Serienrezension “Mr. Robot”

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Mr. Robot
Quelle: http://www.imdb.com
Praktikum

Die Serie “Mr. Robot” wurde bisher vor allem für ihre relativ wirklichkeitsnahe Darstellung vom Hacken diskutiert und gerühmt, aber auch PsychologInnen könnten ihre Freude an den bisherigen zwei Staffeln haben. Zumindest diejenigen, denen auch der Film “Fight Club” gefiel — denn an diesen macht die Serie recht deutliche Anleihen.

Handlung

Die Story ist jedenfalls sehr ähnlich. Der Protagonist Elliot Alderson ist ein ganz normaler Bürohengst, nur im Vergleich zum “Fight Club”-Protagonisten mit weniger sozialen Kompetenzen und mehr IT-Kenntnissen ausgestattet. Sein Job in einer Sicherheitsfirma besteht daraus, Hacker-Abgriffe abzuwehren, was er darum besonders gut kann, weil er selbst Hacker ist und sich damit bestens auskennt.

Aber schon nach kurzer Zeit lernt er Mr. Robot kennen, einen Mann mittleren Alters, der ihn in die Hacker-Community “f society” einführt und ihm seinen Plan offenbart, das große Firmen-Imperium “E Corp” zu stürzen und damit verbunden die Menschen von ihren digital gespeicherten Schulden zu befreien. Ein Narr, wer da an “Projekt Chaos” aus “Fight Club” denkt. Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, läuft gegen Ende der ersten Staffel eine Cover-Version von “Where Is My Mind?” im Hintergrund, also das Lied, das für alle “Fight Club”-Fans untrennbar mit der Schlussszene assoziiert ist.

Jedenfalls gefällt Elliot dieser Plan richtig gut, denn “E Corp” vertuschte einen Giftmüllskandal, an dem sein Vater viel zu früh starb. Trotzdem muss er neben seinem normalen Job und seinem Engagement für “f society” noch ganz andere Dinge managen: Seine Drogensucht, seine Paranoia, seine Panikattacken und natürlich seine Beziehungen zu einer ganzen Reihe seltsamer Nebencharaktere: der psychopathische Tyrell, die sich in der Selbstfindung befindliche Angela, die Drogen-Dealerin Shayla, die mit völliger Selbstverständlichkeit unter seiner Dusche auftauchende Darlene und der/die geschlechtswandelnde Whiterose.

Abgehandelte psychologische Themen

  • F44.81 (ja, genau dieselbe Diagnose wie in “Fight Club”)
  • F11.2 psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide: Abhängigkeitssyndrom
  • Psychopathie / F60.2 dissoziale Persönlichkeitsstörung
  • F64.0 Transsexualismus
  • ambulante Psychotherapie

Bewertung aus psychologischer Sicht

Elliot selbst hält seine Symptome erst für die einer Psychose, denn er ist paranoid und sieht und hört Dinge, die andere nicht wahrnehmen, meist in Stresssituationen. Damit greift die Serie wunderbar die wichtige Differentialdiagnostik auf, denn die sogenannten “Symptome der Schizophrenie nach Schneider” treten in der Tat auch bei F44.81 auf und bieten so auch für erfahrene Diagnostiker große Verwechslungsgefahr. Außerdem werden bei F44.81 wie bei allen dissoziativen Störungen bestimmte Gedächtnisinhalte oder Hirnfunktionen unterdrückt — das erlebt Elliot recht deutlich, als er Darlene nicht wiedererkennt, die aber so tut, als würde sie ihn schon ein Leben lang kennen. Alles in allem eine gelungene Darstellung, wie auch der Psychiater Dr. Paul Puri findet. Elliots Innenwelt wird immer wieder sehr originell und nachvollziehbar dargestellt, so dass man als ZuschauerIn Teil an der Sinnestäuschung hat. Auch werden psychische Prozesse immer wieder mit Computerprozessen verglichen, was ich sehr anschaulich finde.

Auch realistisch und überzeugend wirkt die ambulante Psychotherapie, wobei einem die Dame schon sehr leid tun kann: Sie hat bei Elliot keine Chance, er lässt sie einfach nicht ran. Und dann wäre da noch Tyrell Wellick, der entweder unter einer dissozialen Persönlichkeitsstörung leidet oder sogar ein Psychopath ist (seine mangelnde Empathie und sein mangelndes Schuldbewusstsein spricht eher für letzteres). Er und seine Frau haben sich jedenfalls gesucht und gefunden, wobei ich mich bei ihrer Diagnose nicht festlegen möchte.

Persönlich fand ich sowohl das Ende der ersten als auch das der zweiten Staffel etwas enttäuschend. Zu viel bleibt offen, aber das ist wohl gewollt, denn die Handlung soll sich ja noch weiter entwickeln. Jedenfalls setzt die zweite Staffel dort an, wo “Fight Club” seinerzeit aufhörte: Was passiert nach dem großen Banken-Crash, bei dem alle Kreditaufzeichnungen im Nirvana verschwinden? Wie reorganisiert sich die Gesellschaft, wenn keiner mehr mit Kredit- oder EC-Karte bezahlen kann? Die zweite Staffel versucht, darauf Anworten zu geben, während sie weiter das Seelenleben der Haupt- und Nebencharaktere verfolgt. Sehenswert! Die dritte Staffel soll im Oktober 2017 erscheinen.