Serienrezension „Boston Legal“

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Boston legal
Quelle: http://www.fox.de/series/boston-legal
Boston Legal
Quelle: deutsche Fox-Homepage
Praktikum

Auch, wenn man kein großer Fan von Anwaltsserien ist, sollte man „Boston Legal“ durchaus eine Chance geben. In den abgeschlossenen fünf Staffeln – gerüchteweise wurde die Serie vor allem wegen ihrer dem konservativen Lager politisch unbequemen Kommentare abgesetzt – werden viele kontroverse gesellschaftliche Themen abgehandelt und das oft aus ungewöhnlichen, zum Denken anregenden Perspektiven.

Handlung

Die Serie dreht sich um die Freundschaft zwischen zwei Anwälten. Der Leiter der erfolgreichen Bostener Kanzlei, Denny Crane, dargestellt von William Shatner (den meisten besser bekannt als „Captain James T. Kirk“ aus „Star Trek“), ist unter seinen eigenen Partnern und Angestellten zur ärgerlichen Witzfigur verkommen, den manche nur zu gern absägen würden. Sein bester Freund Alan Shore, grandios gespielt von James Spader, hält ihm jedoch die Treue und coacht ihn in so mancher Lebenslage, vom großen Prozess bis hin zur privaten Liaison.

In einzelnen Folgen geht es sowohl um die Klienten, die die Hilfe der beiden zu oft sehr ungewöhnlichen Fällen suchen, als auch um das soziale Miteinander innerhalb der Kanzlei. Fast jede Folge endet auf dem Balkon der Kanzlei, auf dem Denny und Alan ihre traditionelle Zigarre zusammen rauchen, Alkohol trinken und die Handlung der Folge humorvoll nachbesprechen.

Überhaupt zieht die Serie viel ihrer erzählerischen Kraft aus wiederkehrenden Elementen wie den verrückten Verkleidungen zu feierlichen Anlässen und selbstironischen Bemerkungen, die durchscheinen lassen, dass die dargestellten Charaktere wissen, dass sie nur in einer Serie leben. So bezeichnet sich zum Beispiel Denny Crane selbst als Raumschiffskapitän, ein Darsteller summt die Titelmelodie der Serie und Denny fragt sich, ob es irgendwo noch einen Sendeplatz gäbe, an dem sie noch nicht gewesen seien.

Abgehandelte psychologische Themen

  • Alzheimer, Sterbehilfe
  • Homosexualität, Transsexualität, Gender-Themen
  • Skills gegen soziale Ängste
  • Asperger-Autismus
  • Psychopathie
  • dissoziative Identitätsstörung
  • Stalking
  • gesellschaftlicher Umgang mit Sexualstraftätern
  • medikamentöse Vorbeugung von PTBS
  • Risiken der Pharmakotherapie
  • Konversionstherapie bei Homosexualität

… und noch viele mehr …

Bewertung aus psychologischer Sicht

Die Serie besticht durch ihren ganz eigenwilligen Humor, ihre skurrilen Figuren und ihre oft provozierenden Thesen. Dann wäre da die schräge Männerfreundschaft zwischen Denny und Alan mit ständigem homosexuellen Subkontext, der aber gleichwohl auch ständig von beiden abgestritten wird. Zudem fällt es schwer, die Figur des Alan Shore nicht zu mögen, der gleich in der ersten Folge der Serie feststellt: “Ich war immer stolz darauf, dass ich … na ja … verrückt bin. Aber in dieser Firma merke ich auf einmal, dass ich in die Kategorie der geistig Gesunden falle.” Obwohl er oft provokant auftritt und ungewöhnliche Standpunkte verteidigt, zeigt er seinen Klienten gegenüber ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Feingefühl. Schamgefühle scheinen ihm fremd zu sein, konsequent setzt er sich über jedes Männlichkeitsklischee hinweg, wenn er zum Beispiel im Advent blinkenden Kopfschmuck trägt oder sich zur Firmenfeier zusammen mit Denny als rosa Flamingo verkleidet.

Die psychologischen Themen werden meist sehr korrekt dargestellt, aber nicht immer wissenschaftlich von allen Seiten beleuchtet. Darum geht es in der Serie aber auch nicht, vielmehr war den Autoren hinter der Serie ganz offensichtlich wichtig, Dinge als normal zu zeigen, die sonst eher Aufsehen erregen würden. Nicht so in der Kanzlei “Crane, Poole & Schmidt” – hier geht der erfolgreiche Anwalt mit einer Kleinwüchsigen aus, Alans Assistent präsentiert sich mal als Mann, mal als Frau, ein Anwalt verteidigt seine Ex-Freundin bezüglich einer Straftat gegen sich selbst und das von allen einhellig verehrte Sex-Symbol ist eine Frau, die der Sechzig näher steht als der Fünfzig und sich stets hoch geschlossen kleidet. Das fulminante Finale der Serie lässt einen wünschen, dass sie nie abgesetzt worden wäre und dass alle Menschen Fremdes so offen und unvoreingenommen betrachten würden wie Alan Shore.