürzen. So kam ich dazu, ein paar Module in Kulturwissenschaften an der Fernuni abzuschließen, immer, wenn mal Zeit war.

Zu dem Master in Sozialer Arbeit kam ich, weil ich ohnehin noch mal ein Jahr im Ausland leben wollte und das Programm hier sehr praxis- und anwendungsorientiert ist. Das hat mir sofort zugesagt. Fairerweise muss man sagen, dass das Fach Soziale Arbeit in Israel im Vergleich zu Deutschland stark aufgewertet und der Psychologie viel näher ist.

 

[highlight style=“platinum“]Worin siehst du große Unterschiede zwischen den Denk-, Arbeitsweisen der beiden Disziplinen?[/highlight]

Ich stelle mal Kulturwissenschaft und Psychologie gegenüber, denn diese Unterschiede sind riesig. Während in der Psychologie (nicht immer, aber doch meist) ein positivistisches Wissenschaftsverständnis vorherrscht, sind kulturwissenschaftliche Ansätze viel stärker vom konstruktivistischen und kritischen Forschungsparadigma geprägt. Bezogen auf das, was betrachtet wird, geht es dabei viel mehr um hermeneutisches Verstehen, also ein ständiges Wechselspiel aus „Verstehen“, „Nicht-Verstehen“ und dann ein erneutes (aber anderes) „Verstehen“ usw. Das schließt die Reflexion dessen ein, was ich überhaupt wissen „kann“ und wie das Formulieren von Wissen die betrachtete Realität gleichzeitig schon wieder verändert. In der Psychologie herrscht oft der Gedanke vor, die „wahren“ Mechanismen hinter der Realität freizulegen – was führt kausal zu was? Untersucht mit dem Königsweg des Experiments. Beide Ansätze fußen auf unterschiedlichen Sichtweisen darüber, was diese Welt da draußen eigentlich ist und was wir über sie wissen können.

 

[highlight style=“platinum“]Hast du den Eindruck, seit Beginn des Studiums des zweiten Fachs von der Interdisziplinarität profitiert zu haben? Inwiefern?[/highlight]

Auf jeden Fall. Sich in diesen beiden Denkweisen zu üben, ist unglaublich ertragreich und macht außerdem Spaß. Je weiter ich im Studium fortschreite, umso offensichtlicher werden mir die Bereiche, in denen sie sich ergänzen.

Beispiel Resilienz — ein Modebegriff klinischer Kontexte. Ich kann Resilienz psychologisch untersuchen – was sind verwandte Konstrukte, wie messe ich Resilienz am besten, was sind Faktoren von Resilienz etc. Aber Resilienz ist auch ein historisch gewachsener Begriff. Wer definiert eigentlich, was Resilienz ist? Wann haben wir angefangen, von Resilienz zu sprechen — gab es das schon vorher, und wir haben nur einen neuen Begriff gefunden, oder ist das ein völlig neues Konzept, eine „Erfindung“ neuerer Jahre? Was bedeutet es für die Menschen in unserer Gesellschaft, wenn wir Kriterien für Resilienz aufstellen und wie verhalten sich „unresiliente“ Menschen zu diesem Label? Das sind eben keine Fragen, die mit quantitativen Methoden beantwortet werden können. Gleichzeitig sind sie unglaublich wichtig für Pychologen.

Anderes Beispiel: Die Gesundheitspsychologie kann uns den effektivsten Weg erklären, Menschen auf ein bestimmtes Ziel oder Verhalten hin zu motivieren. Ob diese Ziele allerdings die „richtigen“ sind, darauf kann uns die Psychologie keine Antwort verschaffen. Dafür brauchen wir Ethik, sog. Praktische Philosophie. Darüber lernt man im Studium der Kulturwissenschaften viel.

 

[highlight style=“platinum“]Hast du eine Vorstellung, was du mit deiner Fächer-Kombination nach Studienabschluss machen kannst oder einen konkreten Wunsch/Plan?[/highlight]

Da bin ich jetzt mal ganz Kulturwissenschaftler. So was darfst du nicht fragen! Meine eigene Zukunftsplanung ist auch so eine hermeneutische Spirale aus Wissen und nicht-Wissen. Lass mich die Frage anders denken: Ich möchte einen Weg einschlagen, in dem ich die unterschiedlichen fachlichen Hintergründe einbringen kann. Damit fällt die 9-to-5-Vollzeitstelle in der Klinik schon mal weg. Die Universität ist ein tolles Arbeitsfeld, aber leider auch sehr prekär.

 

[highlight style=“platinum“]Würdest du ein Zwei-Fächer-Studium weiterempfehlen? Was rätst du anderen Psychologie-Studierenden, die sich ebenfalls für deine „Zweitdisziplin“ interessieren?[/highlight]

Jein. Seien wir mal ehrlich, die spannendsten Erkenntnisse kommen immer dort zu Stande, wo Menschen über den Tellerrand einer Disziplin oder eines Gedankengefüges hinaus denken. Daran sollten wir arbeiten. Ob man das jetzt durch ein Zweitstudium schafft, ist nebensächlich. Wichtig ist, sich außerhalb des eigenen Fachs weiterzubilden. Ob jemand neue Algorithmen für psychologische Forschung einbringt, weil er/sie nebenbei eigenständig Programmieren gelernt hat oder weil ein ganzes Informatikstudium dahinter steckt, ist weniger wichtig. Aber ein Zweitstudium kann dich in einer strukturierten Weise weiterbilden, daher empfehle ich es sehr.

Leute, die sich für meine Kombination interessieren, beglückwünsche ich erstmal zu diesem wundervollen Interesse! Ich habe (manchmal schmerzlich) festgestellt, dass es dafür ein gutes Zeitmanagement braucht. Aber das ist Technik, und die kann man lernen.

 

Vielen Dank für das Interview!