Psychotherapeutische Versorgung von Gehörlosen – ein kurzer Überblick

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Praktikum

Wie macht man eigentlich Psychotherapie mit Menschen mit Behinderung? Wer kann das und wie sieht die Versorgungslandschaft in Deutschland aus? In diesem Artikel soll das am Beispiel der Gehörlosen und Hörgeschädigten dargestellt und erläutert werden (der einfacheren Lesbarkeit halber wird nur noch von „Gehörlosen“ gesprochen, ebenso wird aus diesem Grund das generische Femininum verwendet, wenn allgemeine Begriffe zur Bezeichnung von Personen gleich welchen Geschlechts verwendet werden).

In Deutschland gibt es etwa 80.000 Gehörlose[1]. Im Folgenden wird der Einfachheit halber angenommen, dass die Prävalenzraten für die meisten psychischen Störungen unter Gehörlosen mindestens genauso hoch sind (wenn nicht sogar höher[2]) wie für die bundesdeutsche Gesamtbevölkerung. Das bedeutet bei einer 12-Monatsprävalenz von 27,7% für irgendeine psychische Störung[3], wie sie in der DEGS1-MH-Erhebung festgestellt werden konnten, dass innerhalb eines Jahres über 20.000 der gehörlosen Deutschen die Kriterien einer psychischen Störung erfüllen.

Psychotherapie in DGS_final

Auf taubenschlag.de wurde eine Liste mit Psychotherapeutinnen veröffentlicht[4], die Psychotherapie auch oder ausschließlich in Gebärdensprache anbieten. Das Ergebnis: 17 Psychotherapeutinnen stehen in dieser Liste, davon sind vier selbst hörbehindert. Damit kommen auf jede Psychotherapeutin etwa 1.177 Gehörlose mit einer psychischen Störung. Selbst bei einem der Gesamtbevölkerung entsprechenden Inanspruchnahme- bzw. Kontaktaufnahmeverhalten innerhalb der letzten 12 Monate von 11%[3] kämen auf jede Psychotherapeutin 130 gehörlose Patientinnen.

Würden beispielhaft alle Psychotherapeutinnen ihre gehörlosen Patientinnen in einer 25-stündigen Kurzzeittherapie ohne Urlaub behandeln, hätte jede Therapeutin eine 62,5-Stunden-Woche.

Aber genug der Rechnerei, der Punkt liegt auf der Hand: In Deutschland herrscht eine eklatante (ambulante) Unterversorgung von Gehörlosen mit psychischen Störungen. Auch in Bezug auf stationäre Behandlungen sieht es kaum besser aus. So gibt es zwei psychiatrische Kliniken mit Abteilungen für gehörlose Erwachsene (in Lengerich bei Osnabrück und in Erlangen) sowie eine für gehörlose Kinder (in Stendal). Daneben gibt es etwa 20 Personen, die psychologische Beratung und andere Therapieformen anbieten (angemerkt sei bezüglich der genannten Zahlen, dass diese Liste Mitte September 2014 aktualisiert werden soll. Es besteht also die Möglichkeit, dass sich die Situation mittlerweile etwas gebessert hat).

In einem eindrücklichen Interview[5] schildert Henriette Himmelreich ihre Erfahrungen als eine der Psychotherapeutinnen, die Psychotherapie in Gebärdensprache anbietet. Sie berichtet darin unter anderem davon, dass für Gehörlose noch mehr Barrieren auf dem Weg zu einer adäquaten psychotherapeutischen Behandlung liegen. Häufig haben beispielsweise Hausärzte Schwierigkeiten damit, die Beschwerden und Leiden der Gehörlosen richtig zu erkennen, zu verstehen und ihnen passende Angebote zu empfehlen, aber auch in psychiatrischen Kliniken herrscht häufig Ratlosigkeit im Umgang mit gehörlosen Patientinnen, sodass diese oft nicht angemessen behandelt werden. Darüber hinaus seien überdurchschnittlich viele Gehörlose traumatisiert, oftmals aufgrund ihrer Ertaubung oder wegen des familiären Klimas und der (Heim-)Erziehung während der Kindheit, in der sich Gehörlose häufig ausgeschlossen fühlen.

Da Gehörlose in aller Regel keine (schwerwiegenden) kognitiven Defizite haben, unterscheidet sich die Psychotherapie in diesem Falle inhaltlich vom Vorgehen nicht von der gesprochenen Psychotherapie. Allerdings wird Psychotherapie für Gehörlose nicht zusätzlich unterstützt (beispielsweise bezüglich des zusätzlichen Zeitaufwandes), was auch für die Ausbildung gilt: Psychotherapie in Gebärdensprache bzw. die „Gebärdensprache [für die Psychotherapie] zu lernen ist Privatvergnügen“ (S. 61). Allerdings wird man sich nie Sorgen um einen Mangel an Patientinnen machen müssen – muss man allerdings bei der aktuellen psychotherapeutischen Versorgungssituation ohnehin nicht.

Wer sich für die Gebärdensprache interessiert oder diese bereits beherrscht, sollte sich also fragen, ob das nicht etwas für die zukünftige Karriere wäre. Der Bedarf ist vorhanden und es gibt bestimmt viele Personen, die euch für ein mögliches Engagement sehr dankbar sein werden.

Wer sich für das Thema interessiert, der sei außerdem auf das „Fachgebärdenlexikon Psychologie“ des Instituts für Deutsche Gebärdensprache (DGS) und Kommunikation Gehörloser an der Universität Hamburg hingewiesen: entweder online unter http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/psychlex.html oder als Buch: Arbeitsgruppe Fachgebärdenlexika (Hg.). 1996: Fachgebärdenlexikon Psychologie. 2 Bde. Hamburg: Signum. Daraus stammt auch das Bildmaterial für die Grafik des Beitrags.

Quellen:

[1] http://www.gehoerlosen-bund.de/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=38&Itemid=101&lang=de

[2] Fellinger, J., Holzinger, D., & Pollard, R. (2012). Mental health of deaf people. The Lancet, 379(9820), 1037-1044.

[3] Jacobi, F., Höfler, M., Strehle, J., Mack, S., Gerschler, A., Scholl, L., … & Wittchen, H. U. (2014). Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Der Nervenarzt, 85(1), 77-87.

[4] http://www.taubenschlag.de/cms_pics/ListePTundPSfuerGl.pdf (zuletzt aktualisiert im Januar 2013)

[5] http://www.mabuse-verlag.de/Downloads/1511/172_Himmelreich.pdf

Dieser Gast-Artikel stammt aus dem „Psycho-Path – Die Zeitung für Psychologie-Studierende“ (Ausgabe 27, S. 19-20, Dez. 2014; Autor: Julius Steding)

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Master-Student der 'Klinischen Psychologie und Psychotherapie' an der TU Dresden und besonders (forschungs)interessiert an der Klinischen Psychologie und den Neurowissenschaften, aber stets für alles zu haben :-)