PsyNews Juli ’15

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Praktikum

Auch im Juli geht die psychologische Forschung nicht in die Sommerpause. Spannende und auch etwas kuriose Befunde, von Altruismus über zahnärztlich induzierte Amnesie bis zur Klassifizierung von Betrunkenen, haben wir wieder für euch zusammengetragen. Viel Spaß beim Lesen!

Navigable Networks as Nash Equilibria of Navigation Games (Gulyás et al.)

Die Anwendung von Netzwerktheorien in der kognitiven und neurowissenschaftlichen Forschung erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Als Nebeneffekt der methodischen Erweiterung werden immer neue Journals zu potenziellen Informations- und Inspirationsquellen für PsychologInnen und KognitionswissenschaftlerInnen. So auch im Juli das Nature Subjournal „Nature Communications“.

Darin betrachtete die Forschungsgruppe um den Physiker Dmitri Krioukov die Netzwerkeigenschaften des menschlichen Hirn. Grundlage dafür war ein simuliertes Netzwerk auf Grundlage der Arbeiten des Nobelpreisträgers John Nash, in welchem der Informationstransport optimiert wurde. Dieses Netzwerk wurde mit Netzwerkanalysen des menschlichen Hirn verglichen. Erstaunlicherweise konnten ca. 89% der Verbindungen des idealen Netzwerks auch im realen Hirn entdeckt werden.

Es ist wahrscheinlich, dass diese Verbindungen notwendig sind für ein optimales Funktionieren mentaler Funktionen. Weiter entwickelt könnte diese Herangehensweise wichtige Grundlagen zur Diagnose und Behandlung mentaler Ausnahmezustände schaffen. So könnten exakte Stellen gefunden werden, welche mit Medikamenten angesteuert werden.

Gulyás, A., Bíró, J. J., Kőrösi, A., Rétvári, G. & Krioukov, D.(2015). Navigable Networks as Nash Equilibria of Navigation Games. Nature Communications 6, Article number: 7651.

DOI: 10.1038/ncomms8651

Verfügbar unter:  http://www.nature.com/ncomms/2015/150703/ncomms8651/full/ncomms8651.html

 

Everyday Memory Deficits Associated with Anabolic-Androgenic Steroid Use in regular Gymnasium Users (Heffernan et al.)

Steroide sind eine häufig genutzte Ergänzung von Sportlern zur Förderung der Muskelbildung. Körperliche Nebenwirkungen wie Bluthochdruck oder auch Nierenprobleme sind bekannt und gut untersucht, aber der Einfluss auf kognitive Kenngrößen wurde bisher weniger stark beachtet.

Untersucht wurden 95 männliche Subjekte im Alter von 18 bis 35, welche regemäßig Fitnessstudios besuchten. Die Hälfte der Gruppe nutzte regelmäßig Steroide, die andere nicht.

In der Gruppe der Steroidnutzern wurden im Vergleich zur Gruppe der Nicht-Nutzer Defizite der Gedächtnisfunktionen (retro- und prospektiv) sowie bei exekutiven Funktionen festgestellt. Untersucht wurden speziell alltägliche Aufgaben, wie das Abrufen von Fakten oder das Versagen beim Erinnern an die Einnahme von Medikamenten.

Aufgrund des Querschnittsdesigns sind Aussagen zur Kausalität mit Vorsicht zu genießen und weitere Forschung wird in Aussicht gestellt.

Heffernan, T. M., Battersby, L., Bishop, B., & O’Neill, T. S.(2015). Everyday Memory Deficits Associated with Anabolic-Androgenic Steroid Use in Regular Gymnasium User, The Open Psychiatry Journal, 2015, 9, 1-6.

Quelle: http://benthamopen.com/contents/pdf/TOPJ/TOPJ-9-1.pdf

 

The neural network associated with lexical-semantic knowledge about social groups (Piretti et al.)

In der Neuropsychologie wird angenommen, dass Wissen im Hirn in zwei disjunkten Kategorien repräsentiert wird: belebt und unbelebt. In letzter Zeit wurde ergänzend dazu das Wissen um soziale Gruppen als dritte Basiskategorie vorgeschlagen. Weitere Unterstützung findet diese Hypothese nun in einer italienischen Studie.

Darin wurden Probanden mit Hirnläsionen aufgrund von Tumoren untersucht. Heraus kam, dass Probanden, die Probleme hatten, soziale Gruppen zu benennen, tendenziell Läsionen in Bereichen aufweisen, welche mit der Emotionsverarbeitung zusammenhängen. Dies ist bei den anderen Kategorien nicht der Fall. Emotionen und soziale Beziehungen sind dabei an verschiedenen Stellen verknüpft. Dies ist einmal die Amygdala, welche mit sozialer Evaluation und Wahrnehmung sowie rassistischen Vorurteilen verknüpft wird, wie auch die Insula, welche bei der Repräsentation sozialer Gruppen und Empathie verbunden ist.

Piretti, L., Carnaghi, A., Campanella, F., Ambron,  E., Skrap, M., Rumiati, R. I. (2015) The neural network associated with lexical-semantic knowledge about social groups. Cortex, 2015.

DOI: 10.1016/j.cortex.2015.06.024

 

A Neurocomputational Model of Altruistic Choice and Its Implications (Hutcherson et al.)

Ein computationales Modell altruistischen Handelns wurde am California Institute of Technology, besser bekannt als CalTech, entwickelt. Erklärt wird darin der Vorgang altruistischen Handelns als Funktion von Trait (Großzügigkeit / Egosimus) und Kontext. Demzufolge handeln Menschen nicht altruistisch als Folge von ausgeübter Selbstkontrolle, sondern aufgrund der Gewichtung fremder und eigener Interessen. Werden fremde Interessen stärker gewichtet, ist es leichter, altruistisch zu handeln. 

Das Model basiert auf Hirnscans von 51 männlichen Subjekten, welche die Hirnaktivität während des sogenannten „Diktatorspiels“ aufnahmen. Dabei sollten die Teilnehmer 180x entscheiden, ob sie etwas von ihrem Geld abgeben wollten, damit ihr unbekannter Spielpartner ein Vielfaches davon gewinnt. Die Hirnscans weisen darauf hin, dass verschiedene Areale eigene (ventrales Striatum) und fremde (temporoparietale Kreuzung) Interessen gewichten. Auch für altruistische Handlungen ansonsten egoistischer Personen liefern die Forscher eine Erklärung: Sie sind Fehlkalkulationen, bei denen der Wert für die Person zu niedrig gewichtet wird.

Hutcherson, C. A., Bushong, B., & Rangel, A.(2015). A Neurocomputational Model of Altruistic Choice and Its Implications. Neuron, 87 (2): 451.

DOI: 10.1016/j.neuron.2015.06.031

 

Profound anterograde amnesia following routine anesthetic and dental procedure: a new classification of amnesia characterized by intermediate-to-late-stage consolidation failure? (Burgess et al.)

Ein kurioser Fall ist den Psychologen der University of Leicester (GB) untergekommen. Nach einer Wurzelbehandlung mit Verwendung eines lokalen Anästhetikums leidet ein sonst offensichtlich gesunder 38-jähriger Mann unter einer außergewöhnlichen Form von Amnesie: Er kann seit einem Jahrzehnt Informationen nach maximal 90 Minuten abrufen. Zudem wacht er jeden Tag mit der Gewissheit auf, dass dies der Tag seines Zahnarzttermins sei. Persönlichkeitsveränderungen sind nicht auffällig geworden und seine Identität ist ihm bekannt. Die Auslöser dieses Zustands sind im Moment unbekannt, der Einfluss der Wurzelbehandlung oder des Betäubungsmittels bisher unklar. Die Forscher sind auf der Suche nach weiterer professioneller Unterstützung bei der Analyse dieses Falles und auf der Suche nach weiteren Hinweisen und Fallanalysen.

Ansprechpartner ist dabei Dr. Gerald Burgess unter gb222@le.ac.uk

Burgess, G. H., & Chadalavada, B.(2015). Profound anterograde amnesia following routine anesthetic and dental procedure: a new classification of amnesia characterized by intermediate-to-late-stage consolidation failure?, Neurocase.

DOI: 10.1080/1355474.2015.1046885

 

Rapid Antidepressant Action and Restoration of Excitatory Synaptic Strength After Chronic Stress by Negative Modulators of Alpha5-Containing GABAA Receptor (Fischell et al.)

Im Moment stellen SSRIs die Standardtherapie für Depressionen dar, sind dabei allerdings nur bei ca. der Hälfte der Patienten effektiv wirksam und benötigen mehrere Wochen bis zur ersten Symptomlinderung. Ketamin wirkt schnell, hat aber einge zu berücksichtigende Nebenwirkungen.

In dieser Studie wurde eine neue Alternative betrachtet. Im Tierversuch mit Ratten wurde diesen eine spezielle Variante der GABA versetzt, nämlich die a5-selektive L-655,708. Angewendet bei Subjekten in verschiedenen chronischen Stress induzierenden Szenarien zeigte sich eine Verbesserung hedonischen und Sozialverhaltens. Bei Subjekten der Kontrollgruppe konnte keine Wirkung festgestellt werden.

Auch konnte beobachtet werden, dass innerhalb von 24 Stunden die pathologische Einschränkung in der Erregungsleitung spezifischer, stress-sensitiver Synapsen in kortikalen und limbischen Bereichen vermindert wurde. Wirkungsstudien bei Menschen bleiben abzuwarten.

Fischell, J., van Dyke, A. M., Kvarta, M. D., LeGates, T. A., Thompson, S. M. (2015): Rapid Antidepressant Action and Restoration of Excitatory Synaptic Strength After Chronic Stress by Negative Modulators of Alpha5-Containing GABAA Receptors. Neuropsychopharmacology.

DOI: 10.1038/npp.2015.112

Melodic sound enhances visual awareness of congruent musical notes, but only if you can read music (Lee et al.)

Die koreanisch-amerikanische Forschergruppe um Minyoung Lee untersuchte die Beeinflussbarkeit der Aufmerksamkeit visuellen Stimuli gegenüber bei sog. “binocular rivalry”. Dabei erhält jedes Auge einen jeweils anderen Input. Im vorliegenden Fall präsentierten die Forscher Musiknoten zum einen, Gittermuster zum anderen. Es konnte gezeigt werden, dass im Falle von kongruenter vs. inkongruenter oder keiner auditorischer Musikeinspielung die visuelle Aufmerksamkeit zugunsten des Notentextes erhöht war. Dieser Befund ergab sich nur bei Probanden, welche Noten lesen konnten. Mögliche Interpretationen als Hinweis auf eine abstrakte, multimodale Verarbeitung werden diskutiert.

 

Lee, M., Blake, R., Kim, S., & Kim, C.-Y. (2015). Melodic sound enhances visual awareness of congruent musical notes, but only if you can read music. Porceedings of the National Academy of Science, 112(27), 8493-8498.

DOI: 10.1073/pnas.1509529112

 

Searching for Mr Hyde: A five-factor approach to characterising “types of drunks” (Winograd et al.)

In einer längst für die psychologische Landschaft überfälligen Studie wurden aus hunderten Probandenberichten über deren Persönlichkeitsmerkmale (bestimmt über FFM) in nüchternem und intoxikiertem Zustand verschiedene Cluster gebildet, in welche man Betrunkene klassifizieren kann. Es ergaben sich demnach vier Gruppen: “Hemingway” (unterdurchschnittliche Abnahme von kognitiver und intellektueller Leistung bei Trunkenheit), “Mary Poppins” (hohe Verträglichkeit in nüchternem Zustand und unterdurchschnittliche Abnahme derselben bei Alkohol), “Mr. Hyde” (starke Abnahme von Verantwortungsgefühl, Verträglichkeit und Intellekt wenn betrunken) sowie “Nutty Professor” (starke Zunahme an Extraversion wenn betrunken im Vergleich zu nüchtern). Mögliche klinische Anwendungen des Konzepts werden diskutiert.

 

Winograd, R.P., Steinley, D., & Sher, K. (2015). Searching for Mr Hyde: A five-factor approach to characterising “types of drunks”, Addiction Theory and Research, Early Online: 1-8.

DOI: 10.3109/16066359.2015.1029920

 

Do Sex and Violence Sell? A Meta-Analytic Review of the Effects of Sexual and Violent Media and Ad Content on Memory, Attitudes, and Buying Intentions (Lull et Bushman)

Sex sells! gilt als geradezu apodiktische Aussage im Marketing. Die Wirkung von Sex and Violence im Kontext der Werbung haben nun Lull und Bushman in einer großen Metaanalyse untersucht, in welcher sie zu überraschenden Ergebnissen kommen. Demnach wirkt sich das Einbetten von Markenwerbung in gewalthaltige Medien oder Programme negativ auf die Einstellungen, die Kaufabsicht und das Gedächtnis im Bezug auf die Marke aus. Marken, welche sich sexueller Medien bedienten, wurden zudem auch negativ bewertet. Die Befunde werden durch evolutionäre Überlegungen zu erklären versucht, wonach high arousal stimuli wie Sex oder Gewalt die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Marke an sich nicht präsent machen, sondern gar die entgegengesetzte Wirkung haben können.

 

Lull,R.B. and Bushman B.J. (2015). Do Sex and Violence Sell? A Meta-Analytic Review of the Effects of Sexual and Violent Media and Ad Content on Memory, Attitudes, and Buying Intentions. Psychological Bulletin, Advance Online Publication.

 

DOI: http://dx.doi.org/10.1037/bul0000018

 

I’m still socially anxious online: Offline relationship impairment characterizing social anxiety manifests and is accurately perceived in online social networking profiles (Weidman et Levinson)

Soziale Ängstlichkeit auch auf Facebook? Anhand von Indikatoren wie geringe Freundesanzahl, dem Beziehungsstatus oder der Regelmäßigkeit neuer Status-Updates konnte gezeigt werden, dass sich Muster und Merkmale sozialer Ängstlichkeit auch virtuell manifestieren können. Die Forscher ließen darüber hinaus Profile durch Dritte bewerten. Hierbei wurde deutlich, dass andere User die soziale Ängstlichkeit der betreffenden Person zuverlässig aufgrund ihres Facebook-Profils voraussagen können.  Die Diskussion beschäftigt sich mit möglichen Verwendung im Bereich des Screenings und der Online-Diagnostik.

Weidman, A.C. & Levinson, C.A. (2015). I’m still socially anxious online: Offline relationship impairment characterizing social anxiety manifests and is accurately perceived in online social networking profiles, Computers in Human Behavior, 49, 12-19.

DOI: 10.1016/j.chb.2014.12.045

 

Individual olfactory perception reveals meaningful nonolfactory genetic information (Secundo et al.)

Wir riechen alle anders, sowohl aktiv als auch passiv. Erstere Tatsache machte sich eine israelische Forschergruppe zunutze, um durch ein Set mit einer bestimmten Anzahl von Gerüchen und Beschreibungsattributen einen “olfaktorischen Fingerabdruck” zu erstellen. Aufbauend auf der zugrundeliegenden Verknüpfung des olfaktorischen Systems mit dem Immunsystem konnten Zusammenhänge zwischen Geruchswahrnehmung und Aspekten des HLA (Human Leukocyte Antigene, Haupthistokompatibilitätskomplex) nachweisen.

 

Secundo, L., Snitz, K., Weissler, K., Pinchover, L., Shoenfeld, Y., Loewenthal, R., Agmon-Levin, N., Frumin, I., Bar-Zvi, D., Shushan, S., & Sobe, N. (2015). Individual olfactory perception reveals meaningful nonolfactory genetic information, Proceedings of the National Academy of Science, 122(18), 8750-8755.