PsyNews Juni ’15

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Praktikum

Auch im vergangenen Monat wurden in der Welt der psychologischen Forschung wieder faszinierende Befunde publiziert. Von Selbstkontrolle über Verhaltenstherapie zu SSRIs, das Interessanteste haben wir für euch zusammengestellt! Viel Spaß beim Lesen!

Speakers of different languages process the visual world differently (Chabal et Marian)

Die Beziehungen zwischen Sprache und unserer Wahrnehmung werden durch ein neues Experiment zur visuellen Verarbeitung erhellt: Mit zwei unterschiedlichen Sprachgruppen (Englisch sowie Spanisch) konnte gezeigt werden, dass sich Sprache auf die visuelle Wahrnehmung von Objekten auswirkt, selbst wenn jene keinerlei Rolle in der Aufgabe spielt. Versuchspersonen schauten bei einer visuellen Suchaufgabe vermehrt auf Gegenstände, die dem Ziel phonologisch ähnlich waren. Zusammen mit einem entsprechenden Interaktionseffekt bei bilingualen Sprechern wird eine essentielle Aktivierung von sprachlichen Benennungen selbst bei rein visueller Wahrnehmung vorgeschlagen.

 

Chabal, S. and Marian, V. (2015). Speakers of different languages process the visual world differently. Journal of Experimental Psychology: General, 144 (3), 539-550.

DOI: http://dx.doi.org/10.1037/xge0000075

 

Childhood Self-Control and Unemployment throughout the lifespan: Evidence from two British cohort studies (Daly et al.)

Wer kennt nicht die berühmten Marshmallow-Experimente, welche die dort an den Tag gelegte Selbstkontrolle in Zusammenhang mit allen möglichen Variablen eines “erfolgreichen” Lebens bringen? Zwei groß angelegte Langzeitstudien stellen nun einen Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle und Arbeitslosigkeit her: Demnach haben Erwachsene zu verschiedenen Zeitpunkten durchschnittlich mehr Jahre als Arbeitslose verbracht, wenn sie als Zehnjährige in die Gruppe derer mit geringer Selbstkontrolle eingestuft wurden. Am stärksten ausgeprägt ist der Effekt in den Zwanzigern eines Individuums sowie in Zeiten der Rezession, wie dies anhand von Daten aus den 80ern gezeigt werden konnte.

Daly, M., Delaney, L., Egan, M., and Baumeister, R.F. (2015). Childhood Self-Control and Unemployment throughout the Lifespan: Evidence from Two British Cohort Studies. Psychological Science, 26(6), 709-723.

DOI: 10.1177/0956797615569001

 

A natural experiment of the consequences of concentrating former prisoners in the same neighbourhoods (Kirk 2015)

Nach Hurrikan Katrina im Jahr 2005 erfuhr die Region New Orleans eine größere Fluktuation ihrer Bevölkerung, in Zuge derer viele Gebiete durch Umzüge restrukturiert wurden. Auf Ebene ehemaliger Gefängnisinsassen gestaltete sich die Situation so: Zogen nach ihrer Gefängnisstrafe noch 50% vor Katrina wieder in die Metropolitain Area New Orleans, so waren es danach nur noch 20%. Diese “natürliche” Manipulation machte sich Kirk zunutze, um den Einfluss von zugezogenen Häftlingen auf die Rückfallwahrscheinlichkeit in bestimmten Gebieten zu bestimmen. Hierbei zeigte sich, dass pro zusätzlichem Ex-Sträfling auf 1,000 Einwohner die jeweilige Rückfallrate um 11% ansteigt. Diese Ergebnisse sind besonders interessant, da zum ersten Mal in größerem Rahmen eine derartige “Manipulation” verschiedener Populationen durchgeführt werden konnte.

 

Kirk, D.S. (2015). A natural experiment of the consequences of concentrating former prisoners in the same neighbourhoods. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(22), 6943-6948.

DOI: www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1501987112

 

‚I Once Stared at Myself in the Mirror for Eleven Hours.‘ Exploring mirror gazing in participants with body dysmorphic disorder (Silver et Farrants)

Personen mit body dysmorphic disorder bzw. Dysmorphophobie leiden an einer krankhaft intensiven Beschäftigung oder Besorgnis im Hinblick auf bestimmte Körperteile oder Bereiche an ihnen. Oft steht dies in Verbindung mit langem Starren in den Spiegel, in dem krankhaft veränderte Gliedmaßen oder ein deformierter eigener Körper wahrgenommen werden. In diesem Zusammenhang haben nun Forscher der City University of London die Einstellung von zehn BDD Patienten zu Spiegeln untersucht. Hierbei ergeben sich interessante Einblicke durch Fallanalysen, wie Patienten sich selbst wahrnehmen und mit dem Spiegel in teils paradoxen und fixierten Weisen interagieren.

 

Silver, J. and Farrants, J. (2015). ‚I Once Stared at Myself in the Mirror for Eleven Hours.‘ Exploring mirror gazing in participants with body dysmorphic disorder. Journal of Health Psychology.

DOI: 10.1177/1359105315581516

 

The Effects of Cognitive Behavioral Therapy as an Anti-Depressive Treatment is Falling: A Meta-Analysis (Johnsen et Friborg)

CBT, der Goldstandard der Psychotherapie – zumindest im Bezug auf unipolare Depression! Diesem Diktum jahrzehntelanger Forschung wurde nun durch eine neue Meta-Analyse, die vorab online im renommierten Psychological Bulletin publiziert wurde, eine bedeutende Einschränkung entgegengestellt. Denn die Wirksamkeit der Therapieform (für unipolare Depression) scheint nach Analyse von 70 repräsentativen Studien der letzten 40 Jahre kontinuierlich abzunehmen. Dies wird sowohl auf Ebene der self-reports von Patienten als auch durch klinische Beurteilung berichtet. Wodurch diese deutliche Abnahme bedingt sein könnte ist nun die große Frage, welche sich die Fachwelt wird stellen müssen. Die beiden Studienautoren spekulieren, dass das positive Image der CBT durch neuere Forschung der letzten Jahre auch in der Öffentlichkeit zu bröckeln begonnen habe, und Patienten sich dementsprechend auf eine niedrigere Wirksamkeit einstellten.

 

Johnsen, T. and Friborg, O. (2015). The Effects of Cognitive Behavioral Therapy as an Anti-Depressive Treatment is Falling: A Meta-Analysis. Psychological Bulletin, Advance Online Publication.

DOI: 10.1037/bul0000015

 

Adaptation to sensory input tunes visual cortex to criticality (Shew et al.)

Das Gehirn – Der Sandhaufen im Kopf. Ein erfolgversprechendes Modell beschreibt die visuelle Verarbeitung im Hirn dem Aufhäufen eines Sandhaufens, bei dem viele kleine Lawinen den Haufen stabil halten. Im Hirn soll dies gleichsam durch elektrische Aktivität erfolgen, welche das Hirn auf dem sog. critical point halten, bei dem die Informationsverarbeitung optimal funktioniert. Das Konzept der spontanen elektrischen Aktivierung wurde bisher oft beobachtet, allerdings nicht an aktivem Gewebe. Untersucht wurde daher bei diesem Experiment der Einfluss visueller Stimuli und deren Verarbeitung auf komplexe neuronale Verhaltensweisen. Beobachtet wurde tatsächlich ein Einfluss der Stimuli, unter welchem sich die elektrische Struktur vom optimalen critical point entfernte, doch unabhängig wie stark dieser Einfluss war, konnte sich das neuronale Netz stets an den Input anpassen und zum critical point zurückregulieren. Dies ist ein weiterer Nachweis der Adaptationsfähigkeit des menschlichen Hirns. Potenzielle Anwendungsfelder sind die Nutzung als Biomarker für Krankheiten oder Störungen.

 

Shew, W., Clawson, W., Pobst, W.,Karimipanah, Y.,  Wright, N. and Wessel, R. (2015). Adaptation to sensory input tunes visual cortex to criticality. Nature Physics, 2015; DOI: 10.1038/nphys3370

 

Threat of Death and Autobiographical Memory: A Study of Passengers From Flight AT236 (McKinnon et al.)

Wie Traumata das Gedächtnis beeinflussen, das haben McKinnon et al. genauer betrachtet. Dazu wurden Angehörige eines Beinahe-Flugzeugabsturz von Flug AT236 in 2001, also sämtlich Überlebende eines Traumas, in zwei Schritten beobachtet. 2014 wurde die Qualität der Erinnerungen verschiedener Situationen in einem Fragebogen erfasst, 2015 dann diese Situationen den Probanden im MRT-Scanner erneut dargestellt und die neurale Aktivität betrachtet. Nicht nur wurde das Ereignis sehr aktiv und detailliert erinnert, was sich in einer hohen Aktivität von Amygdala, Hippocampus sowie frontalen und posterioren Regionen niederschlug, auch Erinnerungen an die Terroranschläge von 9/11, welche wenige Wochen danach stattfanden, wurden signifikant stärker erinnert. Dies geschah unabhängig davon, ob die Probanden unter einer PTBS litten oder nicht. Dies lässt einige Rückschlüsse auf involvierte Mechanismen bei der Verarbeitung und den Auswirkungen von Traumata auf Gedächtnis und Informationsverarbeitung zu.

 

McKinnon, M.C., Palombo, D.J., Nazarov, A., Kumar, N., Khuu, W., and Levine, B. (2014). Threat of Death and Autobiographical Memory: A Study of Passengers From Flight AT236. Clinical Psychological Science, 2014; DOI: 10.1177/2167702614542280

 

Group discussion imroves lie detection (Klein et Epley)

Lie to me – Zucken der Mundwinkel, Schwitzen, oder doch eine falsche Augenbewegung? Befunde aus der Rechtspsychologie haben nachweisliche gezeigt, dass solche physiologischen Marker keinerlei verlässlichen Aussagewert im Bezug auf Lügendetektion haben. Verschiedene kognitive Ansätze wurden verfolgt, um die Wahrscheinlichkeit, gelogene Aussagen als solche zu identifizieren, zu erhöhen. Eine neue Richtung schlagen nun Klein und Epley ein, die durch vier Experimente zur Schlussfolgerung kommen, dass Gruppen durch gemeinsame Diskussion mit höherer Genauigkeit als Einzelpersonen feststellen können, wann eine Person lügt. Dies lasse sich nicht auf einen simplen wisdom-of-crowds-Effekts zurückführen und sei effizienter als durch komplexe Techniken das Urteilsvermögen nur einer Person zu erhöhen.

 

Klein, N. and Epley, N. (2015). Group discussion improves lie detection. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(24), 7460-7465.

DOI: www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1504048112

 

Brief exposure to aversive stimuli impairs visual selective attention (Paczynski et al.)

Dass Stress kognitive Leistung beeinträchtigt, darf als gesicherter Befund in der Allgemeinen Psychologie gelten. Weniger ist über die genauen Wirkmechanismen von Stress auf der Ebene visueller Wahrnehmung bekannt. In einem Experiment induzierten nun Forscher durch IAPS-Bilder eine akute, geringfügige Stressreaktion, und ließen Versuchspersonen eine visuelle Diskriminationsaufgabe durchführen. Die Antizipation eines aversiven Reizes in der Kontrollgruppe ging mit einer Erhöhung der N170 Amplitude einher, welche mit einer entsprechenden Reaktion bei visueller Wahrnehmung zusammentrifft. Die physiologischen Befunde werden dahingehend interpretiert, dass selbst eine geringfügige Stressinduktion ausreicht, damit nicht für die Aufgabe relevante Reize nicht vollständig ausgeblendet werden können.

 

Paczynski, M., Burton, A.M., and Jha, A.P. (2015). Brief exposure to aversive stimuli impairs visual selective attention. Journal of Cognitive Neuroscience, 27:6, 1172-1179.

DOI: 10.1162/jocn_a_00768

 

Serotonin Synthesis and Reuptake in Social Anxiety Disorder: A Positron Emission Tomography Study (Frick et al.)

Bisher werden gegen Social Anxiety Disorder (SAD) oftmals Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) verschrieben, welche die Konzentration von Serotonin im synaptischen Spalt erhöhen sollen. Diese Maßnahme wird durch die Ergebnisse dieser Studie stark in Frage gestellt. Betrachtet wurde der Zusammenhang zwischen der Serotoninverfügbarkeit in verschiedenen Hirnstrukturen (u.a. Amygdala, Hippocampus, anteriorer cortex cinguli und Raphé-Kerne)  und das Ausmaß von SAD. Gegenüber der gesunden und gematchten Kontrollgruppe zeigten die von SAD Betroffenen Probanden eine erhöhte Serotoninverfügbarkeit, was zur Schlussfolgerung führt, dass die Neurotransmission bei SAD durch ein überaktives präsynaptisches serotonerges System gekennzeichnet ist. Sollte sich dieses Ergebnis bei weiteren Untersuchungen bestätigen, hätte dies weitreichende Folgen für die Behandlung des Krankheitsbildes, da Serotonin in dem Falle Ängstlichkeit verstärkt und nicht mindert.

 

Frick, A., Åhs, F., Engman, F., Jonasson, My, Alaie, I., Björkstrand, J., Frans, Ö., Faria, V., Linnman, C., Appel, L., Wahlstedt, K., Lubberink, K.,  Fredrikson, M. and Furmark, T. (2015). Serotonin Synthesis and Reuptake in Social Anxiety Disorder: A Positron Emission Tomography Study. JAMA Psychiatry.

DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2015.0125