Spinnen, Phobie & Recht — Psychologe verklagt Stadt

0
571
Passend zum Beitrag ein Netz ohne Spinnen.
Praktikum

200.000 — so viele Menschen mit einer pathologischen Angst vor Spinnen gibt es laut Dieter Trautman zur Zeit in Deutschland. Im ICD-10 ist die Störung unter F40.2 zu finden. PatientInnen, die die Diagnose Spinnenphobie bekommen, leiden unter übertriebener oder unbegründeter starker anhaltender Angst vor Spinnen, heftigen Angstreaktionen bis hin zu Panikattacken bei Konfrontation mit Spinnen und infolgedessen an Vermeidungsverhalten, das sie in ihrer Lebensführung einschränkt. So auch diverse PatientInnen des in Landsberg am Lech ansässigen Psychologen Dieter Trautmann.

Behandelt wird die Phobie wahlweise mit Konfrontations- oder Expositionstherapie, wobei sich die PatientInnen unter Anleitung des Therapeuten freiwillig und kontrolliert den phobischen Reizen aussetzen. Mit der Freiwilligkeit ist es in Landsberg allerdings zur Zeit schwierig: Dort startet demnächst eine große Ausstellung über Insekten und Spinnen. Diese wird eifrig beworben — so hängen in der ganzen Stadt Plakate mit großen Skorpionen, Käfern und haarigen Vogelspinnen darauf.

Passend zum Beitrag ein Netz ohne Spinnen.

Aus Rücksichtnahme hier nur ein Spinnennetz, dessen Besitzerin nicht zu Hause ist; in Landsberg hingegen kommt man zur Zeit um deren Anblick nicht herum .

Dass es vor diesem Anblick zur Zeit kein Entkommen gebe, sei für ansässige SpinnenphobikerInnen eine unfreiwillige Therapie und damit Körperverletzung, findet Dieter Trautmann und klagt gegen die Stadt und den Betreiber der Ausstellung. Wörtlich erklärt er in einem BR-Interview: „Das ist genauso, wie wenn ich als Arzt jemandem ein Medikament spritze, ohne vorher sein Einverständnis eingeholt zu haben. Deswegen stellt es eine Körperverletzung dar.“

Zwar hinkt der Vergleich insofern, als es sich bei der Injektion eines Medikaments um einen Substanzeingriff handelt — doch beinhaltet der objektive Tatbestand des § 223 StGB, der die Körperverletzung regelt, auch die Option der „Gesundheitsschädigung“, und diese „[ist] nicht auf die Beeinträchtigung des körperlichen Zustandes beschränkt; vielmehr kann auch die Erregung oder Steigerung einer psychischen pathologischen Störung Gesundheitsschädigung sein“ (Schönke/Schröder/Sternberg-Lieben/Eser StGB § 223 Rn. 6 ). Trautmann könnte also durchaus Recht haben, sofern sich durch den Anblick der Spinnen der Gesundheitszustand seiner PatientInnen (zeitweise) maßgeblich verschlechtert.

Und genau dies sei der Fall: Eine Patientin leide an so starkem Vermeidungsverhalten, dass es ihr zur Zeit nicht mehr möglich sei, das Haus zu verlassen. Eine andere müsse Umwege in Kauf nehmen weil sie mit dem Auto nicht mehr durch die Stadt fahren könne, solange überall Plakate mit riesigen Spinnen prangen. Ein wichtiges Zusatzargument: Die Plakate sind auch neben stark befahrenen Straßen zu finden. Da die Aufmerksamkeit von PhobikerInnen von dem phobischen Objekt angezogen werde, fürchtet Trautmann, es könne schlimmstenfalls zu Verkehrsunfällen kommen.

Vermeidungsverhalten und Verkehrsunfälle — Trautmann befürchtet schlimme Folgen für seine PatientInnen.

Das Bauordnungsamt konnte nicht abhelfen — dessen Leiter teilte mit, die Plakatierung sei ordnungsgemäß beantragt und genehmigt worden, weshalb es an einer Rechtsgrundlage fehle, um die Beseitigung der Werbung anzuordnen. Er versprach allerdings, man werde dafür sorgen, dass die Plakate nach der Ausstellung zügig entfernt werden.

Der Fall ist auf einiges Medieninteresse gestoßen, und in den Kommentarsektionen scheiden sich die Geister: berechtigte Sorge und notwendige Rücksichtnahme auf einen Teil der Bevölkerung oder Überreaktion auf die Befindlichkeiten einzelner? Einerseits zeichnet sich die Phobie ja gerade durch übertriebene oder unbegründete Angst vor Objekten, in diesem Fall eben Spinnen, aus — Objekten, die für den überwiegenden Großteil der Menschen nichts Außergewöhnliches sind. So kann man als BetroffeneR eigentlich nicht erwarten, eine von phobischen Objekten befreite Umwelt vorzufinden. (Im Übrigen wäre es, wenn die Plakate weg wären, immer noch unmöglich, eine spinnenfreie Umgebung zu finden.) Man könnte, wenn man weiterdenkt, sogar hinterfragen, ob der Psychologe nicht mit seinen PatientInnen an Bewältigungsstrategien arbeiten sollte, anstatt ihr Vermeidungsverhalten zu verstärken, indem er auf die Entfernung der Plakate hinzuwirken versucht. Andererseits befindet sich natürlich nicht alle SpinnenphobikerInnen in Behandlung, und für diejenigen, die keine TherapeutInnen haben, der die vorübergehende Zusatzbelastung durch die Plakate auffangen könnte, stellen diese aktuell ein gravierendes Problem dar.

Nun, was meint ihr?

 

Fundstellen:

br.de am 07.09.2016

justillon.de am 09.09.2016