PsyNews Mai ’15

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Praktikum

Was sind PsyNews?

Jeden Monat werden in unzähligen Journals noch unzähligere Artikel und Paper veröffentlicht, was es erheblich erschwert, einen Überblick zur aktuellen Forschung zu bekommen. Wir posten ab nun monatlich eine Auswahl der interessantesten „Neuerscheinungen“ der vergangenen vier Wochen, die über die Grenzen der jeweiligen Teildisziplin hinaus spannend sind. Viel Spaß beim Lesen!

 

Hand Washing Induces a Clean Slate Effect in Moral Judgments: A Pupillometry and Eye-Tracking Study (Kaspar et al.)

Unter dem Macbeth-Effekt versteht man ein Phänomen von embodiment, wobei ein Zusammenhang zwischen dem Waschvorgang und moralischer Wahrnehmung postuliert wird. In der vorliegenden Studie konnte dieser Befund dahingehend repliziert werden, dass Händewaschen in weniger extremen Beurteilungen moralisch sowohl guter als auch schlechter Situationen resultierte. Unter Kontrolle physiologischer Parameter konnte darüber hinaus dargelegt werden, dass diese Unterschiede im Urteil nicht auf visuelle Wahrnehmungsdifferenzen zurückzuführen sind. Der Waschvorgang selbst wird als zugrundeliegender Mechanismus vorgeschlagen, indem er Emotionen herunterzuregulieren erleichtert.

Kaspar, K., Krapp, V., & König, P. (2015). Hand Washing Induces a Clean Slate Effect in Moral Judgments: A Pupillometry and Eye-Tracking Study. Scientific Reports 5, 10471.

DOI: 10.1038/srep10471

 

When Imagining Yourself in Pain, Visual Perspective Matters: The Neural and Behavioral Correlates of Simulated Sensory Experiences (Christian et al.)

Reine Vorstellung produziert oft dieselben oder ähnliche Effekte wie tatsächliche Ereignisse, auch auf neuronaler Basis. Im Kontext der Vorstellung eigenen Schmerzes wurde in diesem Experiment die Wahrnehmungsperspektive der Versuchspersonen manipuliert: diese wurden gebeten, sich selbst in schmerzvollen Situationen vorzustellen, entweder aus Perspektive der ersten Person, sich selbst von außen beobachtend, oder aus Perspektive einer dritten, anderen Person. Bei Probanden ersterer Gruppe wurde eine erhöhte Aktivitäten in Gehirnarealen festgestellt, die mit interozeptiver und emotionaler Wahrnehmung assoziiert sind. Interessanterweise konnte kein Unterschied in Abhängigkeit davon festgestellt werden, ob man sich selbst als dritte wahrnehmende Person vorstellte oder jemand anderes.

Christian, B.M., Parkinson, C., Macrae, C.N., Miles, L.K., & Wheatley, T. (2015). When Imagining Yourself in Pain, Visual Perspective Matters: The Neural and Behavioral Correlates of Simulated Sensory Experiences, Journal of Cognitive Neuroscience, 27(5), 866-875.

DOI: 10.1162/jocn_a_00754

 

Learning the Language of Time: Children’s Acquisition of Duration Words (Tillman et Barner)

Spracherwerb stellt einen wichtigen Schritt in der Entwicklung eines jeden Kindes dar. Dabei bereitet vor allem die Verwendung von abstrakten Begriffen Schwierigkeiten. In der vorliegenden Studie wurden insbesondere Wörter untersucht, welche Zeitdauer angeben wie bspw. Minute, Stunde oder Tag. Obwohl diese schon sehr früh von Kindern verwendet werden, bestehen Unklarheiten bezüglich der genauen Bedeutung und Verwendung. Kinder können dabei im Alter von 4 Jahren bestimmen, dass eine Minute kürzer als eine Stunde ist, jedoch dauert es bis zum 7. Lebensjahr, bis Vergleiche wie 7 Minuten vs. 2 Stunden korrekt beurteilt werden können. Erste Ordnungen von Zeitwörtern sind demnach relativer Natur und erfordern das Erlernen formaler Definitionen, um korrekt verwendet werden zu können.

Tillman, K.A. &  Barner, D. (2015). Learning the Language of Time: Children’s Acquisition of Duration Words. Cognitive Psychology, 78, 57-77.

DOI: 10.1016/j.cogpsych.2015.03.001

 

Borrowing Personal Memories (Brown et al.)

Man sitzt mit Freunden zusammen und reihum werden Anekdoten erzählt, doch handelt es sich dabei immer um wirklich eigene Geschichten? Wie eine Studie unter amerikanischen College-Studierenden nun zeigt, geben nahezu 60% an, entweder die gesamte Geschichte oder zumindest Teile von einem Dritten “geliehen” zu haben. Als Hauptmotiv wurde dabei ein Wunsch nach Aneignung der Geschichte (“story envy”) angegeben, welches zusammen mit dem vielfach demonstrierten Effekt der Quellenamnesie neues Licht auf die Konstruktion unserer autobiographisches Gedächtnisses wirft. Interessant, doch nicht überraschend: Mehr Männer als Frauen berichten, sich Geschichten auszuleihen.

Brown, A.S., Caderao, K.C., Fields, L.M., & Marsh, E.J. (2015). Borrowing Personal Memories. Applied Cognitive Psychology, 29(3), 471-477.

DOI: 10.1002/acp.3130

 

The temporal dynamics of emotional acceptance: Experience, expression, and physiology (Dan-Glauser et Gross)

Akzeptanz als umfassendes Annehmen des gegenwärtigen Moments ist Technik vieler philosophischer Schulen und Strömungen wie etwa Buddhismus oder Stoa sowie Element psychotherapeutischer Verfahren im Zusammenhang mit Emotionsregulation. Die vorliegende Studie untersucht die emotionalen und physiologischen Muster, die mit verschiedenen Strategien, emotionalen Signalreizen zu begegnen, einhergehen. Im Gegensatz zu einfacher Unterdrückung positiver oder negativer Stimuli führt Akzeptanz zu mehr positiven Gefühlen und einer geringerer Veränderung physiologischer Parameter wie Blutdruck und Herzschlag.

Dan-Glauser, E.S. & Gross, J.J. (2015). The temporal dynamics of emotional acceptance: Experience, expression, and physiology. Biological Psychology, 108, 1-12.

DOI: 10.1016/j.biopsycho.2015.03.005

 

Prevalence of internet gaming disorder in German adolescents: diagnostic contribution of the nine DSM-5 criteria in a state-wide representative sample (Rehbein et al.)

Neben substanzgebundener Abhängigkeit stellen Verhaltensabhängigkeiten eine relativ neue Kategorie psychopathologischer Diagnostik dar. In der Sektion 3 des DSM-5, in welcher “Forschungsdiagnosen” aufgeführt werden, findet sich dementsprechend eine “Internet Gaming Disorder” (IGD), welche durch neun “klassische” Suchtkriterien operationalisiert ist. Diese “Computerspielabhängigkeitsskala” wurde in einer Schülerbefragung in Niedersachsen angewandt und ergab eine Prävalenz von 1.16% nach Maßstäben des DSM-5, wobei mehr Männer als Frauen betroffen waren. Die Studie diskutiert ebenfalls die Bedeutung verschiedener Kriterien und das Konzept “IGD” an sich.

Rehbein, F., Kliem, S., Baier, D., Mößle, T., & Petry, N.M. (2015). Prevalence of internet gaming disorder in German adolescents: diagnostic contribution of the nine DSM-5 criteria in a state-wide representative sample. Addiction, 110, 842–851.

DOI: 10.1111/add.12849

 

Having Friends and Feeling lonely: A Daily Process Examination of Transient Loneliness, Socialization, and Drinking Behavior (Arpin et al.)

Einsamkeit als psychologisches Konstrukt wird meist über einen längeren Zeitraum hinweg gemessen und operationalisiert. In der vorliegenden Studie wird ein Tagesintervall angelegt, um Schwankungen in persönlicher Einsamkeits-Bewertung mit Verhaltensveränderung, insbesondere Trinkverhalten, in Verbindung zu bringen. Unter anderem konnte dargelegt werden, dass Einsamkeitsgefühl auf Tagesbasis positiv mit Trinken alleine und negativ mit Trinken in Gesellschaft korreliert ist.

Arpin, S.N., Mohr, C.D., & Brannan, D. (2015). Having friends and feeling lonely: A dail process examination of transient loneliness, socialization, and drinking. Personality and Social Psychology Bulletin, 41(5), 615-628.

DOI: 10.1177/0146167215569722