Psychotherapie und Verbeamtung / Approbation

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Matthias Preisinger / pixelio.de
Praktikum

“Kann eine Psychotherapie, bei der ich selbst PatientIn war, eine spätere Verbeamtung oder Approbation gefährden?” Diese bange Frage geistert durch so manche Köpfe und auch Internet-Foren — manche PsychotherapeutInnen schließen es auch in ihre Aufklärung über die Risiken der Aufnahme einer Psychotherapie ein.

Die Wahrheit ist: Vor einigen Jahrzehnten hätte die Antwort unter Umständen durchaus noch “ja” gelautet. Heute? Eher nicht mehr. Während es tatsächlich schwerer oder zumindest teurer wird, eine Berufsunfähigkeitsversicherung oder eine Lebensversicherung abzuschließen, wenn in den letzten fünf Jahren — mehr muss in aller Regel nicht offen gelegt werden — eine Psychotherapie oder psychiatrische Behandlung in Anspruch genommen wurde, ist dies bei einer Verbeamtung oder Approbation ein zu vernachlässigendes Problem.

Psychotherapie und spätere Approbation

Tim Reckmann / pixelio.de
Tim Reckmann / pixelio.de

Schauen wir uns zunächst den Fall der Abbrobation an. Nach bestandener heilkundlicher Ausbildung stellt man einen formalen Antrag an das zuständige Bezirksamt. Zu diesem Antrag sind verschiedene Unterlagen einzureichen, zum Beispiel Geburtsurkunde, Studienzeugnis, Zeugnis der Approbationsprüfung, ein aktuelles amtliches Führungszeugnis und: eine ärztliche Bescheinigung. Diese ärztliche Bescheinigung muss folgende oder eine ähnliche Formulierung enthalten: “Nach eingehender gesundheitlicher Untersuchung liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass <Name des Antragstellers> in gesundheitlicher Hinsicht zur Ausübung des Berufes der/s Psychologischen Psychotherapeutin/en / Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin/en ungeeignet ist.” — Und damit hat es sich erst einmal. Wenn man eineN MedizinerIn findet, der/die das unterschreibt, und im Führungszeugnis nichts von Drogendelikten, einstweiligen Verfügungen wegen Stalkings oder ähnlichen Verfehlungen steht, sollte nichts gegen eine Approbation sprechen. Natürlich ist die Erteilung der Approbation auch kein Freischein für die Ewigkeit, sie kann auch wieder entzogen werden, wenn Zweifel an der Eignung aufkommen. Wer jdoch die Berufsordnungen und natürlich die Landes- und Bundesgesetze befolgt, dem/der kann nicht mehr allzu viel passieren.

Psychotherapie und spätere Verbeamtung

Matthias Preisinger / pixelio.de
Matthias Preisinger / pixelio.de

Bei der Verbeamtung ist die Rechtslage und auch das Prozedere ein bisschen komplexer. Denn hier ist der Staat nicht nur Aufsichtsbehörde sondern auch Arbeitgeber — und wie jeder Arbeitgeber möchte auch der Staat, dass seine Angestellten nicht nur gut arbeiten, sondern auch möglichst selten krank sind und arbeitsfähig bleiben. Und da psychische Diagnosen in der westlichen Welt immer häufiger der Grund für einen vorzeitigen Ruhestand werden, wird der Staat bei der Verbeamtung in der Tat hellhörig, wenn bereits eine psychische Störung diagnostiziert wurde. Wer jetzt aber deswegen die Psychotherapie auf die Zeit nach der Verbeamtung verschiebt oder ganz sein lässt, ist leider nicht auf der sicheren Seite. Vielmehr gilt: Wer an einer psychischen Störung leidet, die die Arbeitsfähigkeit potentiell gefährdet, sollte alles Menschenmögliche tun, um gesund zu werden, auch eine Psychotherapie in Anspruch nehmen.

Dies lässt sich in der Begründung eines Urteils des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vom November 2010 nachlesen. Ein Wirtschaftsrechtler hatte Anklage erhoben, weil er wegen der Diagnose einer sozialen Phobie als Finanzanwärter beim Finanzamt abgelehnt worden war. Das Oberverwaltungsgericht lehnte seine Klage auf Einstellung ab, mit folgender Begründung:

“Aus [den Bescheinigungen des Privatarztes] sei herzuleiten, dass die — behandlungsbedürftige — Entwicklung von Ängsten mit sozial-phobischem Verhalten beim Antragsteller ca. sechs Jahre zurückliege und im Zusammenhang mit der dargestellten Verabreichung des Medikaments Sertralin die Aussage gerechtfertigt sei, dass der Antragsteller seit mindestens sechs Jahren psychisch erkrankt sei. Ausgehend von den Bescheinigungen sei ein Heilungserfolg nicht anzunehmen. Die privatärztliche Bescheinigung vom 13. Juli 2010 gehe lediglich von einer Symptomfreiheit aus. Auch wenn insoweit die weitere Prognose als günstig eingestuft werde, sei festzustellen, dass insgesamt — nur — das psychische Befinden stabilisiert worden sei, weil familiäre Konflikte entaktualisiert worden seien. Gerade diese Darstellung spreche gegen die gesundheitliche Eignung, denn weder eine Reaktualisierung familiärer noch das Auftreten anderer beruflicher oder privater Konfliktsituationen mit entsprechenden destabilisierenden Folgen für das psychische Befinden könnten ausgeschlossen werden.”

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Lupo / pixelio.de

Das Gericht war also der Meinung, der Antragsteller sei darum gesundheitlich nicht geeignet, weil seine Symptomfreiheit nicht auf eine gelungene Therapie sondern lediglich auf günstige äußere Zustände zurückzuführen sei. Es wurde befürchtet, dass der Antragsteller jederzeit rückfällig werden könnte, wenn erneute soziale Konflikte aufträten. Außerdem habe sich “nur” die Befindlichkeit des Antragstellers verbessert, nicht sein eventuell auffälliges Verhalten. Es folgt ein für dieses Thema sehr wichtiger Satz:

“Hinzuweisen sei in diesem Zusammenhang auch darauf, dass sich der Antragsteller keiner Verhaltenstherapie unterzogen, sonder lediglich verhaltenstherapeutische Gespräche geführt habe. Unter diesen Umständen habe der Antragsteller seine gesundheitliche Eignung nicht glaubhaft machen können.”

Merke: Der Antragsteller hätte bessere Chancen in diesem Gerichtsprozess gehabt, wenn er sich einer indizierten Psychotherapie unterzogen hätte! Die Antragsgegnerin legte jedoch zur Unterfütterung ihrer Einschätzung drei Aussagen von Mitarbeitern des Antragstellers vor, die Verhaltensauffälligkeiten des Antragstellers zu Protokoll gaben. Aufgrund dessen und aufgrund von Formalitäten wurde der Antrag auf Einstellung schließlich abgelehnt.

Das Fazit zum Thema Psychotherapie und Verbeamtung hat der Amtsrat Rainer Veith in seiner Antwort auf die Anfrage der Leiterin eines Ausbildungsinstituts dazu kurz und knapp zusammengefasst:

“[D]ie Tatsache, dass jemand ambulant oder stationär psychotherapeutisch behandelt wurde, ist für sich genommen kein Hindernis für eine Übernahme in den Vorbereitungsdienst oder eine spätere Übernahme in ein Beamtenverhältnis auf Lebenszeit. Bei der Einstellung ist die gesundheitliche Eignung durch einen zu beauftragenden Amtsarzt zu untersuchen und zu bewerten. […] Wichtig ist, dass jede Prüfung als Einzelfallentscheidung erfolgt. Pauschale Aussagen über Einstellungsaussichten bei bestimmten Krankheitsbildern sind nicht angezeigt.”

lichtkunst.73 / pixelio.de
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 Links

Urteils des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vom November 2010 (abgelehnte Einstellung als Finanzanwärter unter Berufung in das Beamtenverhältnis auf Widerruf wegen mangelnder gesundheitlicher Eignung)

Email-Antwort des Amtsrats Rainer Veith auf die Anfrage der Leiterin eines Ausbildungsinstituts