Serienrezension „Perception“

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Quelle: Spoiler-TV
Praktikum

Die amerikanische Serie „Perception“ könnte man als lose Verfilmung von Büchern wie „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ oder „Ich denke, also bin ich tot“ betrachten, denn in ihr werden neuropsychologische Phänomene akkurat und pädagogisch wertvoll aufbereitet. Für PsychologInnen ist die Serie darum ein lohnender Krimi, denn als solcher oder solche ahnt man oft schon den Ausgang der Folge und kann sich dann wunderbar über das eigene fundierte Wissen freuen.

Handlung

Dr. Daniel Pierce ist Neurowissenschaftler und doziert sein Fach an einer amerikanischen Universität. Bei den Studierenden ist er beliebt, weil er seinen Stoff anschaulich aufbereitet und es schafft, für jeden nachvollziehbare Alltagsbezüge herzustellen. Was die meisten seiner StudentInnen nicht ahnen, ist, dass Pierce das deswegen so gut schafft, weil er selbst sehr direkte Erfahrungen mit neurologischen Besonderheiten macht: Er leidet seit vielen Jahren an einer paranoiden Schizophrenie, die sich in seinem Fall vor allem mit szenischen Halluzinationen äußert.

Die allermeisten Folgen der Serie beginnen und enden damit, dass Pierce über ein spezielles neurologisches Prinzip oder Phänomen in seinem Vorlesungssaal referiert, dass dann — natürlich ganz zufällig — eine wichtige Rolle in dem Kriminalfall spielt, den seine ehemalige Studentin und gute Freundin Kate Moretti vom FBI an ihn heranträgt. Pierce berät Moretti bei diesen Fällen, diagnostiziert neurologische und psychiatrische Störungen und liefert ihr wichtige Informationen, die meist zur Aufklärung der Fälle beitragen. Dabei muss er manchmal von seinem Assistenten Max Lewicki, einem ehemaligen psychiatrischen Pfleger, zur Ordnung gerufen werden, wenn die psychotischen Symptome zu dysfunktional werden.

So weit, so gut, was unterscheidet diese Krimi-Serie von jeder beliebigen anderen FBI- oder CSI-Serie? Die Antwort ist: Der Blick eines psychiatrisch Kranken. Oft genug fällt in den einzelnen Folgen der Tatverdacht als erstes auf den psychisch Gestörten, und oft genug ist es Pierce, der sich auf die Seite der Kranken stellt und logisch argumentiert, warum ihre Störung kein Motiv für die Tat darstellt. Es wird auch gut differenziert zwischen handlungsbedürftigen Störungen und solchen, die für die Betroffenen lediglich eine vernachlässigbare Einschränkung im Alltag darstellen. Beim Zuschauer reift die Erkenntnis, dass die Dimension mit den Polen „gesund“ und „krank“ eine sehr breite mit vielen Grautönen sein könnte.

Sehr interessant und lehrreich ist dabei auch Pierce Umgang mit seiner eigenen Störung. Seine Halluzinationen werden in der Serie nicht nur als störende Symptome einer schweren psychischen Störung betrachtet, sondern sie werden als verzerrte Darstellungen vorbewusster Wahrnehmungen und Kognitionen dargestellt. Zum Beispiel halluziniert Pierce einen Geheimdienstler, wenn der Fall, mit dem er sich beschäftigt, etwas mit Geheimhaltung und Verschlüsselung zu tun hat. Der Zuschauer darf dann genau wie die Figur des Pierce selbst rätseln, welche Eigenschaften der Halluzinationen Hinweise auf die Realität liefern und welche tatsächlich nichts anderes als Hirngespinste sind.

Abgehandelte psychologische Themen

  • paranoide Schizophrenie, szenische Halluzinationen
  • Vor- und Nachteile von Neuroleptika
  • Aphasie
  • Prosopagnosie
  • anterograde Amnesie
  • religiöser Wahn
  • Konsum psychotroper Substanzen
  • Persönlichkeitsveränderungen nach Hirnschäden
  • Capgras-Syndrom
  • Veränderungsblindheit
  • Tourette-Syndrom
  • Konversionsstörungen
  • Umgang mit virtueller Realität
  • Parkinson
  • Klüver-Bucy-Syndrom
  • Asperger-Autismus
  • Stockholm-Syndrom
  • Analgesie
  • Alzheimer-Krankheit
  • künstliche Intelligenz
  • Arithmomanie
  • Berührungs-Synästhesie

Bewertung aus psychologischer Sicht

Die Macher der Serie haben sich von David Eagleman beraten lassen, einem berühmten amerikanischen Neurowissenschaftler und Bestseller-Autoren. Das macht sich bezahlt, und zwar in der wissenschaftlich getreuen Darstellung einzelner Störungen und Wahrnehmungsphänomene. Wer das Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ besitzt, sollte z. B. das Kapitel „Die Ansprache des Präsidenten“ noch einmal lesen und dann die erste Folge der Serie anschauen. So oder so ähnlich wurden in der Serie manche Falldarstellungen eins zu eins nachgestellt und in die Handlung eines Krimis eingebaut und so wird auch ganz nebenbei bewiesen, dass die Realität auch genug Unterhaltungswert besitzt, ohne dass man sie mit Erfindungen unnötig aufbauscht.

Natürlich ist die Serie trotzdem hoffnungslos amerikanisch und daher für deutsch sozialisierte Hirne manchmal sehr übertrieben in der Darstellung von Gefühlen; die Schauspieler geben sich alle Mühe, sehr dramatisch zu wirken. Auch wenn man darüber hinwegzusehen vermag, wird vielleicht ärgern, dass die Halluzinationen von Pierce ziemlich klischeehaft dargestellt sind, man fühlt sich sehr an den Film „A Beautiful Mind“ erinnert. Allerdings: Auch „A Beautiful Mind“ portraitierte einen echten Fall, den Mathematikers John Forbes Nash, und dieser hatte tatsächlich die dargestellten szenischen Halluzinationen. Obwohl dies also keine typische Symptomatik darstellt — die meisten Schizophrenen hören eher Stimmen, als dass sie Menschen sehen — entspricht die Darstellung auch hier durchaus realen Fällen.

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Zuletzt ist die Serie aufgrund ihrer gesellschaftspolitischen Ausrichtung bemerkenswert: Pierce ist ein wandelndes Mahnmal gegen Vorurteile und Stigmatisierung von psychisch Kranken. Im Film wird beispielhaft Inklusion geübt: Pierce ist, wenn man ihn entsprechend behandelt und seine Wahrnehmung gelegentlich freundlich hinterfragt, ein wertvoller Bestandteil des Ermittlungs-Teams, trotz oder gerade wegen seiner Schizophrenie. In einer TV-Landschaft, in der psychisch Gestörte meist nur als wahnsinnige Axtmörder oder bedauernswerte Lasten der Gesellschaft dargestellt werden, bietet „Perception“ eine alternative Sicht, eine humanistischere.